Elf Uhr in einem kleinen Straßencafé am Prenzlauer Berg. Seit nun auch schon acht Jahren ist Udo Kittelmann, 58, Direktor der Berliner Nationalgalerie, sein Vertrag wurde letztes Jahr bis 2020 verlängert. Unter den schmallippigen und schmalbrüstigen Kunsthistorikern war es immer schick, über ihn, den barocken Kunstkönig der Stadt, den Mann für den Zeitgeist, den Zirkusdirektor, den Hit-Mann – unvergessen das Ausstellungsmotto "Die Kunst ist super!", mit dem er in Berlin antrat –, die Nase zu rümpfen: Er hat, natürlich, die großen Namen (Richter, Demand) gezeigt, aber seine Ausstellungen gelten als zu populär, er hat kein Kunstgeschichtsstudium und keine Promotion vorzuweisen, bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr übte der Direktor den Beruf des Augenoptikers aus. In der Stadt findet sich, vor allem unter vornehmen Galeristen, ein gewisser Udo-Überdruss. Wir haben ein wenig Angst, dass Kittelmann versuchen wird, bei diesem Frühstück mit besonders akademischen Antworten zu glänzen und so seinem Ruf als Plaudertasche und Entertainer zu widersprechen. Seine vergnügten Äuglein hinter der Hornbrille. Kaffee, ein Bio-Ei, die Zigarette brennt. Frage an seine berühmte Intuition: Welchen total abgemeldeten Künstler müsste man mal wieder herausholen?

Tatsächlich, der Direktor genehmigt sich erst einmal eine gewichtige Denkpause. Kittelmann nennt den über neunzigjährigen Kunstprofessor und Kinetiker Günter Haese: "Er passt, wie viele hochinteressante Künstler, auf eine gute Art nicht in die Zeit." Denkt man als Museumsdirektor in diesen aufgeheizten Zeiten eigentlich automatisch über politische Ausstellungen nach, oder ist das ein Klischee? Er gibt eine lange Antwort, in der einige Standardsätze vorkommen ("Eine Institution wie ein Museum hat sich immer in die gesellschaftlichen Kämpfe einzumischen"). Dann erzählt er, als Beispiel dafür, wie schnell die politischen Verhältnisse sich ändern können, dass es heute unmöglich erscheine, dass er, wie vor drei Jahren geschehen, als Kurator des russischen Pavillons nach Venedig eingeladen werde. Eine Frage, die die Kulturstadt Berlin beschäftigt: Welcher Architekt könnte die Hammeraufgabe lösen, zwischen Hans Scharouns Philharmonie und Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie ein Museum für die Moderne zu bauen? Er wolle dem Wettbewerb und der Jury nicht vorgreifen. Aber: An so einem prominenten Ort müsse ein überzeugender Entwurf gelingen. "Ich glaube sehr an die Kunst der Architekten."

Jetzt stellen wir mal eine Klugscheißer-Frage: Ist es als ehemaliger Optiker – die Kunst verlagert sich vom Auge ins Gehirn – nur folgerichtig, dass sein Kunstgott Marcel Duchamp heißt? Haha. Was für ein Quatsch. Nein. "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun." Frage an den Privatmann hinter dem erfolgreichen Museumsmacher: Wie hält er es als lebendiger Mensch im Korsett der Verwaltung aus? Diese Frage macht ihm Freude. Es spricht der Lustmensch und der Lebemann Udo Kittelmann: "Wenn ich nicht so nah an der Kunst wäre, wenn ich es nicht so lieben würde, mit Künstlern zu arbeiten und zu verkehren, dann könnte ich in diesem Job nicht bei guter Laune bleiben."

Ein Nach-Eichen-Zigarettchen. Ist er manchmal partymüde? Oder gilt die Erfahrung, dass viele wichtige Entscheidungen in der Kunst saufend um halb drei morgens an der Bar getroffen werden? Kittelmann: "Die besten Ideen kommen einem sowieso in der Nacht, in einer Stimmung zwischen großer Ausgelassenheit und Melancholie." Aufbruch. Der Direktor möchte heute noch die Finanzierung für eine Ausstellung mit der amerikanischen Konzeptkünstlerin, Feministin und Philosophin Adrian Piper für das Jahr 2018 zumachen.

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