In der Schweiz verweigerten im April zwei muslimische Schüler ihrer Lehrerin den Handschlag – ihre Religion würde ihnen das verbieten. Mit dem gleichen Argument gibt in Berlin Ende Juni ein Imam beim Elterngespräch der Lehrerin nicht die Hand. Anfang Juli schlägt ein muslimischer Schüler in Hamburg die Hand seiner Lehrerin aus, die ihm zum Abitur gratulieren will. Er wolle sie nicht verletzen, aber aus religiösen Gründen könne er nicht anders. Aus Protest boykottiert die Hälfte der Lehrer des Gymnasiums die Abiturfeier. Wie ernst soll man einen verweigerten Handschlag nehmen? Ist das Frömmelei, Respektlosigkeit oder ein islamistisches Ausrufezeichen?

DIE ZEIT: Herr Kiefer, verbietet der Koran, dass ein Mann einer Frau die Hand schüttelt?

Michael Kiefer: Es gibt im Koran und auch in den Überlieferungen des Propheten keine Stelle, die den Handschlag zwischen Mann und Frau ausdrücklich verbietet. Aber es gibt natürlich schon Stellen, die zur Keuschheit auffordern, Berührungen des anderen Geschlechts sollen vermieden werden. Aber das sind keine Verbote.

ZEIT: Dann ist die religiöse Argumentation der Schüler nur vorgeschoben?

Kiefer: Nein, es gibt Strömungen innerhalb des Islams, die aus den Überlieferungen des Propheten tatsächlich ein Verbot ableiten. Der Wahhabismus in Saudi-Arabien gehört dazu, der Salafismus, der unter jungen deutschen Muslimen immer mehr Anhänger findet. Bei ihnen ist es gängige Praxis, dem anderen Geschlecht nicht die Hand zu reichen. Anders als bei der Mehrheit der Muslime.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

ZEIT: Dann gehört ein Schüler, der den Handschlag verweigert, zu den Salafisten?

Kiefer: Nein, man darf so eine Verweigerung nicht automatisch mit hartgesottenem Islamismus gleichsetzen. Ich warne davor, die Sache zu dramatisieren. Das ist vielleicht ein Schüler, der den Islam gerade neu für sich entdeckt hat und deshalb besonders fromm erscheinen möchte. Es kann auch pure Lust an der Provokation dahinter stecken, Schüler nutzen dann die Gelegenheit, der Lehrerin mal eins auszuwischen.

ZEIT: Woran können Lehrer erkennen, ob es nicht doch um Islamismus geht?

Kiefer: Wenn zu dem verweigerten Handschlag noch mehr dazukommt: wenn einer seine Mitschüler drangsaliert, es ihm gleichzutun, wenn er ihnen vorschreibt, wie sich ein "richtiger" Muslim zu verhalten hat, er Mitschülerinnen drängt. Kopftuch zu tragen, wenn er andere abwertet.

ZEIT: Wird eine Frau nicht herabgesetzt, wenn ein Mann ihr den Handschlag verweigert? Die Lehrerin der Berliner Schule warf dem Imam Frauenfeindlichkeit vor.

Kiefer: Das ist ein Missverständnis. Es geht um eine konsequente Vermeidung von Körperkontakt. Es gibt ja auch muslimische Frauen, die Männern nicht die Hand geben. Das hat nichts damit zu tun, dass Frauen abgewertet werden. Manche meiner Studentinnen geben mir auch nicht die Hand. Die legen die rechte Hand dann halt aufs Herz oder nicken mit dem Kopf. Die lächeln, ich lächle, wo ist das Problem?

ZEIT: Die Schweizer haben damit ein recht großes Problem. Dort hat die zuständige Schulbehörde beschlossen, dass im Kanton Basel kein Schüler aufgrund seiner Religion den Handschlag verweigern darf ...

Kiefer: Das halte ich für Quatsch. Es gibt ja kein Recht auf einen erwiderten Handschlag. Da setzt man das Brauchtum höher als die Religionsfreiheit. Ich sehe keinen Grund, Schüler gegen ihre Überzeugung zu Begrüßungsritualen zu zwingen. Die beiden Schüler wollen jetzt ja auch gerichtlich gegen das staatlich verordnete Händeschütteln vorgehen.

ZEIT: Auch die Berliner Schule hat sich vergangene Woche bei dem Imam entschuldigt. Sie raten Lehrern also vor allem zu Gelassenheit?

Kiefer: Nicht provozieren lassen. Aber trotzdem genau hinschauen, ob bei dem Schüler nicht doch eine fragwürdige Religionsauffassung dahinterstecken könnte.