Manchmal hilft schon ein kleiner Trick, um das Ganze erträglicher zu machen, die Mülleimerrunde zum Beispiel. Man sticht unten in die dicken blauen Plastiktüten kleine Löcher, damit das Regenwasser abläuft und man am Abend nicht eine zentnerschwere Brühe aus Zigarettenkippen, angebissenen Stullen und Coladosen zum Abfallhäuschen tragen muss.

"Wenn es voll ist, erstickst du im Müll, das glaubst du nicht. Verschissene Windeln, Tabletten, kaputte Schuhe ... Ey, was nehmen die Leute mit ins Freibad?"

Dabei ist die Müllrunde nicht der schlechteste Job. Das Flaschenpfand reicht locker für ein paar Bier nach der Schicht oder den Pizzaservice. Aber eigentlich rufen sie hier öfter den Asiaten. Hühnchen mit Gemüse kommt besser, wenn man Krafttraining macht. Und das machen viele, die hier im Kaifu arbeiten.

Vor allem die, die den Sommer über kommen. Dann arbeiten insgesamt bis zu 35 Mann in Hamburgs ältestem Schwimmbad, dem Kultbad, diesem kleinen Flecken Urlaub mitten in der Stadt. Diesem Sehnsuchtsort der Daheimgebliebenen.

Das Kaifu ist benannt nach einem Preußenkönig, aber bekannt durch YouTube, wo glückliche Turmspringer ihren doppelten Auerbach einstellen. Es ist der Ort, an dem manchmal nur zwei Zentimeter Platz zwischen den Handtüchern bleibt für die Shisha. Wo es eine Extraschlange nur für Pommes gibt und die echten Fans bei 17 Grad im Neoprenanzug die Bahnen entlangkraulen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 31 vom 21. Juli 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Und es ist der Arbeitsplatz von Mario, Manuel, Sascha, Paul, Stephan, Levon, Marvin, Rene, Ralf, oder Sammy.

Sammy, der ist schon seit fast zehn Jahren im Kaifu und seit 24 Jahren bei Bäderland, das, als er anfing, noch zu den Hamburger Wasserwerken gehörte. Sammy ist 40, sieht aber aus wie Anfang 30, klein, muskulös, akkurat gestutzter Bart, dunkle Haare und dunkle Haut. Sammy sagt, sein südländisches Aussehen sei ein Vorteil in diesem Job.

Ein Job, um den es so viele Mythen gibt wie um kaum einen anderen.

Beim Namen fängt es an: In Wahrheit heißt der Bademeister Fachangestellter für Bäderbetriebe, das klingt nur nicht so gut. Vielleicht sind Name und Image auch deshalb irgendwo in den lässigen siebziger Jahren hängen geblieben: Brusthaar, Trillerpfeife, Miezen und Muskeln.

"Wenn die Sonne knallt, dann kommen die Poser und die Chicks, ey, echt. Da hatten wir letztens ’n Mädel, alle von uns so: Boah, hat die einen geilen Arsch. Und die natürlich ständig geguckt, ob alle gucken. Und dann legt die sich auch noch quer über den Weg, damit jeder von uns über sie drübersteigen muss. Aaalter!"

Nur knallt die Sonne in Hamburg diesen Sommer nicht. Dafür sind in Harburg und auf St. Pauli schon zwei Kinder im Freibad ertrunken. Auch im Kaifu ging vor ein paar Wochen ein Mädchen unter, kurz nach Schichtwechsel so gegen fünf. Sammy hatte den Notruf gewählt: 112, einen NAW, einen Notarztwagen, nicht nur die Sanitäter. Genauer will er es nicht erzählen, nur noch, dass das Mädchen wohlauf sei. Es ist schwer, damit umzugehen, wenn so etwas passiert.

Seitdem sind sie im Kaifu ein wenig angespannt. Selten ist ihnen hier auf so harte Weise klar geworden, was der Job wirklich bedeutet: Verantwortung. Ob man will oder nicht.

" So schnell kannste doch gar nicht gucken, wie die untergehen. Alte und Kinder, die sind am schlimmsten. Das ist echt Stress, weil du weißt, du hast eigentlich keine Chance."

Bademeister, das ist ein Torwartjob. Wenn alles läuft, sagt keiner Danke. Wenn nicht, ist was los. Am Ende des Monats bleiben manchen dafür gerade mal 1.200 Euro netto.

Keine guten Aussichten für einen Beruf, den ohnehin immer weniger machen wollen. 26.000 Stellen gibt es deutschlandweit, schätzt der Bundesverband Deutscher Schwimmmeister, 2500 davon bleiben jedes Jahr unbesetzt. Auch in Hamburg sucht Bäderland jeden Sommer mindestens 50 Mann zusätzlich.

Er kenne Leute, die für das Geld gar nicht erst aufstehen würden, sagt Sammy.