Sie sprechen zwei gemeinsame Sprachen, aber sie verstehen einander nicht. Sie haben eine gemeinsame Herkunft, aber die verbindet sie nicht, sondern trennt sie. Sie halten es miteinander aus, aber nur weil sie es schaffen, einander aus dem Weg zu gehen.

90.000 Menschen türkischer Herkunft leben in Hamburg. Dass sie keine Community bilden, wie es im Jargon der Mehrheitsgesellschaft manchmal heißt, weiß jeder Soziologe. Die Milieus der Migranten sind in ihren Ansprüchen, ihren Werten und ihrer wirtschaftlichen Lage ähnlich unterschiedlich wie der Alteingesessenen, viele Deutschtürken verbindet mit ihren biodeutschen Nachbarn und Kollegen mehr als mit ihren Semi-Landsleuten am anderen Ende der Stadt. Quer zu den sozialen Gräben aber verlaufen die politischen und religiösen. Wie tief sie sind, zeigt sich in diesen Tagen angesichts des Umsturzes in der Türkei.

Die ZEIT hat mit vier Vertretern der unterschiedlichen Lager gesprochen. Sie alle haben ihre eigenen Theorien zur Lage in Hamburg und in der Türkei, sie alle sehen verborgene Verbindungen am Werk, aber keiner von ihnen würde sagen, er hänge einer Verschwörungstheorie an. Trotzdem bekommt man von jedem eine zu hören.

Yavuz Fersoglu, Jurist

Einordnung: Links, Kurde, Laizist

Sein Verdacht: Die Putschisten wurden verraten oder in eine Falle gelockt, Erdoğan will die Kriegsverbrechen in den Kurdengebieten den Putschisten anhängen. Der angebliche Einfluss der Gülen-Bewegung dient dem Regime als Vorwand, um die Opposition zu unterdrücken.

Yavuz Fersoglu hat sich schnell zur Ordnung gerufen, schließlich denkt er demokratisch und ist deswegen fast ein bisschen erschrocken über sich selbst. Aber im allerersten Augenblick, als er vom Putsch in der Türkei hörte, empfand Fersoglu, der kurdische Aktivist in Hamburg, "fast so etwas wie Hoffnung".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 28.7.2016.

Yavuz Fersoglu, 48 Jahre alt, seit 35 Jahren in Deutschland, Jurist und Leser der ZEIT, wie sich im Lauf des Gesprächs herausstellt. Er ist hier zu Hause, hat aber nichts dagegen, als Kurde bezeichnet zu werden, er ist Mitglied der linken türkischen Partei HDP und war im vergangenen Jahr viermal in der Türkei. Das Land sei ihm näher gerückt, sagt er, seit in den Kurdengebieten wieder Krieg herrsche, und nun, nach dem Putsch noch einmal, "weil ich mit den Menschen dort fühle und mir Sorgen mache".

Die Menschen dort, das sind für Fersoglu vor allem die Kurden. Zwei Freunde, beide Lehrer von Beruf, wurden nach dem Putsch entlassen. Er kennt einen Hotelier, der schon seit drei Monaten in Haft sei, weil er Erdoğan auf Facebook kritisiert habe. Der Krieg in den Kurdengebieten, die "Massaker", wie er sagt: Das ist sein Thema, er kommt auch in seiner Deutung des versuchten Putsches sofort darauf zurück. An die Gülen-Bewegung als heimliche Drahtzieherin hat er nicht eine Sekunde lang geglaubt. Erdoğan und Gülen sind aus seiner Sicht zwei Vertreter des religiös-nationalistischen Lagers, "zwei Herren, die sich verwerfen, sodass nun das ganze Land leiden muss". Dass Erdoğan den Putsch benutzen werde, um die Verbrechen in den Kurdengebieten den aufständischen Militärs in die Schuhe zu schieben, findet er plausibel.

Klingt verrückt? Am Abend nach dem Gespräch mit Fersoglu melden die Nachrichten die Aussöhnung Erdoğans mit Putin. Erdoğan wolle untersuchen lassen, ob das abgeschossene russische Kampfflugzeug, das zum Streit führte, womöglich auf Anordnung Gülens angegriffen worden sei.

Es gab eine Zeit der Entspannung, in der Türkei, aber auch in Hamburg, Fersoglu wurde sogar als HDP-Vertreter ins Konsulat eingeladen. Nun hat er seinen Türkeiurlaub abgesagt, er wäre dort nicht mehr sicher, glaubt er. Gegner und Feinde überall, in der Türkei wie in Hamburg. Die Erdoğan-Anhänger sowieso, aber zum Lager der Kemalisten fällt ihm als Erstes ein, dass auch von deren Abgeordneten in der Türkei einige dafür gestimmt hätten, die Immunität seiner türkischen Parteifreunde aufzuheben.

Wie muss man sich das Verhältnis zwischen Deutschtürken unterschiedlicher Auffassung vorstellen, ähnlich wie zwischen Anhängern der Grünen und der CDU? "Nein, wie bei Grünen und NPD."