Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Er ist viel zu taktvoll und weiß, welchen Dank er diesem Land schuldet, das ihm Asyl gewährt. Also kann er es nicht verwehren, herumgereicht und beklatscht zu werden als der weltberühmte Autor. Aber gerade diese überschwänglichen Ehrungen lassen ihm seine Fremdheit schmerzlich bewusst werden. Wie das Exemplar einer fremden Spezies kommt er sich vor an dem für Menschen bewohnbaren Rand des tropischen Regenwaldes. Er recherchiert auch dort, schreibt ein Buch über Brasilien, weil ihm diese Tätigkeit immerhin das Gefühl gibt, hier nur Gast zu sein und in absehbarer Zeit heimzukehren. Aber dann muss er doch erkennen, dass sein Europa unwiederbringlich verloren ist, sein geistiger Kontinent, der Stoff, aus dem, für den er lebt. Erst mit dieser Erkenntnis verliert alles, was er mitbrachte an Büchern und Bildern und Projekten – erst jetzt verliert es seine Gültigkeit. Er selbst ist ungültig geworden.

Zuletzt versucht er, dies Ungültigwerden zu beschreiben: Wie man sich dagegen zur Wehr setzen kann und sei es mit einem Schachbuch. Vor allem aber: Wie man daran irre werden muss, in der Isolation die kulturelle Identität zu wahren. Wie lässt sich eine innere Kultur in Isolationshaft bewahren, ohne zu pervertieren? Ist sie nicht auf ein ganz besonderes, stets respondierendes Gespinst angewiesen, von dem man umgeben ist, um sich darin einzuweben? Aus seiner brasilianischen Ferne sieht Stefan Zweig das Schiff versinken, das ihm Heimat ist und kulturelles Gespinst. Seine "Schachnovelle" spielt auf einem Rettungsboot für Flüchtende, wo man sich verbieten muss, an die eigene Zerrissenheit zu rühren. Um nicht daran irre zu werden. Mann will ja doch überleben, irgendwie. Zweig, ganz Produkt und Protagonist des kulturellen Europa, fühlte sich ausgeworfen ins Wildfremde und wollte so nicht überleben.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Etwas muss ihm gefehlt haben, woran es dem Gefangenen Bonhoeffer bis zuletzt nicht mangelte. Glaube? Liebe? Hoffnung? Wie schaffen es gläubige Menschen, ihre Isolation zu überleben? Wie schaffen sie es, überall auf der Welt Heimat zu finden? Wie schafft es dieser Papst, überall auf der Welt mit denselben Worten Menschen zu erreichen, die sich kulturell so fremd sind, wie man sich nur sein kann? Um sich in Lateinamerika zu beheimaten, könnte es dem Exilanten Zweig an der Universalität seines Christentums gemangelt haben. Einer Universalität, die Papst Franziskus in Lateinamerika erfahren und erlernen konnte, um sich zu beheimaten an jedem Ort der Welt. Und sei es im Vatikan zu Rom.