Zwei tote Schwarze – Fünf tote Polizisten – Clinton nicht kriminell – Trump: Clinton korrupt – Irakkrieg war historischer Fehler – Wieder ein toter Afroamerikaner.

Die Schlagzeilen aus den USA werden seit Wochen immer größer, immer dramatischer, immer wütender. So sehr, dass dahinter das Amerika der wirklichen Menschen zu verschwinden droht. Dabei sind die Meldungen nur zu verstehen, wenn man ganz nah rangeht, in den Alltag vordringt. Denn dort entstehen jene gewaltigen politischen Energien, die einen glauben lassen: Das Land, das den Westen führen sollte, ist selbst aus der Fassung geraten.

Amerika rastet aus. Warum?

Wenn ich dieser Tage durch die Stadt gehe, in der ich seit zwei Jahren lebe, höre ich immerzu irgendwo einen jungen Menschen rufen: "No justice! No peace!" Die jungen Leute blockieren den Verkehr, recken die Hände in die Luft, sie sagen, sie wollten New York für eine kurze Zeit zum Stillstand bringen. Sie wollten die Stadt zum Nachdenken zwingen. Zappt man dann abends durchs TV-Programm, sieht man Bilder junger Leute auch aus Atlanta, St. Louis, Miami, Chicago, sie füllen die Straßen ihres Landes. Sie besetzen Autobahnen, liefern sich Auseinandersetzungen mit der Polizei, Tränengas vernebelt die Bilder, Hunderte wurden schon verhaftet. Die Stimmung ist nicht mehr freundlich, denn in Louisiana und Minnesota wurden vergangene Woche wieder einmal zwei Schwarze von weißen Polizisten erschossen. Danach schoss ein schwarzer Ex-Soldat auf einer Demonstration in Dallas aus einem Hinterhalt zwölf weiße Polizisten an. Fünf starben. Der Mörder hatte die bis dahin friedliche Entrüstung gekapert, dennoch werden die jungen schwarzen Menschen der Black-Lives-Matter-Bewegung nun von vielen für die Morde verantwortlich gemacht. Von weißen Polizisten, von weißen Politikern, von weißen Amerikanern. Die jungen Schwarzen, die jetzt durch die Städte Amerikas ziehen, sind wütend, nicht mehr nur auf die Polizei, sondern auf ein Land, das sie nicht verstehen will.

Schwarz gegen Weiß, man kennt das, aber es wird schlimmer. Und diese Spaltung ist nur eine von vielen. Eine weitere ist politisch. Zwischen Demokraten und Republikanern ist keine Verständigung mehr möglich. Vielleicht auch schon nicht mehr zwischen Republikanern und Republikanern.

Tausende Demonstranten werden zum Republikanischen Parteitag nächste Woche in Cleveland erwartet. Dort soll Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten gewählt werden. Die Gruppen, die sich angemeldet haben, reichen von Citizens For Trump bis Black Lives Matter. Die Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen ist enorm. Der Sommer ist heiß, und die Lust an der offenen Konfrontation scheint zu wachsen. Denn die jungen linken Schwarzen und die konservativen Weißen haben das Gefühl, dass sich die jeweils andere Gruppe nicht mehr an die Spielregeln hält, die dieses Land zusammenhalten sollen.

"Die Mitte hält nicht", hatte Joan Didion Ende der sechziger Jahre über die sozialen Unruhen geschrieben. Wird es dieses Mal anders sein? Und wer wird dafür kämpfen? Für Spielregeln, die eine Mehrheit der Amerikaner gerecht findet? Kaum einer aus der Partei-Elite der Republikaner hat sich bereit erklärt, eine Rede auf dem Parteitag zu halten. Viele haben die Teilnahme sogar ganz abgesagt. Sie wollen nicht nur nicht als Unterstützer Trumps gesehen werden, sie wollen nicht einmal in Cleveland gesehen werden. Das Sprechen überlassen sie Trump, Sarah Palin, Ben Carson, Ted Cruz. Den Extremisten ihrer Partei. Denen, die von der Spaltung des Landes leben.

In der Woche darauf wird Hillary Clinton von ihrer Partei zur Kandidatin gewählt werden. Mit großer Mehrheit und geringer Begeisterung. Kann sie es schaffen, dieses Land mit sich selbst zu versöhnen? Ihre Partei hat sie bereits geeint, wenn auch mit Mühe. Ihr Rivale Bernie Sanders hat ihr am Dienstag öffentlich seine Unterstützung zugesprochen. Aber schafft es Clinton, die in der Bevölkerung so unbeliebt ist wie vor ihr kein anderer demokratischer Kandidat, dass eine Mehrheit in Amerika ihr vertraut? Wer in Washington dieser Tage fragt, ob Hillary Clinton nach einem Wahlsieg das Land heilen könnte, der erntet Verwunderung. Hillary und heilen?

Die Spaltung Amerikas. Wie oft habe ich davon in den letzten beiden Jahren gehört und gelesen. Und dennoch habe ich nie Zweifel daran gehabt, dass die amerikanische Demokratie es schafft, dieses große und gemischte Land trotz aller Unterschiede in der Mitte zusammenzuhalten. Amerika war immer ein Stabilitätsgarant. Auch für Europa. Selbst Trump habe ich, wenn ich ganz ehrlich bin, nie als eine wirkliche Gefahr gesehen. Ich habe seine Erfolge immer als Versagen der anderen verstanden – und das, dachte ich, ließe sich doch ändern. In diesen Sommertagen frage ich mich zum ersten Mal, ob das noch stimmt. Hat das politische System, haben die Protagonisten und Parteien überhaupt noch die Fertigkeiten, um die anbrandende Wirklichkeit zu verarbeiten?

Als ich mit diesen Gedanken im Kopf kürzlich durch Washington spazierte, das zwischen Weißem Haus und Kapitol dalag wie eine schlafende, weiße Katze, überlegte ich, ob diese stolzen Denkmäler der Demokratie nur noch Kulissen sind oder gerade zu einer solchen werden. Das Kapitol, das Weiße Haus, das sind ja keine bloßen Gebäude, es sind Kultstätten der Demokratie, aber wer glaubt noch an diese menschenfreundliche Zivilreligion, an Ausgleich und Respekt?

Da musste ich unversehens an einen fröhlichen Nachmittag in New Hampshire zurückdenken. Und damit an eine weitere Spaltung, eine, die es offiziell gar nicht gibt: Weiß gegen Weiß.

Eine junge Frau deckt den Tisch im Garten, sie kommt gerade vom Joggen, der Mann dreht die Burger auf dem Grill um. Es sind Bekannte, die mich zu einem Wochenende in ihr Sommerhaus eingeladen haben. Den beiden geht es nicht nur gut, sie sind wohlhabend. Sie kommt aus einer reichen Familie und arbeitet als Anwältin für eine Umweltorganisation. Er ist Arzt in einem Krankenhaus. Sie wählen die Demokraten. Die beiden Kinder gehen auf eine Privatschule, die Wert auf kulturelle und ethnische Vielfalt legt. Es ist ein sympathisches Paar, das Gespräch ist freundlich. Bis die Rede auf die Patienten des Mannes kommt. Da plötzlich tut sich etwas Hässliches auf. Im Krankenhaus hat der Mann viele ärmere weiße Patienten. Einige von ihnen waren in der Armee, viele haben Drogenprobleme, keinen Job und versuchen halt irgendwie Geld zu machen. Etwa indem sie Versicherungen betrügen oder Firmen auf Schadensersatz verklagen. Der Arzt erzählt an diesem schönen Grillnachmittag von diesen Leuten, und er verachtet sie, ihre Antriebslosigkeit und fehlende Disziplin mit einer Inbrunst und Offenheit, die er sich bei einem Schwarzen nie erlauben würde. Egal, wie arm oder kriminell der ist. Mein Bekannter spricht über arme Weiße genau so, wie einige Konservative über arme Schwarze sprechen. Ist das der Rassismus der Liberalen?

Dabei gäbe es genug Gründe, Mitleid mit der weißen Unterschicht zu haben. Die Selbstmordrate unter ihren Angehörigen ist so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr. Drogen- und Alkoholabhängigkeit haben extrem zugenommen. Arme Weiße sind häufiger auf Lebensmittelmarken angewiesen als jede andere Gruppe in Amerika, die Scheidungsrate unter ihnen ist enorm. Aber die weiße Unterschicht hat das Mitleid der weißen, linken Mittelschicht offenbar verloren. Wie konnte das passieren?

Dieser, wie soll man sagen, Verrat begann in den siebziger Jahren, als sich im sogenannten Rust Belt im Norden der USA der Niedergang der Industriebetriebe abzeichnete. In dem Moment trafen die Demokraten eine strategische Entscheidung, die für die Arbeiter von großer Bedeutung war. Sie entschieden, sich weitgehend von der alten New-Deal-Sozialpolitik zu verabschieden und sich stärker auf die neue postindustrielle Wirtschaft zu konzentrieren. Es war abzusehen, dass sich der Niedergang im Rust Belt mit der Globalisierung nur noch verschärfen würde. Der weiße Arbeiter stand im Begriff auszusterben, das Proletariat wurde zur lahmenden Fußtruppe der Globalisierung. Wichtiger wurde stattdessen die wachsende liberale, gut ausgebildete Stadtbevölkerung, die Welt der Smarten und der Minderheiten.

Doch wurden die weißen Arbeiter, die einfachen Leute, die Krankenschwester, der Polizist und der Kellner nicht bloß einmal verraten, sondern zweimal. Nicht nur von den Demokraten, auch von den Republikanern. Und das kam so: Die Republikaner hatten den Arbeiter lange glauben gemacht, dass es auch in seinem Interesse sei, wenn es den Reichen gut ginge. Sie nannten das trickle-down economics, und es klang wie eine angenehme, warme Dusche. Dass die Reichen die Stärke der Dusche regulierten, daran störte sich die weiße Arbeiterklasse lange nicht. Weil sie hoffen konnte, dass der Reichtum irgendwann doch noch zu ihr heruntertröpfeln würde. Und weil die Republikaner ihr etwas anderes als Klassenkampf bot: Kulturkampf. Liberale Werte wie das Recht auf Abtreibung, Schwulenehe oder Waffenkontrolle erschienen plötzlich bedrohlicher als die Macht der Reichen. Geräuschlos senkten die Republikaner deren Steuern, fuhren die staatlichen Leistungen zurück und kürzten die Löhne.

Doch irgendwann flog das Spiel auf, die Leute wurden wütender und wütender, sie beschlossen, dass ihre Wartezeit nun zu Ende sei. Jetzt musste etwas passieren. Etwas ganz Neues, etwas Böses vielleicht.

Trump. Warum er die Antwort werden konnte, wurde mir im vergangenen Herbst auf der Bank eines Spielplatzes in Brooklyn klar. Ich saß neben Kathryn. Ihr Sohn ging in dieselbe Kindergartenklasse wie meine Tochter. Sie war gerade aus San Diego nach New York gezogen. Oder geflohen. Sie hatte alles, was sie nicht verkaufen konnte, in einen Koffer gestopft und war zu ihrem Stiefvater nach Long Island gezogen. Von ihrem Mann, einem Ex-Marine, der das Trinken nicht lassen konnte, war sie gerade geschieden worden. Vor der Geburt ihres Sohnes hatte sie in der Verwaltung eines Krankenhauses gearbeitet, einen ähnlichen Job versuchte sie jetzt hier wieder zu finden. So lange lebte sie von den Zuschüssen ihres Ex-Mannes – und von Lebensmittelmarken . Als wir so auf der Bank saßen und den Kindern beim Spielen zusahen, wurde deutlich, wie fremd sich Kathryn in diesem gesättigten, liberalen Brooklyn fühlte. Kein Weihnachtsbaum in der Schule?, fragte sie. Weil damit das Christentum anderen Religion gegenüber bevorzugt würde? Sind wir denn kein christliches Land mehr? Und warum singen die Kinder in der Schule nicht die Nationalhymne? Worauf war man hier überhaupt noch stolz? Sie hatte ihren Mann erst an den Krieg und dann an den Alkohol verloren, aber hier hörte sie allenfalls Mitleid für Soldaten heraus, nie jedoch Dankbarkeit. Und von keinem der Jobs, für die sie sich bislang vorgestellt hatte, hätte sie eine Wohnung in der Nähe einer guten, öffentlichen Schule bezahlen können. Sie fühlte sich von ihrem Leben restlos überfordert und von der Politik verraten. Nur von Trump war sie begeistert, weil er den Verrat der Politik an den kleinen Leuten zu seinem Thema gemacht hatte. Irgendwann waren ihr Sohn und sie dann einfach nicht mehr da. Sie waren zurück nach San Diego gezogen. Obwohl, wie sie auf der Bank gesagt hatte, sie nicht verstehen könne, warum die vielen Mexikaner dort kein Englisch lernen müssten.

San Diego, ja ganz Amerika hat sich in den vergangenen 40 Jahren stark verändert. Einwanderer, vor allem aus Mittel- und Südamerika, sind legal und illegal über die Grenze gekommen. Die meisten arbeiteten entweder schwarz oder mit einer falschen Sozialversicherungsnummer. Und im Fall der Einwanderer unterstützte sogar die Republikanische Partei die lasche Praxis, denn die Einwanderer waren lange mit niedrigen Löhnen zufrieden, und das half vor allem den Reichen. Sie stellten sie in ihren Küchen, Hotels oder Schlachthöfen an. Zu Hause ließen sie sich von ihnen die Gärten mähen. Manche Bundesstaaten boten sogar Führerscheine für Illegale an. Die kauften Häuser, sobald sie es sich leisten konnten, und ihre Kinder gingen auf öffentliche Schulen. Sie wollten nach oben.

Mit anderen Worten: Die Demokraten unterstützten die Einwanderer aus Toleranz, die Republikaner aus Kalkül. Nur, wer bezahlt eigentlich dafür?

Unten gegen unten, noch eine Spaltung.

Larissa Martinez und Mayte Lara Ibarra sind seit wenigen Wochen ganz Amerika ein Begriff. Als Martinez nämlich als beste ihres Jahrgangs in roter Robe und rotem Doktorhut vor ihre Highschool-Klasse in Texas trat, um die Abschlussrede zu halten, hatte sie zwei Überraschungen für ihre Freunde parat. Sie würde im nächsten Jahr mit einem Stipendium nach Yale gehen, sagte sie und sie sei eine der elf Millionen Immigranten ohne Papiere, sie sei illegal in den USA. Mayte Lara Ibarra, Jahrgangsabschlussbeste an einer benachbarten Schule, twitterte dazu: "Jahrgangsabschlussbeste, 4,5 GPA (Notendurchschnitt), Stipendium an der UT (Universität von Texas), 13 Leistungsabzeichen, schöne Beine, oh, und auch ich habe keine Papiere."

Das kam bei vielen nicht gut an. Eine Mutter schrieb auf Facebook: "Ich habe noch nie in meinen Leben daran gedacht, ein Kind, das eine US-Highschool abgeschlossen hat, zu deportieren. Bis zu diesem Moment." Diese Mutter hatte das Gefühl, Ibarra sei geradezu stolz darauf, die Spielregeln des Systems für sich ausgenutzt zu haben. "Etwas anderes, von dem ich bis zu diesem Moment NIE gedacht hätte, dass ich es je unterstützen würde ist Trump und #buildthatwall", schrieb sie mit Bezug auf Trumps Absicht, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu bauen. Sie war nicht die Einzige, die so reagierte. Die Einwanderer steigen auf. Die weiße Mittelschicht dagegen rutscht ab. Und viele stellten sich plötzlich die Frage: Finanziere ich mit meinen Steuern den Aufstieg von Leuten, die illegal sind in diesem Land?

Ist das nun Rassismus? Oder doch nur Klassenkampf im Stadium der politischen Verwirrung?

Aber wer will bei all diesen verdoppelten und verdreifachten Spaltungen noch den Überblick bewahren? Zum Beispiel im Kampf Schwarz gegen Blau, also zwischen Afroamerikanern und Polizisten. Dass allein in den ersten sechs Monaten in Amerika 123 Schwarze von Polizisten erschossen wurden, dass der Schütze in Dallas allein gehandelt hat, dass die Black-Lives-Matter-Demonstration bis zu diesem Zeitpunkt absolut friedlich geblieben war – all das spielt da keine Rolle. Mit Dallas gibt es jetzt ein Gegenbild. Eines, in dem die Ordnung nicht durch weiße Polizisten, sondern durch schwarze Demonstranten bedroht wird. Der Tag von Dallas wird als der in Erinnerung bleiben, an dem die weiße Mittelschicht die Frage, wer die Opfer in Amerika sind, laut mit "Wir" beantwortete. Und sie kann sich sicher sein, dass zumindest einer sie hört: Donald Trump.

Abraham Lincolns Blick ist versteinert. Der erste republikanische Präsident Amerikas sitzt in der Mittagshitze Washingtons, die gewaltigen weißen Marmorhände wie Gulliver auf den Lehnen seines gigantischen Sessels. Unter ihm wie Liliputaner Besucher aus der ganzen Welt, die ihn mit der Kamera in der Hand anstarren. Ganz so, als könnten sie es im summer of Trump nicht glauben, dass es ein Republikaner war, der die Sklaverei in Amerika abgeschafft hat und das Land, das an dieser Entscheidung zu zerbrechen drohte, trotz blutigen Bürgerkriegs zusammengehalten hat.

Wer hält das Land dieses Mal zusammen? Welche Lehren zieht zum Beispiel die Republikanische Partei kurz vor ihrem Parteitag aus Trumps Aufstieg und dem gellenden Unmut seiner Wähler? Sieht sie die Gefahr, dass ihr Konservatismus für Reiche das demokratische Fundament bedroht?

Der Tag von Peter Wehner beginnt mit einem Gebet. Als das Rührei mit den drei Würstchen kommt, senkt er seinen Kopf, faltet die Hände unter dem schmuckvoll gedeckten Tisch im Hilton-Hotel in McLean, einem wohlhabenden Vorort von Washington, und geht für ein paar Minuten in sich. Es ist das Bild eines dankbaren Menschen, mit dem es das Leben gut gemeint hat. Dass sein erstes Wort, als er wieder aufschaut, "Selbstmord" lautet, überrascht. Er meint seine Partei.

Der Republikaner Wehner hat die drei letzten republikanischen Präsidenten Reagan, Vater Bush und Sohn Bush beraten. Dass seine Partei im Herzen krank ist, merkte Wehner, als Mitt Romney 2012 die Wahl gegen den als angeschlagen geltenden Barack Obama verlor. Es war bereits die fünfte von sechs Wahlen, in denen die Republikaner nicht die Mehrheit der Stimmen bekommen hatte. Und da Wehner für Lösungen zuständig ist, hat er sich damals hingesetzt und überlegt.

Wehner wurde Kopf einer Gruppe von konservativen Journalisten und Intellektuellen, die sich "Reform Conservatives" oder kurz Reformocons nannten. Sie schrieben ein Manifest, in dem sie eine neue konservative Politik darlegten. Blättert man durch das Konzept namens room to grow, ist man erstaunt, wie sehr das alles nach den linken Rezepten von Bernie Sanders klingt. Wehner beschreibt darin eine Mittelschicht, deren Löhne stagnieren und die von steigenden Gesundheits- und Collegekosten erdrückt wird. Und er ermahnt seine Partei, dass die Lösungen Ronald Reagans aus den achtziger Jahren heute nicht mehr funktionieren.

Aber warum hatten Wehners Ideen keine Chance gegen Trump? Haben die Reformocons etwas falsch gemacht? Etwas nicht richtig durchdacht? Nein, sie scheiterten nicht am Denken, sondern an der Macht. Genauer: am Geld. An der nächsten, vielleicht der eigentlichen Spaltung, der zwischen dem großen Geld und allen anderen.

Das Manifest ist der Versuch, dem Staat eine Rolle bei der Hilfe der Bekämpfung sozialer Ungleichheit zuzugestehen, ohne allerdings zu weit von der republikanischen Orthodoxie abzuweichen. Der Markt soll weiterhin die meiste Arbeit machen, Steuersenkungen sind weiter notwendig. Doch im Wahlkampf traute sich keiner der führenden Kandidaten, selbst diese Minimalabweichungen von der konservativen Lehre als seine Ideen zu präsentieren. Warum?

Laut Umfragen befürworten fast 30 Prozent der republikanischen Wähler "stark erhöhte" Steuern für Reiche. Nur 17 Prozent unterstützen die Kürzung von staatlichen Leistungen. Selbst die Tea Party, lange als erzkonservativ verstanden, kämpfte darum, dass Sozialleistungen, wie die kostenlose Krankenversicherung für Senioren, nicht angegriffen wurden. Was um alles in der Welt macht den Republikanern eine solche Heidenangst, dass sie sich immer wieder in ihr neoliberales Schneckenhaus verziehen und ihren Wählern nicht zu geben wagen, was die vielleicht am meisten brauchen: ein bisschen mehr starken und sozialen Staat?

Anruf bei David Frum in seinem Landhaus in Kanada. Frum war Redenschreiber für George W. Bush, und er ist einer der bekanntesten konservativen Denker. Die gute Nachricht dieses Sommers, sagt er, sei, dass die Amerikaner nicht so ideologisch, so extrem neoliberal seien, wie seine Partei immer vermutet habe. Laut einer Gallup-Umfrage beschreiben sich nur noch 42 Prozent der Republikaner als sozial und ökonomisch konservativ. Warum ist es dennoch so schwer für seine Partei, aus ihrem ideologischen Graben herauszusteigen? Frum antwortet mit seiner Biografie.

Sieben Jahre lang hatte er für das American Enterprise Institute gearbeitet, einem neokonservativen Thinktank in Washington. Bis 2010. Dann kritisierte er seine Partei öffentlich dafür, dass sie in Fundamentalopposition zu Obamas Gesundheitsreform getreten war. Das war für ihn keine erwachsene Politik mehr. Wenige Tage darauf entließ ihn der Thinktank. "Die Macht neuer Ideen ist schwach", sagt Frum, "die Macht alter Interessenverbände sehr stark." Das Institut wird maßgeblich von den reichsten Unternehmern des Landes, darunter die Brüder Koch, von Unternehmen wie ExxonMobil, Philip Morris und einem Verbund aus neokonservativen Stiftungen finanziert – und die haben alle ein großes Interesse an dem, was Frum "conservative classics" nennt: Niedrige Steuern und kleiner Staat.

Dafür nutzen sie alle Macht, die ihnen ihr Geld bietet. Konservative Fernsehsender buchten Frum nach der Entlassung nicht mehr als Kommentator, und als er 2011 kurz für einen zukünftigen Präsidentschaftskandidaten arbeitete, wurde das streng vertraulich gehandhabt. Treffen fanden nur konspirativ statt, da der Kandidat negative Reaktionen von der Partei befürchtete. So erstickt eine Partei ihre Querdenker.

Frum ist trotz dieser Enttäuschung Republikaner geblieben. Und er wird auch jetzt nicht aus der Partei austreten. Weil er überzeugt ist, dass die Konservativen gebraucht werden und man die Partei nur von innen heraus retten kann. Allerdings müsse sie sich dafür von der Illusion verabschieden, dass es mit kleinen Anpassungen getan sei. "Ich glaube dagegen, sie muss sich sehr stark verändern", sagt Frum.

Hillary Clinton hat nach langem Ringen mit Sanders viele seiner Ideen für die Stabilisierung der Mitte übernommen. Es sind Ideen, die auch viele Trump-Wähler unterstützen. Höhere Steuern für die Reichen, kostenlose staatliche Colleges. Aber reicht das, um das Vertrauen der weißen konservativeren Mittelschicht zu gewinnen? Von welchen liberal classics müssten die Demokraten sich trennen? Mir fällt da Pauls Geschichte ein.

Paul hat mit mir in New York Ende der neunziger Jahre Soziologie studiert. Er hat seinen Doktor gemacht und unterrichtet nun an einem liberalen College in Boston junge Menschen darin, die Gesellschaft, in der sie leben, zu entziffern. Immer häufiger aber hat er das Gefühl, dass seine Studenten in einer Welt leben, die völlig neuen Regeln gehorcht. Als er einer seiner farbigen Studentinnen eine schlechte Note am Ende des Semesters gab, weil sie sich nie am Unterricht beteiligt hatte, ging sie damit zum Dekan der Uni und beschwerte sich über Paul. Sie habe von seiner Seite nur Mikroaggressionen gespürt, sagt sie, daher habe sie sich an seinem Unterricht nicht beteiligen können. Der Sache wurde nachgegangen. Denn das College nimmt so etwas ernst.

Die Liberalen kritisieren die Intoleranz der Konservativen zwar zu Recht, sie selbst haben aber mittlerweile ihren eigenen Minderheiten-Fundamentalismus entwickelt. Der dreht sich um sich selbst und betreibt die Auflösung des Politischen in der eigenen hypersensiblen Identität.

Wird die Mitte halten? Werden das rechte Amerika und das linke Amerika akzeptieren, dass es eine Realität neben der jeweils eigenen gibt?

Zwei Zitate machen Hoffnung.

"Die sinnlosen, tragischen Todesfälle zweier Autofahrer in Louisiana und Minnesota erinnern uns daran, wie viel noch getan werden muss."

"Es ist in Amerika gefährlich, schwarz zu sein."

Das erste Zitat ist von Donald Trump, das zweite von Newt Gingrich, dem Urvater aller konservativen Extremisten. In einem Land, in dem sich Demokraten und Republikaner nicht einmal über die Existenz des Klimawandels einig sind, ist die unparteiische Anerkennung schlichter Tatsachen berichtenswert.

Und noch etwas: Hillary Clinton und Donald Trump kämpfen jetzt beide um den einfachen Arbeiter. Auch darüber berichten in diesen Tagen die Zeitungen. Weil es eine Sensation ist.

Mitarbeit: Bernd Ulrich