Erinnert sich noch einer an die Jubelrufe, mit denen der Westen seinerzeit den Aufstieg Recep Tayyip Erdoğans feierte? Endlich werde die Türkei ernsthaft demokratisiert, die Republik aus der Aufsicht des Militärs entlassen, die Religion vom ministeriellen Gängelband befreit (zumindest teilweise). Endlich schienen die Mängel behoben zu werden, die alle Verhandlungen mit Europa erschwerten. Selbst die deutschen Historiker Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler, die nicht müde wurden, die demokratischen Defizite der Türkei zu beklagen und vor einer Annäherung zu warnen, verloren an Redseligkeit.

Um einzuordnen, was letztes Wochenende in der Türkei geschehen ist, muss man sich unbedingt an diesen Jubel erinnern. Hat er sich bestätigt, nachdem der alte Militärapparat ein letztes Mal sein rostiges Haupt erhoben hat, um es im nächsten Moment kläglich zu verlieren? Hat sich in Erdoğans Türkei eine Zivilgesellschaft entwickelt, die der autoritären Versuchung entschlossen widersteht? "Wo sind die Bürger?", fragte Erdoğan in der Putschnacht, um gleich darauf selbst die triumphale Antwort zu geben: "Auf der Straße!" Auf der Straße haben die Bürger, die sich den Panzern entgegenstellten, die Demokratie bestätigt. Oder wie?

Kommt darauf an, was man unter Demokratie versteht. Wird zuvörderst an die Mehrheitsherrschaft gedacht, kann man sehr zufrieden sein. Die Bürger, die Erdoğan die Mehrheit im Parlament gegeben haben, haben ihn auch außerparlamentarisch verteidigt. Ganz anders sieht es aus, wenn man auf die andere Seite der Demokratie, den Rechtsstaat, die Gewaltenteilung und die Minderheitenrechte, blickt. Hier hat Erdoğan schon lange vor der Putschnacht die düstersten Befürchtungen des Militärs bestätigt: den Staat an die Religion ausgeliefert, die Unabhängigkeit der Justiz zerstört, die Frau unter das Kopftuch zurückgezwungen, ganz allgemein die säkularen Reformen des Staatsgründers Kemal Atatürk schwer beschädigt, als deren Hüter sich das Militär verstand.

Und nach dem gescheiterten Putsch? Wird Erdoğan das Gemetzel in Justiz, Militär und Medien nur verschärfen. Eine Liste, die nicht erst in der Nacht entstanden sein kann, nennt viele Tausend missliebige Funktionsträger. Ob die Putschisten der längst geplanten Säuberung zuvorkommen wollten (und deswegen so übereilt und dilettantisch vorgingen) oder ob der Putsch eine Inszenierung Erdoğans war, um die Säuberungen zu rechtfertigen, wird sich nicht bald, vielleicht nie klären lassen. Vielleicht ist es auch unerheblich. Beantworten lässt sich dagegen die Frage, wem der Putsch genützt hat. In einem eindrucksvollen Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt die türkische Journalistin Ece Temelkuran über den Morgen danach: "Es war der Morgen eines Landes, in dem nicht die Demokratie gestärkt war, sondern Erdoğan."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Die Staatsform und den Staatspräsidenten solchermaßen einander entgegenzusetzen ist aber vielleicht auch illusionär. Wie viele Bürger, die nächtens den Präsidenten gegen das Militär verteidigten, werden die Ziele jener anderen Bürger geteilt haben, die erst kürzlich am Taksim-Platz gegen den autoritären Stil Erdoğans demonstrierten? Wenn es stimmt, dass in der Türkei eine Zivilgesellschaft entstanden ist, dann gibt es leider mindestens zwei Sorten davon, und die größere von beiden hat sich für Erdoğan entschieden. Ist das undemokratisch? Die Siege Erdoğans wurden jedenfalls nicht gegen die Mehrheit errungen, sondern gegen Minderheiten. Wahrscheinlich gibt es auch zwei Sorten von Militärs. Erdoğan hat jedenfalls nicht die säkularen Kemalisten unter den Soldaten für den Putsch verantwortlich gemacht, sondern die Anhänger seines Erzfeindes, des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der aus den USA wirkt. Auf diese Weise hat er vermieden, dass sich der Konflikt als Auseinandersetzung über die weltanschauliche Neutralität des Staates darstellt. Es ist nur noch ein Kampf zwischen Religiösen unterschiedlicher Couleur. Die säkulare, kemalistische, die aufgeklärte und moderne Option ist für ihn längst gestorben.

Und spätestens hier endet der türkische Sonderweg und biegt auf die Hauptstraße der europäischen Entwicklungen ein. Auch in Polen hat eine Regierung die Mehrheit und schleift die Bastionen des Rechtsstaates, der Meinungsfreiheit, der weltanschaulichen Neutralität und Distanz zur Religion. Ungarn ist in der gleichen Richtung unterwegs, einschließlich der Hetze gegen Minderheiten, Russland sowieso. In Frankreich und Deutschland bewegen sich Parteien vom rechten Rand mit großer Geschwindigkeit auf die Mitte zu und wollen die Mehrheit wenigstens insofern unter Beschädigung des Rechtsstaates erobern, als sie die Diskriminierung von Minderheiten fordern.

Alle diese Bewegungen stellen die gleiche ungemütliche Frage nach unserem Bild der Demokratie, das bisher den Rechtsstaat, den Minderheitenschutz, die Meinungsfreiheit, die Gleichbehandlung von Mann und Frau zwingend einschloss. Letzteres gehörte einst sogar so zwingend dazu, dass die Türkei unter Kemal Atatürk bereits 1934 das Frauenwahlrecht einführte – verbunden mit der Wahlpflicht, damit die Männer und die Mullahs nicht heimlich die Frauen an der Wahl würden hindern können.