DIE ZEIT: Mr. Amis, vor einigen Jahren sagten Sie über Ihre Heimat, England sei nur noch im Niedergang führend. Stimmt das? Und entkamen Sie dem niedergehenden England nur, um nun Amerika niedergehen zu sehen?

Martin Amis: Ja, ich kam hierher, um Amerikas Niedergang zu begleiten. Und Amerika wird niedergehen.

ZEIT: Wann?

Amis: Der Abstieg findet schon statt, während wir hier miteinander reden. Spätestens 2025 wird China mächtiger sein – ökonomisch und mit allem, was daran hängt. Und ich glaube nicht, dass die Amerikaner sich so vernünftig benehmen werden, wie die Engländer es taten. Amerika ist ein jüngeres, weniger erfahrenes Land. Ich will es nicht mit dem Begriff "Reife" fassen, denn das ist, so könnte man behaupten, auch nur ein anderes Wort für Niedergang, aber doch: England macht, nehmen wir mal den Brexit aus, eine reife Politik, es hatte seinen Bürgerkrieg und seine Revolution im 17. Jahrhundert – es ist ein paar Jahrhunderte älter als Amerika, also ist es an Niedergänge gewöhnt. Es hat nach dem Zweiten Weltkrieg sehr rasch seinen Weltmachtstatus verloren, und die Engländer haben das mehr oder weniger lakonisch ertragen. England wurde ein zweitklassiges Land, und das ohne großes Gebrüll, Gekicke, Theater. Ich glaube nicht, dass die Fahrt Amerikas in den Niedergang so unproblematisch verlaufen wird.

ZEIT: Was wird geschehen?

Amis: Es wird jedenfalls kein würdevoller Rückzug sein. Amerika wird immer eine bemerkenswerte Macht sein, aber die Gewissheit, man sei eine Ausnahme, die erste unter den Nationen, die ist falsch. Alle großen Reiche erleben Aufstieg und Niedergang; Amerika wird es genauso ergehen.

ZEIT: Welcher Unterschied fällt Ihnen zuerst auf, wenn Sie von New York nach London reisen?

Amis: Der Unterschied, der mir ins Auge fällt, wenn ich nach London komme: Es wirkt post-racial, postrassistisch, auf mich – ein Status, den Amerika gewiss nicht erreicht hat.

ZEIT: Die Frage nach der "Rasse" eines Menschen ist kein Thema mehr in London?

Amis: Es kommt natürlich drauf an, in welchem Teil von London Sie sind. Je reicher die Gegend, desto weniger scheren sich die Leute um die Frage, welcher Rasse einer angehört. Nun ist auch die historische Bürde Britanniens nicht so schwer wie die Amerikas. Wir profitierten vom Sklavenhandel, aber es gab bei uns nicht zwei Jahrhunderte der Sklaverei. Es gab auch nicht den Genozid an den Ureinwohnern, den Indianern. Amerika wurde reich dadurch, dass man die Schwarzen dazu zwang, auf dem Land zu arbeiten, das man den Indianern gestohlen hatte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 21.7.2016.

ZEIT: Nach den jüngsten Polizistenmorden: Droht in den USA ein Rassenkrieg?

Amis: In einem Land mit so vielen Waffen in Privatbesitz musste es eigentlich so kommen. Die Polizei verhält sich neurotisch, die Streifenbeamten sind jedes Mal in Todesangst, wenn sie jemanden anhalten.

ZEIT: Wird die Diskussion über Waffen in den Vereinigten Staaten jemals ernsthaft geführt?

Amis: Es ist völlig unmöglich, diese Diskussion rational zu führen. Hinter dem Waffenwahn stecken archaische Motive – etwa die Idee, dass sich Privatleute gegen einen möglicherweise tyrannischen Staat zur Wehr setzen können. Was für eine irrsinnige Hoffnung: ein paar Rednecks, die mit ihren Gewehren dem Staat Widerstand leisten! Neulich habe ich gelesen, dass auf der Erde etwa eine Milliarde Handfeuerwaffen in Umlauf sind. Ein Drittel davon befindet sich in den USA. Der perverse Gedanke, der einem kommt, ist: Es wird mehr von alldem geben – mehr Blut, mehr Waffen.

ZEIT: Wie viele Menschen sterben in den USA durch Waffen?

Amis: Derzeit etwa 33.000 pro Jahr. Und ich sage Ihnen: Wären es 330.000, würde es die Amerikaner immer noch nicht stören. Es müssten drei Millionen Tote jährlich sein, dann würde sich etwas ändern. Wenn es in jeder Familie ein Opfer gäbe, würden sie anfangen, sich Gedanken zu machen.