Nein, sie hat keine Angst. Sie zieht die Plastiktüte tief ins Gesicht, schnürt sich die Luft ab und schaut doch so ungerührt drein, heiter fast, als sei der Erstickungstod auch nur eine Form des luftlosen Daseins. Und an das hat sie sich lange schon gewöhnt.

Dann aber, auf dem nächsten Foto, überlegt sie es sich anders: Die Tüte ist aufgerissen, die junge Frau späht mit großen Augen durch den Schlitz, und sie lupft das Foliending, als zöge sie den Hut zum Gruße.

Ich halte doch nicht die Luft an hat Cornelia Schleime ihr künstlerisches Selbstporträt betitelt, das klingt sachlich beschreibend und ist zugleich eine Kampfansage. Glaubt bloß nicht, dass ihr mich abwürgen könnt! Glaubt nicht, ich füge ich mich in eure Vakuumgesellschaft!

Noch heute, gut 30 Jahre nach ihrer Entstehung, sind es auf dringliche Weise heitere Bilder. Da geht es um etwas, um die eigene Lufthoheit. Und doch ist es Kunst, ein lakonisches Spiel, in dem sich alle Zwänge lösen, schon deshalb, weil man sie nicht gar so ernst nimmt.

Lange war die Fotoserie verschollen, Cornelia Schleime hatte sie zurücklassen müssen, als sie die Seiten wechselte: von Ost- nach Westdeutschland. Erst kürzlich tauchte sie wieder auf, bei einem Fotografenfreund, und nun sind die Bilder erstmals öffentlich zu sehen, zusammen mit einer Fülle anderer Werke, die fast alle lange verborgen, verdrängt, vergessen waren. Die Ausstellung in Berlin versammelt rund 80 Künstler der späten DDR: eine Exkursion ins Ungewollte, tief hinein in die Kunstwelt eines untergegangenen Landes.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Nicht lange ist es her, da feierte der Gropius-Bau die wichtigsten deutschen Werke der letzten 60 Jahre, und den Künstlern der DDR wurde aus diesem Anlass beschieden, sie hätten allesamt nichts hervorgebracht, was frei im Geiste und also zeigenswert wäre. So wie der Staat würde auch ihre Kunst "als hässlicher Regentropfen der Geschichte verdunsten" (der Kurator Siegfried Gohr). Die Ausstellung damals wurde mit viel Staatsgeld bezuschusst, genützt aber hat dieser Versuch einer endgültigen Aussonderung nichts, wie man jetzt sehen kann. Die Kunst der DDR hält nicht die Luft an. Sie atmet.

Noch immer üben sich die meisten deutschen Museen in eitler Ignoranz, vor allem die im Westen. Auch viele Sammler glauben weiterhin, es seien in der DDR laute stumpfe Malersoldaten am Werk gewesen, denen nichts Besseres einfiel, als die Parteilinie abzupinseln. Dabei war es just der staatliche Kontrollwahn, das zeigt die Ausstellung, der viele Künstler hineintrieb ins Verquere und Verträumte, sie suchten den Kontrollverlust.

Es ist keine Rebellenkunst im engeren Sinne. Nichts, was unerschrocken auf Straßenkampf und Umsturz zielte. Doch mussten die Künstler, um subversiv zu sein, auch nicht zum blutig-barschen Arsenal westlicher Provokationen greifen; die Reizschwellen lagen sehr viel tiefer. Da reichte es manchmal schon, dass ein Fotograf seine Bilder nicht still und sorgsam komponierte, sondern absichtsvoll rau und schräg drauflosknipste wie Jörg Knöfel, der mit seiner Kamera in ein Fleischkombinat aufbrach.

Die doppelte DDR-Falle

Er zeigt nicht den Malocher, von sozialistischem Stolz erfüllt. Er zeigt gehetzte Kreaturen im Dampf der Zerhäckselung, zeigt Blutspritzer am Unterarm, zeigt quellende Würste und gleich darunter lauter tote Ferkel, dem Mutterbauch entrissen. Es ist die Schlacht der Schlachter, und nirgends gibt es bei Knöfel ein Gesicht. Nur einmal sieht man ein Schweineauge, fragend. Und einer der Metzger linst halb verborgen in die Kamera, schräg vorbei am Haken, an dem Fleischbrocken baumeln. Natürlich hat Knöfel diese ruppigen Bilder nicht gerahmt, er hat sie aufgeklebt, bietet sie nun auf Zinkwänden dar, als sei das Museum auch nur eine Untersektion industrieller Massenfertigung.

Gerade das aber ist es in diesem Falle nicht. Wer die vielen, überdicht gefüllten Säle in Berlin durchwandert, der trifft auf eine Kunst, der das große Wollen und Sollen ziemlich gleichgültig ist. Viele Künstler suchten nicht das breite Publikum, sie rückten ab von allen staatlichen Interessen, denn spätestens nachdem der Liedermacher Wolf Biermann 1976 aus- und fortgebürgert worden war, verblasste der Traum von der sozialistischen Sache ein für alle Mal. Viele malten nun, was sie schon immer malen wollten, nicht unbedingt antirealistisch, aber doch so abstrakt und monochrom, dass es den obersten Kunstwächtern wie ein Affront erscheinen musste, auch wenn es so nicht gemeint war. Die Kunst entzog sich der planen Wirklichkeit, allein das machte sie verdächtig.

Dieser Verdacht ist heute mit bloßem Auge nur selten noch zu erfassen. Vermutlich werden sich viele Besucher der Ausstellung wundern, warum die Künstler der achtziger Jahre auf Beuys, Picasso, Morandi anspielten, vielleicht fragen sich manche auch, ob das nicht damals schon reichlich démodé gewesen ist. Das Unerhörte dieser Kunst, ihr oft widerspenstiger Geist, offenbart sich nur dem, der um die DDR-Geschichte weiß. Umso dankbarer wäre man für ein paar begleitende Texte gewesen. Davon aber wollen die Ausstellungsmacher nichts wissen.

Das mag daran liegen, dass Christoph Tannert und Eugen Blume selbst der Kunstszene entstammen, der sie nun ein Forum bieten. Jede halb dissidentische Nuance ist ihnen geläufig, und sie nun eigens dem größeren Publikum zu erschließen käme ihnen wohl wie Verrat an der Kunst vor. Die soll schließlich aus sich selbst heraus wichtig und wertvoll sein, und nicht etwa deshalb, weil sie sich einst grau und still gegen das DDR-Melancholieverbot auflehnte. Daher ist selbst im Katalog, mehr als 600 Seiten dick, so gut wie nichts über die einzelnen Künstler, ihre Herkunft und Bedeutung, ihren postsozialistischen Lebensweg zu erfahren.

Schon viele Ausstellungen zuvor sind in diese doppelte DDR-Falle geraten. Wie man es macht, ist es verkehrt: Wird die historische Nische, der die Werke entstammen, zu hell ausgeleuchtet, erscheint selbst die widerständige Kunst leicht als Anhängsel der Parteidiktatur, als Staatskunst ex negativo. Wer hingegen die staatliche Gängelung unterschlägt, nährt den Mythos von der autonomen Subkultur, die es in Wahrheit so nicht gab.

Entsprechend ist nun auch die Ausstellung gestaltet, sie mag nichts einkreisen, sortieren, ordnen. Lieber probt man ein antiautoritäres Durcheinander von Gattungen, Stilen und Themen, was für den Besucher aber auch sein Gutes hat, kann er den Blick doch frei von allem Bildungsanspruch schweifen lassen, kann hier staunend stehen bleiben, dort rätselnd weitergehen. Die Ausstellung will nichts beweisen, sie will ausbreiten, was war: will einer unerhört pluralen Szene zu spätem Recht verhelfen.

Wer also immer meinte, die Kunst der DDR sei furchtbar verkniffen gewesen, ironiefrei und pathetisch, der sollte sich auf eine Überraschung gefasst machen. Er trifft auf Punk- und Anarchokünstler, auf blutig-exorzistische Performance-Artisten und ganz am Ende auch auf den Dada-Un- und Freisinn des Reinhard Zabka. In Radebeul betreibt er heute sein Lügenmuseum, angefüllt mit "Reliquien einer traumatisch eingestürzten Inneneinrichtung namens DDR". Für die Berliner Ausstellung macht er aus einer Arbeitersichel einen Kerzenständer und aus Topfdeckeln ein Karussell, auf dem die Murmeln kreisen. In einen beleuchteten Koffer legt er eine Fußmatte, darauf der Schriftzug Venceremos – "Wir werden siegen".

"Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976–1989", bis zum 26. September im Martin-Gropius-Bau

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