Read the English version of this article here

In einem fensterlosen Hotelzimmer, Tausende Kilometer von Berlin entfernt, fiel am vergangenen Samstag ein Satz, der die Welt verändern könnte: "Die Vorteile des Wirtschaftswachstums müssen breiter verteilt werden, um die Inklusion zu fördern."

Das Sensationelle an diesem Satz ist nicht, was da gesagt wurde, sondern von wem. Er fiel nicht etwa auf der Jahresversammlung von Attac und auch nicht auf einem Parteitag der SPD – sondern dort, wo die Mächtigen der Welt zusammenkamen: auf dem Gipfeltreffen der führenden Wirtschaftsnationen, der G 20. Der Satz ist die zentrale Botschaft der Abschlusserklärung dieser Staatengruppe und damit so etwas wie die Regierungserklärung des Gremiums. Er kündigt einen aufregenden politischen Großversuch an: die Sozialdemokratisierung der Weltwirtschaft. Sie soll verhindern, dass die Welt den Populisten in die Hände fällt.

Seit Wochen wurde die Operation unter strikter Geheimhaltung vorbereitet. Minister waren eingeweiht, Regierungschefs und Staatssekretäre – sowie ein Beamter mit dem Namen Holger Fabig. Der leitet das Referat für Internationale Angelegenheiten im Bundesministerium der Finanzen. Fabig ist sozusagen Wolfgang Schäubles Verbindungsmann in die Welt und bereitet die Gipfeltreffen der G 20 vor. Konkret bedeutet das: Fabig schreibt sehr viele E-Mails an seine Partner in aller Welt und stimmt mit ihnen ab, was auf diesen Treffen besprochen wird.

Wenn die Gespräche dann beginnen, sitzt Fabig üblicherweise in einem Nebenzimmer, den aufgeklappten Laptop auf dem Schoß, und entwirft mit seinen Kollegen die Abschlusserklärung, die am Ende alle teilnehmenden Länder mittragen. Genau so war es auch am vergangenen Wochenende auf dem G-20-Gipfel in Chengdu im Westen Chinas – mit einem entscheidenden Unterschied: Normalerweise feilschen die Unterhändler stundenlang um jedes Wort, weil jedes Land seine Vorstellungen durchsetzen will. Diesmal aber war man schnell durch – auch weil Gefahr im Verzug ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 28.7.2016.

Unmittelbar vor dem Beginn des Gipfels wurde Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten nominiert, und es wird inzwischen in G-20-Kreisen auch nicht mehr ausgeschlossen, dass Frankreich an Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National fällt und sodann Italien an die euroskeptische Bewegung von Beppe Grillo.

Wie groß die Verunsicherung ist, zeigt eine E-Mail, die an der Wall Street kursiert. Verfasst hat sie ein Investmentbanker der Deutschen Bank. Darin führt er das Abstimmungsergebnis in Großbritannien auf ein "tief empfundenes Unwohlsein mit der Arbeitsweise der Weltwirtschaft" in der Bevölkerung zurück. Der Siegeszug der Populisten sei nur durch "radikales Umdenken" aufzuhalten. Die Politik müsse Einkommen umverteilen, "von denen, die viel haben, zu denen, die weniger haben".

Auch die amerikanischen G-20-Unterhändler haben diese E-Mail gelesen. Sie haben registriert, dass in den Finanzkonzernen die Angst vor Donald Trump inzwischen größer ist als die Furcht vor höheren Steuern: Im Angesicht des Schreckens ordnet das Kapital seine Prioritäten neu. Das eröffnet politische Spielräume.