Mit Flugblättern kämpft Patrick Burckhardt gegen die Roboter. Burckhardt, Mitte 20, ein großer schmaler Mann mit schwarz gefärbten langen Haaren und Piercings, steht an einem Freitagmittag vor dem Haupteingang der Leipziger Messe und verteilt weiß-rote Handzettel. "Wir lassen uns von den Maschinen nicht verdrängen! Wenn immer mehr Roboter eingesetzt werden, sind wir bald alle arbeitslos", sagt Burckhardt. Auf seinen Flugblättern steht: "Ich bin kein Roboter!"

Burckhardt hat Angst um seinen Job.

Und er hat Grund dazu.

Seit sechs Jahren arbeitet Burckhardt in einem riesigen Lagerzentrum von Amazon in Leipzig. Er ist ein sogenannter Picker. Das heißt: Er läuft tagein, tagaus durch das Lager und holt Waren aus den Regalen, die Kunden bestellt haben. Diese Arbeit könnte wahrscheinlich bald ein Roboter übernehmen. Amazon denkt jedenfalls schon darüber nach. Deshalb hatte der Versandriese Anfang Juli 16 Forscherteams aus der ganzen Welt zu einer besonderen Leistungsschau in das Leipziger Messegelände eingeladen: der Amazon Picking Challenge. Bei diesem Wettkampf treten Roboter gegen Roboter an. Sie sollen zeigen, wie schnell und wie zuverlässig sie das erledigen können, womit Patrick Burckhardt bisher sein Geld verdient: unterschiedlichste Dinge, vom Buch bis zum Basketball, in Regale einsortieren und bei Bedarf wiederherausfischen.

Noch stellen sich die Maschinen ungeschickt an. Sie haben zum Beispiel Probleme, durchsichtige oder in Folie eingepackte Gegenstände richtig zu erkennen. Aber die Roboter werden immer besser. In ein paar Jahren dürften sie viele Aufgaben in Lagerhallen übernehmen. Und nicht nur dort. Experten warnen, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre rund die Hälfte aller Berufe von Softwareprogrammen und Maschinen erledigt werden könnte. Dann stünden nicht nur Burckhardt und seine Kollegen draußen vor der Tür, dann wären es Massen von Angestellten. Und dann?

Eine bunte Gruppe von Politikern und Managern meint: Wenn sie uns schon die Jobs wegnehmen, dann sollen die Roboter wenigstens Steuern zahlen, wie jeder normale Arbeitnehmer auch. Die Einführung einer Robotersteuer müsse geprüft werden, verlangt etwa Frank Appel, Chef der Deutschen Post. Auch Österreichs Bundeskanzler Christian Kern spricht sich für eine solche Abgabe aus, und die EU bastelt bereits an einem konkreten Gesetzentwurf. Muss Amazon also künftig Steuererklärungen für seine Sortiermaschinen ausfüllen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Wenn es nach Oliver Bendel geht, dann wird es genau so kommen. Bendel ist Wirtschaftsinformatiker und Philosoph und lehrt an der Hochschule für Wirtschaft in Basel. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit speziellen Computerprogrammen – sogenannten Bots –, die automatisierbare Tätigkeiten übernehmen. Bendel sagt von sich, dass er Maschinen "liebt", aber dass er auch erlebe, wie sie die Arbeitswelt veränderten. Wenn er zum Einkaufen in den Supermarkt gehe, gebe es zum Beispiel immer weniger Kassen, die von Menschen bedient würden.

So wie ein Chemiker einen Stoff gedanklich in seine atomaren Bestandteile zerlegt, um ihn besser verstehen zu können, so zerlegt Bendel Bücher und Basketbälle in ihre ökonomischen Grundelemente: Arbeit und Kapital. Für Wirtschaftsexperten wie ihn lässt sich jedes beliebige Produkt als Ergebnis von menschlicher Arbeit und Maschineneinsatz – das ist das Kapital – beschreiben. Bendel glaubt, dass durch den Fortschritt der Automatisierung sozusagen das Mischungsverhältnis nicht mehr stimmt: Das Kapital ersetzt die Arbeit. Im konkreten Fall den Picker Patrick Burckhardt.