Das Regionale, auch mal Mundartliche oder, wie die Winzer sagen: Autochthone verkauft sich auch in der Literatur gut. Laut dem Soziologen Heinz Bude ersetzt das Regionalbewusstsein das Klassenbewusstsein. Er führt als Beleg den Erfolg sogenannter Regiokrimis in Literatur und TV ebenso an wie den Comedy-Boom, dessen Protagonisten auch aus regionalen Milieus stammen (Atze aus dem Pott, Mario aus Berlin). Was in der Literaturgeschichte jahrhundertelang als Bukolik bezeichnet wurde, heißt nun Regioliteratur. Wo es einst um das Treiben der Schäfer in ländlicher Umgebung ging, geht es nun, wie in dem neuen Buch von Bov Bjerg, Die Modernisierung meiner Mutter, um das Treiben der Schwaben in den Seventies.

Es handelt sich um ein typisches Nachschiebebuch. Der überraschende Erfolg von Auerhaus verlangt nach einem Zweitling. Und es ist schade hinsichtlich der Karriereplanung des Schriftstellers Bov Bjerg, dass sich sein Verlag Blumenbar nicht beherzt zu der Entscheidung durchringen konnte, einfach nur das erste Drittel dieser Sammlung von Geschichten zu veröffentlichen. Klar, dann läge hier ein Band von lediglich 64 Seiten vor – und das mögen weder Verlag noch Buchhandel. So wurde dann nach altem Suppenbrauch noch Wasser hinzugegossen, was bei Schriftstellern den Inhalt ihrer Schublade bedeutet.

Szenen aus einer Mall waren in den achtziger Jahren noch lustig, weil neu. Aber doch bitte nicht mehr im 21. Jahrhundert, und das auch noch sechs Seiten lang, wenn, wie in Zwei Minuten Revolution (eins nach bis drei nach halb drei), ansonsten rein gar nichts passiert: "Kunden hasten links und rechts vorbei am Inselfrühling, Kunden mit lackierten Papiertaschen, mit dreifarbigen Zellophanpaprikastangen, 1,99 das Pfund."

Trotzdem gilt: Wem Auerhaus gefallen hat, der wird sich während des ersten Drittels der Modernisierung über ein Prequel freuen, durch das er erfährt, wie es dem Auerhaus- Protagonisten als Kind erging, bevor er mit seinem schwermütigen Freund in ein leer stehendes Haus zog. Es sind Erinnerungen an eine Kindheit auf der Schwäbischen Alb. Zu jener Zeit, aus der Bov Bjerg so lustig, aber auch drastisch berichtet, hat man als wie ich in South Central Württemberg Aufgewachsener die als hinterwäldlerisch geltenden "Älbler" vor allem an ihrem dreistelligen Nummernschild erkannt (SHA), dann, wenn sie erst ausgestiegen waren, um sich blinzelnd in der Moderne umzuschauen, an ihrem Dialekt, der so klang, als ob jemand mit zusammengebissenen Zähnen und mit nach Fußballersitte zugekniffenen Nasenflügeln spricht.

Das aber, um hier keine Leser abzuschrecken, macht Bov Bjerg nicht! Er transkribiert keine Dialekte. Und trotzdem wird es für Regiogourmets sofort klar, wo und in welchem Milieu seine Geschichten siedeln. Und diese Milieus sind, dafür verbürge ich mich als Local, fein und liebevoll beschrieben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Ein Beispiel: Mit der titelgebenden Modernisierung einer Mutter ist deren Bemühung gemeint, die Führerscheinprüfung abzulegen. Als Kulisse dieser Geschichte verwendet Bov Bjerg die Zustände in seinem Heimatort, wo es zur Erzählzeit noch keine Fußgängerampel gibt. Nachdem zuerst eine Katze, dann eine milchkannentragende Frau und schließlich ein Zuchtbulle überfahren wird, setzt sich die CDU-Fraktion durch, und eine sogenannte Druckknopfampel wird aufgestellt. Im übrigen deutschen Sprachgebiet ist ein Druckknopf ein Verschlussteil für Textilien. Im Schwäbischen kann damit auch ein Schaltknopf zum Betätigen einer Ampel gemeint sein. Die Geschichten im ersten Drittel dieses Buches enthalten viele solcher sprechenden Details. Es ist ja doch die Freude am Exotismus, die den Trend zum Regio-Porn vorantreibt.

Noch ein Wort zum Titel: Die Geschichten und Texte im hinteren Teil erweisen sich teilweise als Hommage an das Werk von Max Goldt. Die Modernisierung meiner Mutter aber als Abklatsch eines der genialen Titel von Max Goldt abzutun (Mein schwuler schwererziehbarer Schwager aus der Schweiz) hieße, der Sprachbelauschkunst Bov Bjergs unrecht zu tun. Mit diesem Titel zeigt er nämlich, dass er das Schwäbische verinnerlicht hat und dessen Denkweise in Hochdeutsch übersetzen kann.

Der größte schwäbische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Hermann Lenz, mag für Bjerg Pate gestanden haben. Wenn Lenz etwa schreibt: "Zu diesem Land gehörst du; hoffentlich darfst du hierbleiben. Und er dachte an die stumpigen Kirchtürme, die mit spitzem Dach über Obstbäumen herschauten, wenn er auf dem Rad vorbeifuhr" (aus Seltsamer Abschied), dann sind die Charakteristika der schwäbischen Landschaft beschrieben: dicke und kurze Kirchtürme mit spitz und lang aufragenden Turmdächern, von Obstwiesen umgeben.

So funktioniert das auch mit dem Druckknopf bei Bov Bjerg: Da kann er noch so hochdeutsch schreiben, für Kenner des Schwäbischen ist sofort klar, wo die Modernisierung seiner Mutter einst stattgefunden hat.