Nach dem Brexit steht die Europäische Union am Scheideweg. Meine Kollegen aus dem Sachverständigenrat für Wirtschaft, Christoph Schmidt, Lars Feld, Isabel Schnabel und Volker Wieland, haben vor zwei Wochen in der ZEIT dafür plädiert, dass die Mitgliedsstaaten nun wieder mehr Eigenverantwortung in der Wirtschaftspolitik übernehmen sollten. Außerdem solle ein Insolvenzmechanismus für die Mitgliedsstaaten die Glaubwürdigkeit des Nicht-Beistands-Gebots in der Währungsunion stärken. Europa wird von den Autoren so letztlich auf den Binnenmarkt reduziert, der es den Unternehmen und Haushalte ermögliche, "sich an die Herausforderungen der Globalisierung anzupassen". Für dieses Modell von Europa passt der von Wolfgang Schäuble immer verwendete Spruch: "Ein jeder kehre vor seiner Tür – sauber ist das Stadtquartier."

Doch wozu braucht man ein Europa, das lediglich eine Shopping-Mall des Weltmarkts sein will? Wozu braucht man ein Europa, das nicht schützt vor der Globalisierung, sondern die Menschen auffordert, sich der Globalisierung anzupassen? Solch ein Europa hat keine Zukunft.

Der Vorschlag eines staatlichen Insolvenzmechanismus für die Mitgliedsstaaten der Währungsunion hat schon das Potenzial, den Euro-Raum zu sprengen. Die Erfahrungen mit der Euro-Krise in den Jahren 2010 bis 2012 verdeutlichen, wie panisch Finanzmärkte reagieren können. Stabilisiert wurde das Ganze nur durch den Präsidenten der Europäischen Zentralbank Mario Draghi. Wenn man heute über Staatsinsolvenzen im Euro-Raum nachdenkt, jegliche Gemeinschaftshaftung ausschließt und auch noch die Anleihekäufe der EZB kritisiert, nimmt man ein Auseinanderbrechen der Währungsunion in Kauf. Die wirtschaftlichen Folgen eines Euro-Exits wären um ein Vielfaches höher als die des Brexit.

Es sollte daher in unserem Interesse liegen, die Währungsunion so zu gestalten, dass sie auch ohne die Notfallhilfen der EZB überlebensfähig sein kann. Dies geht nicht ohne fiskalpolitische Integration. Die Währungsunion benötigt einen Finanzminister, der im Krisenfall über finanzielle Mittel verfügt und in normalen Zeiten für eine Überwachung der nationalen Haushaltspolitiken sorgt.

Bei einem Europa des Binnenmarktes stellte sich außerdem die Frage, ob es wirklich in der Lage wäre, "Europa durch seinen wirtschaftlichen Erfolge so attraktiv zu machen, dass die Bürger seine Vorteile besser verstehen". Das Grundproblem liegt darin, dass die zunehmende globale Arbeitsteilung und der wachsende Welthandel zwar den Wohlstand der Nationen erhöhen, dass die Vorteile jedoch sehr ungleich verteilt werden. Globalisierung darf man nicht mit "Wohlstand für alle" gleichsetzen. Ein Europa des Binnenmarktes läuft Gefahr, dass sich die Unzufriedenheit vieler Bürger über ihre wirtschaftliche Situation zunehmend gegen Europa richtet.

Das heißt nicht, dass Europa nun zu einem Bollwerk gegen die Globalisierung ausgebaut werden muss. Aber wenn die Globalisierung eine Zukunft haben soll, kommt es darauf an, ihr ein menschlicheres Antlitz zu verleihen. Genau darin könnte Europa seine Zukunft sehen. Unsere Gesellschaften stehen vor der Frage, ob wir unter dem Diktat globalisierter Güter-, Dienstleistungs- und Finanzmärkte leben werden, oder ob es gelingen wird, Formen der staatlichen Organisation zu schaffen, mit denen wir die Kontrolle über die Märkte behalten. Die Nationalstaaten sind damit eindeutig überfordert. Nur die Europäische Union wäre im globalen Kräftefeld gemeinsam mit den anderen großen Nationen dazu fähig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Dabei geht es um große Themen. Die zentrale Bedeutung des Klimaschutzes ist jetzt erstmals völkerrechtlich fixiert worden, aber es fehlt an wirksamen Instrumenten, um die vereinbarten Ziele wirkungsvoll umzusetzen. Mit einer CO2-Steuer, die den Kosten der Umweltverschmutzung entspricht, könnte Europa hier eine wichtige Vorreiterrolle einnehmen. Wenn die wirtschaftlichen Vorteile der Globalisierung nicht nur wenigen, sondern vielen zugutekommen sollen, muss der Sozialstaat gestärkt werden. Dies setzt voraus, dass Staaten ausreichende Steuereinnahmen erzielen. Eine wichtige Aufgabe für Europa muss deshalb darin bestehen, den Wettbewerb der Steuerunterbietung zwischen den Mitgliedsstaaten zu verhindern, wozu auch die Praktiken von Steueroasen zählen. Es muss auch darum gehen, faire Regeln für den internationalen Handel und für Direktinvestitionen zu sichern. Hier ist die Europäische Union wichtiger denn je.

Ein Europa für eine saubere Umwelt, für eine gute soziale Absicherung und zudem für einen wirksamen Kampf gegen Terrorismus und die Sicherung der Privatsphäre im Netz hätte die Chance, die Identifikation mit dem europäischen Projekt zu stärken. Für ein solches Projekt werden nicht alle Mitgliedsstaaten zu gewinnen sein. Das spricht für ein Kerneuropa der Länder, die bereit sind, mehr wirtschaftliche und politische Integration zu wagen. Der Rest wäre mit dem Modell Binnenmarkt gut bedient, wobei man den Zugang daran knüpfen könnte, dass bestimmte Mindeststandards beim Umweltschutz und der Besteuerung eingehalten werden.