In Berlin hat man schon vergangene Woche mitbekommen, dass sich der Wind dreht. Da war Jacob Lew bei Wolfgang Schäuble zu Besuch. Lew ist amerikanischer Finanzminister und war – wie die meisten seiner Vorgänger – vor seinem Wechsel in die Politik Investmentbanker. Im Bundesfinanzministerium hielt Lew ein derart leidenschaftliches Plädoyer für mehr soziale Gerechtigkeit, dass Schäubles Leute sich schon fragten, ob er jetzt für Bernie Sanders arbeite. Die Globalisierung müsse endlich auch den "arbeitenden Familien und der Mittelklasse" zugutekommen, sagte Lew. Genau das meint auch der Satz in der Abschlusserklärung von Chengdu.

Seine ganze Bedeutung offenbart sich aber erst, wenn man einen Schritt zurücktritt.

Trickle-down: Die gescheiterte Theorie von den Brosamen, die herunterfallen

Vor einigen Jahren hat der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington den Begriff des "Davos Man" geprägt. Huntington meinte damit die Angehörigen einer globalen Elite, die sich als Weltbürger verstehen und jedes Jahr im Januar zum Weltwirtschaftsforum nach Davos pilgern. Die Davos Men (und Women) haben den Aufstieg der Populisten lange ignoriert. Die zynischen Vertreter dieser Spezies taten es, weil sie damit beschäftigt waren, ihre großzügigen Boni einzustreichen. Und die weniger zynischen, weil doch gerade die Globalisierung dem Elend auf der Welt ein Ende bereiten sollte. So lautete das Versprechen offener Märkte, das bis tief ins linke politische Spektrum hinein wirkte: Wenn der Staat sich zurückzöge, dann stiege der Wohlstand – und weil das zusätzliche Geld ausgegeben würde und damit Arbeitsplätze sicherte, sickerte der Reichtum nach und nach bis zu den unteren Schichten der Gesellschaft durch.

Diese Trickle-down-Theorie verklärte das Anhäufen individueller Reichtümer zur guten Tat und lieferte damit den moralischen Überbau für die Gier an den Finanzmärkten. Es ist noch nicht so lange her, da konnte der frühere britische Handelsminister Peter Mandelson – ein Sozialdemokrat – seine Untätigkeit angesichts der finanziellen Exzesse in der Londoner City mit dem Satz verteidigen, er habe überhaupt nichts dagegen, wenn in seinem Land "Leute stinkreich werden".

Allerdings hat sich nur der erste Teil des Versprechens bewahrheitet: Die Globalisierung hat tatsächlich schier unvorstellbare Reichtümer entstehen lassen, aber kaum etwas davon ist nach unten durchgesickert, zumindest nicht in den westlichen Industrienationen. Die amerikanischen Haushaltseinkommen sind – nach Abzug der Inflation – seit den siebziger Jahren praktisch nicht mehr gestiegen. Damals verfügte das reichste Prozent der Bevölkerung über rund acht Prozent des Nationaleinkommens. Heute sind es rund zwanzig Prozent. Die Reichen haben das Geld nicht ausgegeben, sondern auf dem Bankkonto deponiert oder an der Börse angelegt. Und an die Stelle vieler gut bezahlter Vollzeitjobs in der Industrie traten prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

Der Arbeitsmarktexperte David Autor vom Massachusetts Institute of Technology hat kürzlich eine Untersuchung veröffentlicht, die in der öffentlichen Debatte in den USA Aufsehen erregte, weil man sie als Verteidigung der Argumentation von Donald Trump lesen konnte. Autor hat gezeigt, dass die wachsende Konkurrenz durch chinesische Billiganbieter in den Industrieregionen der USA massenhaft die Jobs der einfachen Arbeiter vernichtet hat.

Und anders als von den Anhängern offener Märkte erhofft, ist es vielen Betroffenen eben nicht gelungen, in anderen Branchen eine vergleichbare Anstellung zu finden – entweder weil ihnen die Umstellung schwerfiel oder weil es nicht genug geeignete Stellen gab. So mussten immer mehr Menschen staatliche Beihilfen beantragen. In den besonders stark unter der Billigkonkurrenz leidenden Regionen im Mittleren Westen der USA war die Arbeitslosenquote noch zehn Jahre nach Öffnung der Märkte höher als zuvor. Die heruntergekommenen Straßenzüge von Detroit und die Glitzerfassaden von Peking und Shanghai sind zwei Seiten derselben Medaille.

Die Globalisierung hat – wie es der Weltbank-Ökonom Branko Milanovic formuliert – die "größte Umverteilung von Einkommen seit der industriellen Revolution" herbeigeführt: von der Mittelschicht in den alten Industrienationen zum aufstrebenden Bürgertum in Ländern wie Indien und China, wo sich das Haushaltseinkommen in den vergangenen Jahren vervielfacht hat. Die Dividende dieses Umbruchs sackte eine globale Superklasse von Konzernlenkern und Finanziers ein.

Donald Trump ist das Produkt dieser Auswirkungen einer Globalisierung, die vielen das Gefühl gibt, anonymen Kräften des Weltmarkts ausgeliefert zu sein. Das zumindest ist die Lesart der Ereignisse im Kreis der G 20.