Sie müssen sich schwere Vorwürfe gefallen lassen, sollten diese Zeilen die ersten sein, die Sie zu Pokémon Go lesen. Wo waren Sie vergangene Woche: auf dem Mond!? Lassen Sie sich hier also kurz auf den Stand der Dinge bringen: Es handelt sich um ein Spiel ("Game") von Nintendo für das Smartphone (zum Beispiel "iPhone", "Galaxy"). Ziel des Spiels ist nicht, die eigene Würde unangetastet zu belassen, sondern möglichst viele sogenannte Pokémon zu fangen ("Gotta catch ’em all!"). Das Spiel verknüpft die Fähigkeit des Smartphones, den Standort des Besitzers per GPS zu ermitteln, mit einer rudimentären Kartenfunktion. An dieser Stelle wird es schnell abstrakt, daher folgt eine abrissartige Bedienungsanleitung:

Das Spiel auf das Smartphone herunterladen. Eine Spielfigur entwerfen – zum Beispiel Junge mit lila Gelstachel-Frisur –, für diese einen Namen finden, und zwar, weil alle naheliegenden schon vergeben scheinen, einen abwegigen, zum Beispiel "XXXHumboldt" (inzwischen ebenfalls vergeben). Auf die Straße gehen, Spiel aktivieren: Sie sehen auf dem Bildschirm sich selbst als die Spielfigur in einer Karte Ihrer tatsächlichen Umgebung stehen. Bewegen Sie sich, bewegt sich auch die Spielfigur. Sie laufen nun gemessenen Schrittes, die Wirklichkeit stets mit der Karte auf dem Bildschirm abgleichend, irgendwohin. Jeder Mitbürger kann Sie damit als Pokémon-Sammler identifizieren und wissen, dass Sie vom Rest der Menschheit für keine nennenswerte Aufgabe eingeteilt worden sind.

Auf der Karte eingezeichnet sind Dinge, die es in der Wirklichkeit nicht gibt. Ihnen wird zum Beispiel angezeigt, dass sich an der Ecke Goethestraße/Schillerstraße ein "Rattfratz" befindet, wie der Name schon suggeriert, eine schnöde, wertlose Kreatur. Wenn Sie sich an diese Ecke begeben und auf das Symbol für das Rattfratz tippen, wechselt Ihr Smartphone in den Kameramodus und blendet über die von der Kamera eingefangene Wirklichkeit ein animiertes Rattfratz – als wäre es wirklich da, dies nennt sich augmented reality, erweiterte Realität, wobei das mit der Erweiterung ein ästhetisches Urteil ist, das man nicht teilen muss. Das Pokémon fängt man mit einem Pokéball, einem virtuellen Fangapparillo, den Sie per Wischen ... Und so weiter. Es wird nicht wesentlich komplizierter.

Nun steht die halbe Welt wegen dieses Spiels Kopf. Der israelische Präsident hat ein Foto seiner Pokémon-Jagd gepostet, im New Yorker Central Park kam es zu einem Auflauf, als ein Mob ein besonders rares Pokémon jagte. Kinder entdeckten auf der Suche nach Pokémon eine Leiche im Wald (eine echte, nicht von Nintendo). Pokémon Go wurde unendlich oft heruntergeladen, die App brach diverse Absatzrekorde, dieser Artikel ist bloß einer von sehr, sehr vielen.

An sich ist Pokémon Go zu begrüßen. Dicke Kinder, die keine Fantasie haben (ihrer sind viele), werden dazu genötigt, das Haus zu verlassen, sich zu bewegen, eventuell anderen dicken Kindern zu begegnen und Freundschaften zu schließen. Beängstigend nur die Zahl an Erwachsenen, die die wahre Masse der Spieler ausmachen und denen der Staat durch ein Programm aus 120 Mikrogramm LSD und einer Kopie der Goldberg-Variationen zu der Einsicht verhelfen sollte, dass das Leben ein kostbares Gut ist, zu kurz für diesen Shit.

Und vielleicht, das hoffe ich, haben Sie deswegen bislang auch noch nichts von diesem Spiel gehört. Sie ahnten, dass man davon besser nicht weiß. Das Wesen der Unschuld, schrieb der Philosoph Søren Kierkegaard, sei die Unwissenheit, und weiter: "Das tiefe Geheimnis der Unschuld ist, dass sie zu gleicher Zeit Angst ist." Angst vor dem, was jenseits der Unschuld steht, vor dem Wissen. Derzeit wissen wir alle von Cop-Morden in Amerika, einer Amokfahrt in Nizza, dem Aufdämmern einer Diktatur in der Türkei. Dass die Menschheit sich in solchen Zeiten vornehmlich mit Pokémon befasst, kann beängstigen. Niemand wird Ihnen übel nehmen, wenn Sie sich in dieser Hinsicht jenen Rest an Unschuld bewahren wollten, die Ihnen dieser Text dann doch noch rauben konnte.