Weil Ulli Lust Gewalt und Verbrechen nicht mag, bleiben ihr nur Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Hinter Vintagebrille, Pony und locker zur Seite geflochtenen Haaren lacht sie laut auf und sagt dann: "Für Erotik interessiert sich doch jeder." Als Topos sei sie für das Erzählen wie gemacht – ganz besonders für die gezeichnete Erzählung.

Der luftige Berliner Sommertag weht in die kleine Wohnung am Prenzlauer Berg, eine Mischung aus Villa Kunterbunt und Studenten-WG, in der die Comic-Künstlerin Ulli Lust seit Jahren wohnt und zeichnet. An der Wand über der rot bezogenen Matratze hängen Skizzen vom Vorabend – diesmal keine sinnlichen Szenen, sondern Frauen, die im Mülleimer wühlen, und solche, die sich zwischen Kinderbuggy und Smartphone verlieren. Gezeichnet sind sie im Comic-Stil und doch nicht spaßig. Denn Ulli Lust, die den Mädchennamen ihrer Mutter trägt, weil das väterliche Schneider so spießig klang, glaubt: "Lustig bin ich nicht so. Deshalb war mir der Humor- und Cartoon-Weg immer verschlossen."

Tatsächlich verdankt Ulli Lust, 49 Jahre, aufgewachsen im Weinviertel und heute eine der international erfolgreichsten Comic-Autoren aus dem deutschsprachigen Raum, ihren Erfolg vor allem dem ernsthaften Scharfblick ihrer Erzählungen. Etwa die Adaption der Flughunde von Marcel Beyer, eines der ersten Comic-Werke, mit dem sich der traditionsreiche Literaturverlag Suhrkamp für die Kunst der Bilderzählung geöffnet hat. Dort illustriert Lust die gespenstische Geschichte der Kinder von Joseph Goebbels, die am Ende von der eigenen Mutter im Bunker ermordet wurden. Oder Lusts 460 Seiten starker, in elf Sprachen übersetzter Roman Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens, für den sie nach Dutzenden internationalen Preisen als bisher einzige deutschsprachige Zeichnerin auch den amerikanischen Ignatz Award und den LA Times Book Prize gewonnen hat, gewissermaßen die Oscars der Comic-Branche.

Es ist die Geschichte einer 17-Jährigen, die erst in der Wiener Punkszene der 80er Jahre untertaucht und bald mit einer nymphomanischen Freundin, aber ohne Papiere und Geld nach Italien ausbüchst. Das adoleszent-anarchische Abenteuer wird zu einer Odyssee zwischen Prostitution und Drogen, Mafiosi, Knast und Leben auf der Straße, wo mit jeder weiteren Etappe gen Süden die Machtlosigkeit angesichts männlicher Herrschaftsansprüche steigt und Vergewaltigungen nicht ausbleiben.

Dieses Mädchen war Ulli Lust selbst. "Ich habe versucht, es wie jeden anderen Stoff auch zu behandeln", sagt sie 30 Jahre später über die erstaunliche Radikalität, mit der sie selbst persönliche Scham und Schande zur Schau stellt. Was ist aus der Halbwüchsigen, die an ihrer rebellischen Naivität schmerzhaft scheiterte, geworden? "Heute bin ich älter", sagt Ulli Lust, während das Mädchen rund um die seegrünen Augen neckisch aufblitzt. Es ist das Lachen einer Frau, die angekommen und dennoch unangepasst geblieben ist. Erfrischend zwanglos, aber selbstbewusst und längst im Reinen mit sich selbst, auch dann, wenn sich in ihren poetisch formulierten Gedankengängen das ostösterreichisch-rollende R und ein wenig Berliner Schnauze mischen.

Fast fünf Jahre lang hat Lust an ihrem autobiografischen Epos gearbeitet, das ihr den großen Durchbruch brachte. Mit mal lyrisch-feinem Strich, dann brutal aufgetragenen Schattierungen nimmt die Dramaturgie Fahrt auf, die sequenzielle Bildsprache changiert zwischen naiver Abstraktion und detailverliebter Mimik, zurückgehalten coloriert in olivgrünen Tönen.

Als Ulli Lust mit 18 gesenkten Hauptes Italien verlassen musste, kehrte sie in ihr 300-Seelen-Dorf im Weinviertel zurück. "Meinen Eltern kann ich nur auf ewig dankbar sein, dass sie zu mir gehalten haben", sagt sie. Und überhaupt: Sie habe eine sehr schöne Kindheit gehabt, "und keinen Grund, auf jemanden wütend zu sein. Es war reine Abenteuerlust". Aufgewachsen ist sie als mittleres von drei Kindern, der Vater Finanzbeamter, die Mutter Weinbäuerin – und ziemlich bald Großmutter.

Gleich nach der Rückkehr wurde die 18-Jährige schwanger. Ihr Sohn, nur sechs Jahre jünger als ihr Bruder, wuchs bei den Großeltern auf, während die "Wochenendmama" in Wien als Kostümbildnerin einen Neuanfang versuchte. Ihr Sohn lebt nach wie vor in Wien, die Beziehung ist eng und freundschaftlich. "Es ist noch einmal alles gut gegangen", sagt Ulli Lust fröhlich und steckt die Hände zwischen Stuhlkante und ihren bordeauxroten Glockenrock.

Geschlechterverhältnisse und Sex sind wiederkehrende Themen bei Ulli Lust, etwa in ihrer erotisch-mythologischen Erzählung Airpussy. Mit klassischem Porno hat das nichts zu tun. Liebe, sagt sie, "ist nun mal eine wahnsinnig schöne Angelegenheit. Es ist eine der besten, vitalisierendsten und gesündesten Tätigkeiten, die man sich vorstellen kann." Ihr bleibt ein Rätsel, warum sie so stigmatisiert und verteufelt wurde. "Die sexuell aktive, genießende Frau finde ich ein interessantes Studienobjekt. Und es gibt immer noch ganz viel Bedarf an Literatur aus weiblicher Sicht."

"Die Realität ist die Referenz"

Inspiration sucht Lust oft abseits der Comic-Welt. Noch in Wien hatte ihr eine alte jüdische Dame eine Originalausgabe des ersten Simplicissimus geschenkt. "Die Karikaturen im 19. Jahrhundert zeigten keine lächerlichen Menschen, sondern akkurate Gesellschaftsporträts", sagt Lust und schwärmt vom ästhetischen Einfluss japanischer Holzdrucke auf die Stilisierung dieser Epoche.

Zunächst wollte sie nur ein halbes Jahr in Berlin bleiben. Schon in Österreich hatte die junge Mutter begonnen, Kinderbücher zu illustrieren. "Ich war aber noch nicht gut", sagt sie heute. Also ging sie 1995 als Gasthörerin an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee – und entdeckte in der deutschen Hauptstadt, dass es neben Karikaturen und Superhelden-Cartoons auch so etwas wie den modernen Alternativ-Comic gibt. Sie blieb, studierte weiter und machte sich rasch mit genau beobachteten Reportagen aus dem Berliner Alltag einen Namen.

In der Mietwohnung, die frei von Statussymbolen eingerichtet ist, lebt Ulli Lust mit ihrem Partner Kai Pfeiffer, selbst renommierter Comic-Zeichner. Draußen erfüllt die Prenzlberg-Szene jedes Klischee. Alles vegan und vintage, reihenweise Barber-Shops neben Cafés im Shabby Chic und Kitas zwischen frisch sanierten Fassaden. Als Ulli Lust hierher zog, war die Gegend noch eher ein alternatives Viertel und nicht wie heute das Schreckgespenst der Gentrifizierungs-Gegner. Darüber klagen? Ulli Lust sagt: "Ich geh hier nicht mehr weg."

Sie geht vielmehr durch Berlin, immer und immer wieder, bewaffnet mit Skizzenblock und Stift. Erst durch das unablässige Zeichnen sei sie gut geworden, glaubt sie. Gesichter, Hälse, Nasen, Körperverrenkungen in der U-Bahn und auch die scheinbar banalsten Dinge wie geparkte Autos. Lust deutet zur Kanne auf dem kleinen Holztisch, aus der sie ab und zu grünen Tee nachschenkt. "Die Realität ist die Referenz, die ich einfangen können muss. Zeichne ich nur Comicfiguren nach, bin ich nicht mehr als die Epigone eines Stils, den es schon gibt."

Das mit dem unablässigen zeichnerischen Naturstudium impft Ulli Lust auch ihren Studenten ein. Seit 2013 unterrichtet sie Zeichnung und Comic im Studiengang Visuelle Kommunikation an der Hochschule Hannover. Zwar fühle sie sich im Hörsaal oft wie ein Dompteur, die Professur habe aber den großen Vorteil, dass sie nun alle anderen Jobs absagen und sich zeichnerisch völlig auf das nächste große Werk konzentrieren kann.

"Ich habe in meinem Bereich alles erreicht", weiß sie selbst. "Ich habe die wichtigsten Preise gewonnen, viele Übersetzungen, und wenn ich ins Ausland komme, weiß man, wer ich bin." Leben lässt es sich von den Buchverkäufen allein dennoch schwer, der Anruf von der Hochschule kam also gerade recht. "Und die soziale Anerkennung ist auch sehr schön."

In Österreich ist Ulli Lust freilich nur einem kleinen Kreis bekannt. Hier habe man eher die Humorschiene, die Karikatur und den Cartoon gepflegt, "es gibt keine lange Tradition der ernsthaften Bilderzählung wie etwa in Frankreich". Etwas an ihrem eigenen Stil sei dennoch sehr österreichisch, glaubt Ulli Lust: die Vorliebe für Menschen im Alltag und für echte Gesellschaftsstudien. "Dieses Vergnügen am Grotesken und Abseitigen der menschlichen Statur, das ist in Österreich schon sehr verwurzelt", sagt sie mit Verweis auf Größen wie den gerade erst verstorbenen Manfred Deix.

Als Graphic Novel wird die Erzählform Comic allmählich auch im deutschsprachigen Raum ernst genommen. Ulli Lust freut sich zwar darüber und zuckt dann doch die Schultern. Für sie ist und bleibt es Comic. "Es gibt ja auch keine zwei Bezeichnungen für gute und schlechte Bücher." Comic sei einfach "eine Technik, um Geschichten zu erzählen".

Ihre nächste große Geschichte wird 2018 bei Suhrkamp erscheinen. Wieder geht es darin um die weibliche, um ihre eigene Lust am Sex, diesmal eingespannt in eine Dreierbeziehung. "Wahrscheinlich", sagt Ulli Lust und lächelt jetzt ein wenig herausfordernd, "ist es die politische Aufgabe bei meinen Büchern, sexpositiv zu sein."