Sahra Wagenknecht empfängt in ihrem Bundestagsbüro in Berlin. Früher war sie die umstrittene Kommunistin, heute ist sie die bekannteste Politikerin der Linken; in ihrem neuen Buch "Reichtum ohne Gier" zitiert sie lieber ordoliberale Denker als Karl Marx. Wir wollen wissen, wie sie sich so verändert hat – und bitten sie dafür, ihr Leben in Linien zu zeichnen.

DIE ZEIT: Frau Wagenknecht, ist der Brexit eine Gefahr für Europa?

Sahra Wagenknecht: Er könnte ein Weckruf sein. Jedem müsste jetzt klar sein, dass wir etwas ändern müssen, wenn wir nicht wollen, dass Europa weiter zerfällt.

ZEIT: Was läuft schief in Europa?

Wagenknecht: Die großen Versprechen des geeinten Europa waren Frieden, Demokratie und Wohlstand für alle. In den EU-Verträgen dagegen haben die Kapitalfreiheiten Vorrang vor sozialen Grundrechten. Seit Jahren erleben wir die Entfesselung von Märkten, Sozialabbau, die Prekarisierung von Arbeit, wachsende Ungleichheit. Es ist nicht erstaunlich, dass sich immer mehr Menschen von einem solchen Europa abwenden.

ZEIT: War der Euro auch ein Fehler?

Wagenknecht: Ja, er hat Europa gespalten. Er führt zu immer größeren Ungleichgewichten. Deutschland hat riesige Exportüberschüsse, Südeuropa wird deindustrialisiert, und Millionen sind arbeitslos.

ZEIT: Kann eine gemeinsame Währung in Europa überhaupt funktionieren?

Wagenknecht: Eine Einheitswährung setzt voraus, dass alle beteiligten Staaten eine ähnliche Wirtschaftspolitik verfolgen, also etwa die Löhne sich ähnlich entwickeln. Das ist aber nicht der Fall.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

ZEIT: In Ihrem Unbehagen klingen Sie wie Nigel Farage, der als Chef der rechtspopulistischen Ukip in Großbritannien für den Brexit gekämpft hat.

Wagenknecht: Die Ukip will keine soziale Gesellschaft. Es gibt einen einzigen Punkt, den ich für richtig halte: die Kritik am Demokratiedefizit der EU.

ZEIT: Sie sind im Sozialismus ohne echte Demokratie groß geworden. Wie war Ihre Kindheit?

Wagenknecht: Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen, weil meine Mutter arbeitete und mein Vater in seine Heimat, den Iran, zurückgekehrt war. Ich hatte eine glückliche Kindheit, auch wenn ich viel allein war. Erst als ich ins Teenageralter kam, wuchs meine Unzufriedenheit.

Sahra Wagenknecht zeichnet die erste Kurve: ihre persönliche Freiheit. Die Linie beginnt oben und nähert sich dann einem Tiefpunkt kurz vor ihrem 20. Geburtstag. Erst nach der Wende in der DDR dreht sie nach oben. Als Wagenknechts politische Aufgaben wachsen, schrumpft ihre Freiheit wieder.

Sahra Wagenknecht wollte einst die DDR retten – das hat nicht geklappt. Ihrer Glückskurve tat das keinen Abbruch