Der amerikanische Unternehmer Cyrus W. Field verfällt 1854 einer mehr als nur ambitionierten Idee: Er will ein Telegrafenkabel quer durch den Nordatlantik verlegen, zwischen der Westküste Irlands und dem kanadischen Neufundland. Damit sollen die Kommunikation, der Handel und der politische Austausch zwischen Europa und Nordamerika radikal beschleunigt werden. Dem Millionär zur Seite stehen einige seiner reichen Nachbarn aus Gramercy Park, einem Stadtteil New Yorks. Mit Samuel F. B. Morse gewinnt Field einen der Erfinder der Telegrafie als Berater. Zusammen etablieren sie die New York, Newfoundland and London Telegraph Company.

Lange Zeit stehen die Männer um Cyrus W. Field abseits des politischen und wissenschaftlichen Establishments. Viele belächeln sie. Ihre Idee, ein Telegrafenkabel quer durch die raue See des Nordatlantiks zu verlegen, so erinnert sich später der Steuermann des Kabelschiffs Great Eastern, erscheint vielen Zeitgenossen Mitte des 19. Jahrhunderts "ähnlich verrückt wie der Vorschlag, eine Leiter zum Mond errichten zu wollen". 1.800 Seemeilen soll das Kabel überbrücken, das sind mehr als 3.000 Kilometer. Vor allem aus technologischer Perspektive ist das Projekt Atlantikkabel ein äußerst riskantes Unterfangen.

Über den Meeresboden und die dort vorkommenden Strömungen ist wenig bekannt. Die Kabelverleger verlassen sich auf die umstrittenen Aussagen des amerikanischen Ozeanografen Matthew F. Maury, der 1853 ein transatlantisches Plateau zwischen Irland und Neufundland entdeckt haben will: nur zwei Seemeilen tief, ohne signifikante Gräben und zudem strömungsarm. Dieses Plateau, schreibt Maury in einem Brief an Field, sei "geradezu dafür vorgesehen, dort ein Tiefseekabel zu verlegen".

Die britische und die amerikanische Regierung sagen zögerlich ihre Unterstützung des Projekts zu. Marine-Einheiten der beiden Länder unternehmen in den Jahren 1856 und 1857 mehrere Messfahrten. Gewissheit über die Ergebnisse von Maury liefern sie nicht.

Hinzu kommen weitere Unwägbarkeiten: Wie ist die Leitungseigenschaft von Kupferkabeln über derart lange Distanzen? Reagiert das gummiartige Isoliermaterial, Guttapercha, auf Salzwasser? Und was ist mit dem zwar winzigen, aber angeblich überaus gefräßigen Schiffsbohrwurm? Diese Termiten der Tiefsee, so die Mär, haben Guttapercha zur Leibspeise erkoren und werden die Isolierung aller Seekabel dieser Welt in Schweizer Käse verwandeln.

Zwischen 1857 und 1866 ist das Projekt eine kostspielige Aneinanderreihung von gescheiterten Versuchen. Die Unternehmungen können nur innerhalb der kurzen Zeit zwischen Frühjahrs- und Herbststürmen sicher durchgeführt werden. Beim ersten Versuch 1857 bricht das Kabel noch am Tag der Abfahrt vom westirischen Valentia Island. Obgleich zunächst gehoben, versinkt es wenige Tage später unwiederbringlich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

1858 gelingt zwar die Atlantiküberquerung. Doch weil man fälschlicherweise glaubt, dass die Signalübertragung umso besser funktioniert, je mehr Strom dabei zum Einsatz kommt, sendet einer der beiden Chefingenieure derart hohe Voltzahlen durch das Kabel, dass am Ende nur ein verschmortes Stück Draht auf dem Ozeanboden zurückbleibt.

Zwischen 1861 und 1864 verhindern die Wirren des Amerikanischen Bürgerkriegs weitere Unternehmungen. Dringend notwendige Neuinvestoren schreckt die bisherige Misserfolgsquote. Retter in der Not ist der Textilunternehmer John Pender aus Nordengland, der 1865 einen Großteil seines Privatvermögens in das Atlantikkabel steckt und wichtige Unternehmensreformen einleitet. Aber Glück ist zunächst auch ihm nicht beschieden. 1865 bricht das Kabel erneut auf hoher See. Mit jedem Fehlversuch versenkt die Kabel-Crew knapp 200.000 Pfund, nach heutigem Maßstab eine Summe im mehrstelligen Millionenbereich, auf dem Grunde des Meeres.

Ans Aufgeben denken sie dennoch nicht. Wie viele ihrer Zeitgenossen sind sie überzeugt von der Beherrschbarkeit der Natur und beseelt von einem profunden Technik- und Fortschrittsglauben.

Am 27. Juli 1866, vor genau 150 Jahren, ist es so weit. "Erdrückende Stille. Und plötzlich brach er los, der Sturm des Jubels. Alle waren außer sich vor Freude. Sie sprangen ins Wasser und schrien ihr Glück und ihre Erleichterung so laut aus sich heraus, als ob sie wünschten, dass es noch in Washington vernommen würde. Unsere Seeleute hielten das Kabel in die Höhe und tanzten wild darum herum. Einer von ihnen steckte es sich sogar in den Mund! Ich empfand nicht anders; schrie laut jubelnd wie sie. Und wollte doch nur leise weinen. Wir hatten es geschafft."

Mit diesen Zeilen erinnert Sir Daniel Gooch, britischer Eisenbahn- und Telegrafeningenieur, in seinen Tagebuchaufzeichnungen an den 27. Juli 1866. Den Tag, als er nach fast vier Wochen auf See mitten im Nirgendwo neufundländischer Küstenkargheit mit einer Crew aus englischen, irischen und amerikanischen Ingenieuren, Elektrikern und Seeleuten an Land gegangen ist.