Wie das Leben wohl sein mag, wenn die Rumänen zu uns nach Gelsenkirchen ziehen? Das konnte sich Eckart Kuke erst vorstellen, als er abgenagte Kotelettknochen und benutzte Babywindeln aus den Fenstern eines Nachbarhauses fliegen sah. Er sah auch Transporter mit Frontscheiben voller Autobahnvignetten in der Hertastraße parken, und er sah Menschen, die Matratzen ins Haus trugen. "Da sind sie also", sagte sich Kuke, die neuen Zuwanderer aus dem Osten der Europäischen Union, und er nahm sich vor, sich auf sie zu freuen.

Eckart Kuke ist 66 Jahre alt, ein pensionierter Lehrer, der unbedingt auf einer Hauptschule unterrichten wollte, weil er sich für das Lösen von Problemen zuständig fühlte. Für die Flucht vor Problemen hatte er nie viel übrig. Jugendliche aus 21 Nationen besuchten seine Hauptschule im Ruhrgebiet. Kuke lernte junge Türken, Libanesen und Russen kennen. Er war einst aus der gepflegten Stadt Aachen ins verwilderte Gelsenkirchen gezogen, dorthin, wo jeder vierte Einwohner von Hartz IV lebt, wo die Stadtteile Schalke heißen, Rotthausen und Bulmke-Hüllen. Kuke mag diese widerspenstige Urbanität und die darin keimende Lebendigkeit, das Milieu unangepasster Typen. Seitdem aber seine neuen Nachbarn da sind, stellt sich Kuke Fragen, die er früher nie auszusprechen wagte. Zum Beispiel: "Was ist das für ein Film, in den ich da geraten bin?"

Seit dem Jahr 2014 gilt die Freizügigkeit von Arbeitnehmern in der EU auch für Bulgaren und Rumänen. 6.200 von ihnen leben heute in Gelsenkirchen: gut 4.200 Rumänen, darunter viele Roma-Familien, und fast 2.000 Bulgaren – in einer Stadt mit 265.000 Menschen. 6.200 neue Einwohner, nicht einmal drei Prozent der Bevölkerung. Rechnet man die rund 4.000 Flüchtlinge hinzu, kommt man auf vier Prozent. Kann das schon ein Problem sein?

Gelsenkirchen ist einer der Anziehungspunkte für Bulgaren und Rumänen, weil man dort für vier Euro Miete pro Quadratmeter jede Menge Wohnungen findet und billig leben kann. Aber kommen die Zuwanderer überhaupt nach Gelsenkirchen, um dort zu leben und zu bleiben, oder tun sie etwas anderes?

Eckart Kuke kann sich darauf noch immer keine Antwort geben. Mit seiner Frau, einer Architektin, kaufte er vor 17 Jahren eine ehemalige Bonbonfabrik in einem Hinterhof und baute sie liebevoll zu einer Wohnung aus. Im Hof legte er einen Garten an, in dem er Wein und Erdbeeren anbaut.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Die Menschen aus Rumänien, die im Sommer 2014 in das Haus auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofes zogen, nahmen von Eckart Kuke kaum Notiz. Wie viele wohnten nun in diesem dreistöckigen Haus, fragte er sich, 30 oder 40 Menschen? 50? Die Eingangstür stand immer offen, es war ein Kommen und Gehen. Bis in die Nächte standen die Menschen auf den Balkonen und telefonierten. Auch drinnen unterhielten sie sich, laut, sehr laut. Sie schlossen die Kabel ihrer Fernseher an die Satellitenschüssel eines anderen Hauses an. Sie ließen ihre Kinder toben und schreien, manchmal bis drei Uhr morgens. Sie warfen Müll vom Balkon. Es waren so viele Menschen im Haus, die so viel Abfall produzierten, dass die Tonnen nach kurzer Zeit überquollen.

"Ich werde hier noch verrückt. Wir stecken in einem Hexenkessel", klagte die Nachbarin Marina Ebert, eine Krankenschwester, der ein Haus unmittelbar neben dem der Rumänen gehört. "Ich habe dann etwas getan, was ich Selbstverteidigung nennen würde", sagt Kuke heute. "Ich habe es zunächst mit Sprache versucht. Sprache kann ein Zaubermittel sein."

Er ging hinüber ins Haus der Rumänen und sprach die Nachbarn auf Italienisch an. Schließlich geriet er an einen freundlichen Mann, der sich Antonio nannte und auf Italienisch antwortete. Das muss der Chef dieses Roma-Clans sein, vermutete Kuke. Wenn Antonio sprach, wurden die anderen stiller. Antonio, ein Mann mit geschliffenen Umgangsformen, schien der Organisator im Haus zu sein, so kam es Kuke vor. "Dieser Mann ist in Ordnung", hörte er Antonio über Kuke sagen, und Kuke freute sich. Kuke erklärte die deutschen Müll- und Lärmregeln. Vor den Augen eines Rumänen kippte er eine überladene Mülltonne aus und sortierte für die Nachbarn den Abfall. Anschließend glaubte Kuke, etwas erreicht zu haben, aber es änderte sich nichts.

Neue Transporter brachten neue Rumänen. Die Neuen warfen die zurückgelassenen Betten und Regale der früheren Mieter aus dem Fenster, schleppten danach ihre eigenen Möbel hoch. Wovon leben die wohl?, fragte sich Kuke.

Freizügigkeit bedeutet, dass andere EU-Bürger nach Deutschland ziehen dürfen, wenn sie sich hier um einen Job bemühen. Sechs Monate haben sie Zeit, eine Stelle zu finden. Sinn des Gesetzes ist es nicht, arme Menschen zu versorgen, sondern Bürgern die Chance zu geben, überall in der EU zu arbeiten. Aber suchten diese Menschen wirklich nach Arbeit?