Als 2009 meine Tante Eunice Kennedy Shriver starb, fragte mancher, warum sie nicht, wie drei ihrer Brüder, für das Präsidentenamt kandidiert hatte. Nun, als meine Tante jung war, gab es, anders als 2009, keine Frauen in gewählten Ämtern. Und wie sollte sie sich zu etwas ermutigt fühlen, das sie gar nicht kannte. Selbst heute bin ich unter Dutzenden Kennedy-Cousinen der nächsten Generation die einzige, die ein gewähltes Amt ausgeübt oder überhaupt angestrebt hat.

Wie soll eine Kandidatin aussehen? Wie sich benehmen? Wie sein?

Als ich Mitte der achtziger Jahre das erste Mal für den Kongress kandidierte, musste ich mir immer wieder Kommentare zu meiner Frisur anhören. So ergeht es Hillary Clinton übrigens seit Jahrzehnten. In meinem Fall setzte sich "Abschneiden" durch, obwohl ich mein Haar lieber lang mochte. Mein Wahlkampfteam bestand darauf, dass ich Nylonstrümpfe trug, selbst wenn es draußen 35 Grad waren.

Im ersten Zeitungsartikel, der nach meiner Wahl zur Vizegouverneurin von Maryland erschien, wurde ich dafür kritisiert, kein Rouge zu tragen (dabei hatte ich welches aufgetragen, es war nur verblasst). Im zweiten Artikel schalt man mich für meine flachen Schuhe. Von da an trug ich Schuhe mit Absätzen, auch wenn ich davon Rückenschmerzen bekam. Ein ehemaliger Gouverneur hatte an meinem Schmuck etwas auszusetzen: "Zu viele Armbänder." Eine Kommentatorin beschäftigte sich ausgiebig mit meinem Stil. Ich sei die "unglamouröse Kennedy", schrieb sie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Aber auch als sexy zu gelten kann für Kandidatinnen zum Problem werden. Während des Wahlkampfs 2008 hatte ich einen Auftritt bei Fox News. Kurz vor Beginn hörte ich die Männer im Greenroom leidenschaftlich über die Vorzüge Sarah Palins diskutieren – und es ging nicht um ihren politischen Standpunkt. In dieser Hinsicht war Palin ein Novum. Als ich vor Kurzem in Knoxville Taxi fuhr, sagte mir der Fahrer, er träume von Hillary Clinton im Weißen Haus, weil sie "so heiß" sei. Das war mal etwas anderes. Normalerweise werden eher andere Dinge an ihr gelobt, aber mir gefiel es.

Heute bewerbe ich mich nicht mehr um Ämter, aber man bittet mich häufig, über Frauen zu sprechen, die kandidieren. Zu Beginn meines Vortrags "Frauen: Macht ernst nehmen" bitte ich das Publikum, die Augen zu schließen und sich eine Person in einer Machtposition vorzustellen. Obwohl wir bei einem Vortrag über Frauen sind, sehen die meisten vor ihrem geistigen Auge einen Mann. Die USA stellen leider eine Ausnahme dar, was Präsidentinnen anbelangt. In Europa, Lateinamerika und Asien ist das anders.

Warum ist das so?

Es geht schon damit los, dass unserer Kultur ein historisches Vorbild für mächtige Frauen fehlt. Wir hatten keine Monarchie, also auch keine Königinnen. Unsere Nation gründete sich auf christliche Ideale, und wir sehen unseren Gott als männlich an. In Indien dagegen findet man reichlich mächtige weibliche Gottheiten. Begehen wir Feiertage, an denen Führungspersönlichkeiten geehrt werden, dann handelt es sich um Männer: Martin Luther King Day, Presidents’ Day, und am 4. Juli gedenken wir der Gründerväter. Der wichtigste Tag, an dem wir landesweit die Frauen in den Mittelpunkt stellen, ist der Muttertag – nicht gerade eine Verbeugung vor der Rolle der Frau als Staatsmann (Staatsmann ... fällt Ihnen etwas auf?).