Hillary Clintons Parteitag in Philadelphia hatte noch nicht begonnen, da wurde er schon von einem Skandal erschüttert. Die Enthüllungsplattform WikiLeaks hatte 20.000 Mails des Parteivorstandes der Demokraten veröffentlicht, die zeigten, wie die Parteiführung entgegen allen Beteuerungen ihrer Neutralität für Hillary Clinton und gegen deren linken Konkurrenten Bernie Sanders gearbeitet hatte. Da wurde darüber nachgedacht, wie man Sanders’ jüdischen Glauben dazu benutzen könnte, ihn bei den weißen Wählern im Süden zu diskreditieren, oder wie sich Clintons lukrative Auftritte bei Großbanken verteidigen ließen. In den Straßen von Philadelphia demonstrierten daraufhin Tausende Sanders-Anhänger in der hochsommerlichen Hitze und riefen: "Wir werden nicht für Hillary stimmen!" Die Parteichefin Debbie Wasserman Schultz trat noch am Abend vor dem Parteitag zurück.

Experten sind sich sicher, dass russische Geheimdienstler den Server des Parteivorstandes gehackt haben. Die Hacker haben auf Russisch kommuniziert, waren an russischen Feiertagen nicht aktiv, und Hackergruppen mit den Kürzeln APT 28 und APT 29 waren zuvor schon ins Weiße Haus, ins Außenministerium und in Militäreinrichtungen eingedrungen. Zudem unterhält der Chef von WikiLeaks, Julian Assange, enge Verbindungen nach Russland.

Und plötzlich dreht sich der amerikanische Wahlkampf um eine eher ungewöhnliche Frage: Versucht Wladimir Putin gerade, Donald Trump auf dem Weg ins Weiße Haus zu helfen?

Auf ihrem Parteitag wollte Hillary Clinton eigentlich das freundliche Gegenbild zum apokalyptischen Mad Max- Amerika entwerfen, das Trump in der Woche zuvor in Cleveland gemalt hatte. Er hatte die kulturelle und wirtschaftliche Offenheit Amerikas zum Verhängnis für das Land erklärt und sich selbst zu dessen Rettungsritter. Hillary dagegen wollte in Philadelphia die offene Gesellschaft Amerikas als Erfolgsmodell preisen und sich selbst als die einzige zurechnungsfähige Kandidatin darstellen.

Seine Botschaft lautete: Sie wollen uns töten. Ihre Botschaft: Zusammen sind wir stärker.

Es sollte ein klarer Kampf zwischen Gut und Böse werden. Doch nun waren die Straßen voller junger Leute, die gegen Clinton revoltierten, weil der Umgang des Parteiestablishments mit Bernie Sanders sie empörte.

Clinton kann auf diese jungen Sanders-Fans nicht verzichten. Die Brücke zwischen Sanders und Hillary durch den Leak einzureißen nützt vor allem einem: Donald Trump. Aber warum hat Putin so großes Interesse an Trumps Sieg?

Wer mit diesem Gedanken im Kopf noch einmal zurück an Cleveland und Trumps Parteitag denkt, dem fallen plötzlich viele Merkwürdigkeiten auf. Da ist zuerst einmal Paul Manafort, Trumps neuer Wahlkampfchef. Über zehn Jahre lang hatte Manafort für Viktor Janukowitsch gearbeitet, den später gestürzten Präsidenten der Ukraine – einen Mann Putins. Dann ist da Trumps Außenpolitik, wie er sie während des Parteitages skizzierte. Sie würde niemanden glücklicher machen als Putin. Trump hatte das Beistandsversprechen der Nato infrage gestellt. Er würde Nato-Mitglieder wie die baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland nicht bedingungslos gegen einen russischen Angriff verteidigen, sagte er. Die Ukraine oder Georgien in die Nato aufzunehmen, lehnt er ohnehin ab. Und eigentlich sieht er die Nato nur noch als ein Trittbrettfahrer-Problem: Amerika zahle zu viel ein, während andere von der Sicherheitsgarantie profitierten.

Mit diesen Äußerungen wurde Trump zu Putins Traumkandidat. Und erhält nun russische Wahlkampfhilfe durch E-Mail-Enthüllungen, die an Methoden aus der Nixon-Ära erinnern, nur digital modernisiert: illegale Einbrüche, damals noch in reale Gebäude, heute in den Server der Demokratischen Partei, um den politischen Gegner auszuspähen und zu beschädigen.

Hillary Clinton hofft nun, dass man sie nach dem Angriff als Opfer einer russischen Zersetzungskampagne sieht und Trump im Gegenzug als Liebling Putins. Allerdings wird sich mancher fragen: Wenn die Russen über ein Jahr lang unbemerkt im Server des Parteivorstandes herumwühlen konnten, was wissen sie dann womöglich über Clintons E-Mails als Außenministerin, die sie über ihren weitaus ungeschützteren Server zu Hause hat laufen lassen? Das könnte Clintons Versuch unterminieren, sich als Verteidigerin der nationalen Sicherheit Amerikas zu präsentieren.

Trotz der Skandale fühlt sich das Clinton-Team mit seiner Kandidatin ziemlich sicher. Man lebt in dem Gefühl, die Geschichte auf seiner Seite zu haben. Clinton, davon sind sie im Team überzeugt, wird die Wahl gewinnen. Sie hat die Latinos, die Schwarzen, die Frauen auf ihrer Seite, und wer hat in den letzten Jahren einen Wahlkampf ohne diese Gruppen gewonnen? Und war Trumps Parteitag nicht erst recht chaotisch? Aber dann kommen pünktlich zum Parteitag der Demokraten zwei Umfragen heraus, und sie besagen, o Schreck, dass Trump bei den Wählern vor Clinton liegt. Wie kann das sein? Es könnte damit zu tun haben, dass Hillary Clinton oft dort Freunde sieht, wo immer mehr Amerikaner Feinde sehen.

Wie sie mit dem jüngsten Skandal umging, ist ein Beispiel dafür. Nachdem Debbie Wasserman Schultz als Parteivorsitzende zurückgetreten war, distanzierte Clinton sich nicht etwa von ihr, sondern bot ihr an, als Ehrenvorsitzende für ihre Wahlkampagne zu arbeiten. Da schützte eine Linke eine andere Linke, so sah es Hillary Clinton. Da schützt eine Etablierte eine andere Etablierte, so sahen es Sanders’ Unterstützer.

Clinton scheint den Glutkern dieses Wahlkampfs einfach nicht zu verstehen, die Wut auf etablierte wirtschaftliche und politische Strukturen. Denn das ist die Kampflinie: Außenseiter gegen Establishment, und längst nicht mehr links gegen rechts.

Trump hat verstanden, wo die neue Kampflinie verläuft. Auf dem Parteitag in Cleveland hat er das mit diabolischer Meisterschaft seinem Widersacher Ted Cruz demonstriert, den er vor aller Augen vom Außenseiter in einen Etablierten verwandelte. Trump hatte Cruz die beste Sendezeit für seine Rede zugestanden. Als der sie nicht dazu nutzte, Trump seine Unterstützung auszusprechen, begannen die Delegierten im Saal zu rufen: "Wähle Trump! Sag es!" Dann betrat der Meister selbst die Arena und feuerte die Delegierten gegen Cruz an. Das Publikum rief Cruz "Verräter" hinterher und seiner Frau "Goldman Sachs" – den Namen der Wall-Street-Firma, in der sie arbeitet. Damit war dann auch der letzte Delegierte auf Trumps Seite.

Trump empfahl sich in Cleveland dem wütenden Amerika mit dem Satz: "Ich bin eure Stimme."

Clinton schien in Philadelphia zu sagen: "Ich höre euch nicht."

Die Sanders-Anhänger in Philadelphia buhten jedes Mal, wenn der Name Hillary fiel. Es war, als wollten sie sagen: Wir wollen dich auch nicht hören.

Und dann kam er, ihr Held, Bernie Sanders. Der Saal tobte und wollte Sanders vor Begeisterung erst gar nicht reden lassen. Einige hatten Klebeband über ihrem Mund, auf dem stand: "Vom Parteikomitee zum Schweigen gebracht". Vielen liefen die Tränen über die Wangen. Seine Rede hatte eine Botschaft: Hillary hat mich erhört. Ihr könnt ihr vertrauen. Seine Wähler aber wollten ihm das nicht glauben. Sanders hatte Hillary umarmt. Und dadurch seine Magie verloren.