Manchmal verdichten sich die Ereignisse so stark, dass es kaum auszuhalten ist. So geschieht es auch in diesen Wochen des Wahnsinns, die beängstigende Fragen aufwerfen: Welche Geschichte wird hier eigentlich gerade gemacht? Wie um Himmels willen gelingt es uns, das Chaos zu durchschauen? Und wie kriegt man es wieder in den Griff?

Der Brexit war allein schon ein Schock. Es geschah, was keiner wahrhaben wollte. Dann begingen – einen immer schmaler werdenden Ozean entfernt – weiße Cops Morde an zwei Schwarzen, und im Gegenzug beging ein Schwarzer Morde an fünf weißen Cops. Eine Wut befeuert die andere. Den nächsten Irrsinn verübte ein in Frankreich lebender Tunesier, als er mit einem Lkw in die Menge feiernder Menschen fuhr. Damit leitete er etwas ein, das jenes schon sprichwörtlich gewordene Aus-den-Fugen-Sein der Welt ins scheinbar Unerträgliche steigerte, das blutige Wochenende: am Freitag mit Nizza aufgewacht, mit dem Putsch in der Türkei zu Bett gegangen. Und so ging es weiter: samstags mit dem Gegenputsch von Erdoğan. Nebenbei erschoss am Sonntag ein schwarzer Kriegsveteran erneut Polizisten, diesmal in Baton Rouge; montags folgte der erste islamistische Anschlag (oder war es schon der zweite?) auf deutschem Boden, verübt mit einer Axt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

Eine neue Epoche beginnt

Für jene, die es im Januar oder April noch nicht wahrhaben wollten, hat spätestens der Juli offenkundig gemacht: Wir leben in einem Epochenumbruch, da kann man wählen, was und wen man will – die Welt, wie wir sie kannten, sie steht nicht mehr zur Wahl. Die Zeitläufte reißen uns mit wie ein Wasserfall. Wie aber geht man damit um?

Erst einmal mit Akzeptieren vermutlich. Politiker und Spitzenbeamte in Berlin und Washington, die derzeit gefragt werden, ob dies die gefährlichste politische Situation ihres Lebens sei, antworten nach kurzem Zögern alle: Ja. Darunter Vietnam-Veteranen und Botschafter in Kabul und Bagdad, Euro-Krisen-Bewältiger, Iran-Deal-Verhandler – Leute eben, die schon ein bisschen was gesehen haben von den Krisen dieser Welt.

Sodann muss man seine Erwartungen anpassen an das Wahrscheinliche, nicht mehr an das Gewohnte. Stabilität ist Nostalgie geworden. Auch die Formulierung "Das ist alles unerträglich" trifft nicht zu (außer für die Opfer von Attentaten und ihre Angehörigen). Wir ertragen es.

Und Schluss mit der ewigen Bestürzung. Wer dauernd die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, kann nicht denken. Wir müssen also raus aus diesem Modus des Passiven.

Die Wahrheit ist: Die Gewöhnung hat schon begonnen. Beim Terror beispielsweise. Charlie Hebdo – Bataclan – Nizza. Von Mal zu Mal weniger öffentlicher Aufwand, auch in den sozialen Medien, immer routinierter die Beileidsbekundungen, immer matter der französische Präsident. Das ist kein Krieg, das ist der neue Alltag.

Wer in diesen Tagen nach Israel fährt und fragt: "Wie haltet ihr das bloß aus mit dem Terror?", der erntet die Gegenfrage: "Und ihr so?" Auch die Israelisierung Europas ist längst im Gange. Das ist schlimm – aber nicht nur, denn es bedeutet neben der stumpfen Gewöhnung auch dieses: Mitleidssinn bewahren, wachsam sein und entschlossen.