Read the English version of this article.

Um die Welt zu verbessern, tut Susanne Klatten etwas, das sie hasst: Sie tritt vor die Presse. Es ist ein Nachmittag im April, Klatten hat Journalisten nach Berlin geladen, in eine alte Maschinenfabrik, in der sonst Partys stattfinden. Klatten betritt den Raum mit festem Schritt und durchgedrücktem Rücken. Die Fotografen drängen nach vorn, sie knien, hocken, strecken sich, um ein gutes Motiv zu erhaschen – von Deutschlands reichster Frau.

Susanne Klatten – geborene Quandt, BMW-Großaktionärin, Aufsichtsrätin, Stifterin, 54 Jahre alt, fast 20 Milliarden schwer – trägt einen dunkelblauen Hosenanzug, flache Schuhe, kaum Schminke. Sie ist gekommen, um eine große Spende anzukündigen. 100 Millionen Euro will sie in den nächsten fünf Jahren aus ihrem Privatvermögen abgeben: an Vereine, die sich um benachteiligte Jugendliche kümmern, um Demenzkranke, Flüchtlinge und Katastrophenopfer.

Bevor Klatten ihre Millionen überweist, lässt sie die Vereine von einer Agentur durchleuchten, in einem aufwendigen Verfahren werden "Wirkungspotenzial" und "Leistungsfähigkeit" berechnet. Die Unternehmerin will nicht nur Geld geben, sie will auch wissen, ob sich die Spende lohnt. "Wir verfolgen einen neuen, wirkungsorientierten Ansatz des Spendens", sagt sie. Klatten versteht sich als Investorin und hofft auf "gesellschaftliche Rendite". Sie spricht in kurzen, nüchternen Sätzen, sie könnte in diesem Ton auch eine Aufsichtsratssitzung leiten.

Man kann Klattens spektakuläre Großspende, die sie selbst einen "maßgeblichen Betrag" nennt, als Neuerfindung deuten. Sie soll eine neue Erzählung über sie begründen, eine Geschichte, die sie selbst kontrollieren kann.

Klatten möchte nicht mehr wahrgenommen werden als die Erbin, der Reichtum und Macht in den Schoß gefallen sind. Sie wird später im Gespräch sagen: "Das ist schon befremdlich, wenn man mit Mitte fünfzig immer noch für alle die Erbin ist." Außerdem ist die Spende ihr erster großer öffentlicher Auftritt seit vier Jahren, seit dem Prozess um einen Mann, in den sich die dreifache Mutter im Urlaub verliebt und der sie mit intimen Videos erpresst hatte. Es gab damals nicht nur eine Geschichte in Zeitungen und Magazinen, in der Journalisten von der "armen reichen Frau" berichteten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 28.7.2016.

Nun will Klatten selbst steuern, wofür sie in der Öffentlichkeit steht. Sie fügt mit ihrer 100-Millionen-Euro-Spende den Superlativen, die an ihrem Namen kleben, einen neuen hinzu: Deutschlands größte Wohltäterin.

Es geht dabei aber um viel mehr als um Susanne Klatten allein. Es geht um die Frage, wie stark einzelne Milliardäre mit ihrem Geld Einfluss auf das Gemeinwohl nehmen – und ob ihre unternehmerischen Methoden besser sind als die von Gemeinden, Staaten und Vereinten Nationen.

Susanne Klattens Spende ist nur Teil einer Revolution des Gebens. Betrieben wird sie von Milliardären, die keine Mäzene mehr sein wollen, sondern Titanen des Guten. Die dem Staat nicht zutrauen, die Welt zu retten. Deshalb bezahlen sie als Privatunternehmer möglichst wenig Steuern und investieren den Reichtum dann dort, wo er besonders viel Gutes für die Menschheit bewirken soll.

Mutter der Bewegung ist eine Plattform, die der Softwareunternehmer Bill Gates und der Investor Warren Buffett vor sechs Jahren ins Leben riefen. Dort haben sich bislang knapp 150 Milliardäre verpflichtet, den Großteil ihres Vermögens für philanthropische Zwecke herzugeben, vom Airbnb-Gründer Nathan Blecharczyk in den USA bis zum britischen Flug- und Musikmilliardär Richard Branson. Viele von ihnen rufen zudem eigene Initiativen ins Leben – Branson zum Beispiel das "B-Team" von Unternehmern und Managern, die Weltrettungsprojekte unterstützen wollen.

Die Entwicklung ist so radikal, dass unter NGOs und Experten die Furcht kursiert, bald könnten nicht mehr demokratisch gewählte Politiker, sondern Milliardäre wie Bill Gates und Susanne Klatten entscheiden, welche sozialen Probleme gelöst werden – und welche nicht. Superreiche Spender, schrieb kürzlich das Manager Magazin, würden zur "fünften Macht im Staat".

Superphilanthropen steht eine Armee spezialisierter Berater zur Seite

Was ist, wenn diese wenigen falsch liegen? Wer gibt ihnen das Recht, über das Schicksal von Millionen Menschen zu entscheiden? Und wie wird ihr Wirken kontrolliert?

In den Vereinigten Staaten werden solche großen Fragen von der Praxis überrollt. Dort verstehen sich viele Superreiche längst als Investoren im Dienste der Menschheit. Bill und Melinda Gates sind berühmt dafür. Das Paar hat schon fast 30 Milliarden Dollar, die es vor allem mit seinem Softwarekonzern Microsoft verdient hat, in eine Stiftung gelenkt, um damit Krankheit und Not im armen Teil der Welt zu bekämpfen. Die beiden sind Vorbild und Vorreiter einer neuen Generation, für die das Geben nach dem Nehmen zur gelungenen Vita gehört und die Probleme der Welt unternehmerisch lösen will.

Für die jüngsten Erben der Idee ist das Modell der Stiftung schon nicht mehr innovativ genug. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan planen, fast alle ihre Anteile am Konzern im Wert von 45 Milliarden Dollar im Verlauf ihres Lebens einzusetzen, um die Menschheit mit besseren Medikamenten und mehr Chancengleichheit zu beglücken – über ihre Investmentfirma Chan Zuckerberg Initiative. Und Google-Gründer Larry Page siedelt die Weltrettung gleich im eigenen Konzern an: Die Unternehmens-Holding Alphabet investiert Milliardengewinne aus dem Geschäft mit der Internetsuche in sogenannte Moonshots, also Projekte, die ähnlich ambitioniert sind wie einst die Mondlandung. Dazu gehören Ballons, die das Internet zu den Armen und in entlegene Winkel der Welt bringen sollen, ebenso wie eine den Blutzucker messende Kontaktlinse für Diabetiker.

Rund um die Weltretter, die Wale sozusagen, ist eine Industrie von Putzerfischen entstanden: Berater, Investmentexperten – und auch Denker, die der Ideologie vom Philanthrokapitalismus zur Legitimation ein intellektuelles Gerüst zimmern.

So haben die Philosophen Peter Singer in Princeton und William MacAskill in Oxford die Idee vom effektiven Altruismus entwickelt. Demnach soll, wer kann, nicht nur irgendwie die Welt verbessern, sondern dies auch so wirksam wie möglich tun. Das gilt den Vordenkern als Gebot angewandter Ethik.

Wie das genau geht, erforscht und verbreitet die Stanford-Dozentin Laura Arrillaga-Andreessen. Die Ehefrau des Netscape-Gründers und Risikokapital-Königs Marc Andreessen hat an der Eliteuni inmitten des Silicon Valley ein Philanthropie-Center gegründet und eine eigene Stiftung, die Menschen beibringen soll, "auf eine Art zu geben, die möglichst viel bedeutet". Mark Zuckerberg lässt sich von ihr beraten.

Jenseits der Akademiker steht den Superphilanthropen eine Armee spezialisierter Berater zur Seite. Sie erstellen Prüfsiegel, recherchieren Ziele für das Moralkapital und kalkulieren Erfolgsaussichten von Projekten für Agenturen mit Namen wie Foundation Strategy Group oder New Philanthropy Capital, um den reichen Stiftern Sinnstiftung zu verkaufen.

Vor sechs Jahren haben die Putzerfische mit Gründung einer Unternehmensberatung für Weltverbesserer Deutschland erreicht: Phineo arbeitet für Dax-Konzerne, Stiftungen und Einzelspender. Bundesweit bekannt wurde die gemeinnützige Agentur wegen einer einzelnen Kundin: Susanne Klatten. Von den 100 Millionen, die sie spendet, bekommt Phineo drei Millionen Euro Beraterhonorar. Dafür verspricht das Unternehmen, Klattens Geld genau dorthin zu steuern, wo es im Sinne der Stifterin am meisten bewirkt.

Mehr als 20.000 Stiftungen gibt es in Deutschland, oft von verstorbenen Unternehmern. Sie unterstützen Museen und Krankenhäuser, sie fördern Wissenschaftler, die Krebszellen erforschen, Lehrer, die Kindern aus Problemvierteln Nachhilfe geben – oder sogar die sächsische Blasmusik. Eine der bekanntesten ist die Herbert-Quandt-Stiftung, benannt nach dem BMW-Patriarchen, Susanne Klattens Vater.

Die 1980 gegründete Stiftung hat ihren Sitz auf einer sanften Anhöhe in Bad Homburg . "Quandt-Hügel" wird die Gegend genannt, denn es gibt hier für fast jeden Ahnen der Industriellen-Dynastie eine eigene Villa: das Harald-Quandt-Haus, das Johanna-Quandt-Haus – und das Günther-Quandt-Haus, ein flacher Sechziger-Jahre-Bau aus Glas und Waschbeton. Hier, wo die Geschäfte der Familie bis heute verwaltet werden, sitzt nun Susanne Klatten und erklärt, warum sie die Tätigkeit der nach ihrem Vater benannten Stiftung einstellen möchte, während sie etwas Neues beginnt.

Tatsächlich folgen viele Spender nur persönlichen Vorlieben und Moden, ohne koordinierende Kraft

"Ich will was Eigenes machen", sagt sie. "Ich will maximale Wirkung."

Die Stiftung, vor mehr als 35 Jahren vom Unternehmen Altana gegründet, dessen Aufsichtsratschef Klattens Vater war, hatte sich der Völkerverständigung verschrieben und Diskussionsreihen veranstaltet. Niemand weiß, ob sie wirklich irgendwo Frieden gestiftet hat. Kein Mensch kann das messen. Insofern sind der Umbruch bei den Quandts und Susanne Klattens Spende auch die deutsche Antwort auf den Gutmenschen-Kapitalismus amerikanischer Prägung, der die Spende zum knallharten Investment macht und den guten Zweck zur messbaren Rendite.

In der Berliner Zentrale von Klattens Spendenverwalter Phineo arbeiten vom Sozialarbeiter bis zum Investmentbanker 45 Menschen daran, die Zweckrendite zu maximieren. Zu den Gesellschaftern des Unternehmens zählen Konzerne wie die Deutsche Börse Group und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften PwC und KPMG. Der Chef Andreas Rickert war früher Unternehmensberater bei McKinsey und sagt Sachen wie: "Die Zivilgesellschaft muss ihr Potenzial besser ausschöpfen. Wir brauchen Marktmechanismen, um sie zu stärken."

Tatsächlich folgen viele Spender nur persönlichen Vorlieben und Moden, ohne koordinierende Kraft. So kommt es, dass viele Wohlhabende Geld für Kinderkrebsstationen geben und nur wenige etwas für die Pflege dementer Greise. So kommt es, dass auf dem Philanthropie-Markt zum einen Mangel herrscht – und zum anderen irrer Überfluss. Ein Berliner Sozialarbeiter, dessen Schulprojekt von Susanne Klatten gefördert wird, sagt: "Wenn die Bundesrepublik ihr Geld so verwalten würde wie der soziale Sektor, dann hätten wir das Wirtschaftsniveau von Bangladesch."

Phineo möchte dieser Verschwendung entgegenwirken. Deshalb zeichnet das Unternehmen effiziente gemeinnützige Vereine aus, erstellt Marktanalysen und gibt Empfehlungen. Das Ziel: keine Amateure mehr in der Philanthropie. Die Profis sollen übernehmen.

Will man verstehen, wohin das führt, sollte man wieder auf die Vereinigten Staaten schauen. Auf das Land, wo dem reichsten Promille der Bevölkerung 20 Prozent am Gesamtvermögen des Landes gehören. In dem ein durchschnittlicher Milliardär schon zu Lebzeiten fast 200 Millionen Dollar spendet. In dem die privat finanzierte Weltrettung schon Tradition hat, seit die Könige der industriellen Revolution, der Stahlmagnat Andrew Carnegie und der Ölbaron John D. Rockefeller, vor gut hundert Jahren die ersten gemeinnützigen Großstiftungen gründeten und eine erste Bewegung der Weltretter in Gang setzten.

Im Geschäftsleben hatten die beiden mit brutalen Methoden ihre Konkurrenten besiegt. Als Stifter setzten sie dann darauf, die kaputte Welt mit unternehmerischen Mitteln zu heilen. Carnegie (Motto: "Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande") nannte seine Stiftungen sogar "Unternehmungen" und verfolgte das liberale Ziel, den Fleißigen und Ehrgeizigen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Forschungszentren wurden gegründet, Büchereien aufgebaut. Noch größer dachte Rockefeller, der das "Wohl der Menschheit überall auf der Welt" fördern wollte und dafür Projekte bezahlte wie die International Health Commission, die weltweit gegen Krankheiten antrat.

So neu und auch modern das war, ist der Unterschied zu heute doch groß. Carnegie und Rockefeller waren Mitte siebzig, als sie ihre großen Stiftungen auflegten. Bill Gates war erst Mitte vierzig, und Mark Zuckerberg kündigte seine Großspende im Alter von gerade 31 Jahren an. Das hilft dem Ansehen – und dem Selbstwertgefühl. Das Internet ist ein Turbo für Unternehmerkarrieren, und die Milliardäre wollen noch höchstpersönlich und genauso aggressiv wie zuvor als Firmengründer die Welt retten. Deshalb konzentrieren sie ihren Reichtum auch auf wenige Großprojekte und erzeugen viel mehr Wucht als die Rockefeller-Generation. Nirgends zeigt sich das besser als in der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.

Die Zentrale mitten in Seattle im Nordwesten der USA könnte auch einem Internetunternehmen gehören. Seit 2011 sitzt der Philanthro-Konzern dort in zwei V-förmigen, lichten Glas- und Sandsteinbauten. Drinnen arbeitet Melinda Gates, 51. Zusammen mit ihrem Mann verfügt sie über mehr als 42 Milliarden Dollar Stiftungskapital und jährliche Ausgaben von rund vier Milliarden Dollar. Der Großteil fließt in Entwicklungs- und Gesundheitsprojekte in den armen Ländern der Welt.

Ob die Welt es sich nun zum Ziel setzt, Kinderlähmung auszuradieren (fast geschafft) oder 120 Millionen benachteiligten Frauen den Zugang zu Verhütungsmitteln zu verschaffen (noch lange nicht geschafft) – die Stiftung übernimmt die Führung, bindet Staaten und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ein. So etwas wie der Sieg über Kinderlähmung zeige der Welt, was alles möglich sei, sagt Gates der ZEIT . Nie dürfe dabei die Mission in Vergessenheit geraten, "wir tun das für die Menschen, um ihr Leben zu verbessern". Erst Gesundheit, dann Bildung, eine Basis, auf der sie schließlich zu Wohlstand kommen können – das ist die Idee.

"Sie engagieren sich vor allem in Bereichen, in denen man schnell Erfolge erzielt und diese auch messen kann"

Bill und sie wollten effizient sein, sagt Gates. "Wir begreifen heute, wo auf der Erde das Sterben und die Krankheiten am schlimmsten sind, was die meisten Kinder und Erwachsenen tötet und was andere ihr Leben lang beeinträchtigt." Diese Erkenntnisse verdichteten sich in einer Zahl: "Das Maß dafür heißt disability adjusted live years."

Dieses "Daly" misst, wie viele Lebensjahre ein Mensch verliert, weil er behindert ist oder frühzeitig stirbt. Daraus folgt: Wenn eine Vorbeuge- oder Behandlungsmaßnahme diese Zahl reduziert, dann gibt es einen philanthropischen Gewinn. Zwar ist Melinda Gates nicht die erste Philanthropin, die viel messen will – der Bertelsmann-Patriarch und Großstifter Reinhard Mohn propagierte das schon in den achtziger Jahren. Aber Gates und ihr Mann verfolgen dieses Ziel im Weltmaßstab.

Was das bedeutet, zeigt sich vor allem, wenn die Stiftung ein neues Feld aufrollt. So wie seit 2012 die "Familienplanung", also Verhütung, Gesundheitsfürsorge und Sexualinformation, für Frauen in Entwicklungsländern.

Immer wieder fragten die Frauen in den afrikanischen Dörfern Melinda Gates nach Verhütungsmitteln. Irgendwann wusste sie: "Jetzt muss ich da ran." Also schmiedete sie eine Allianz aus Staaten und NGOs, deren Vertreter auf einem großen Treffen in London gelobten, bis Ende des Jahrzehnts 120 Millionen Frauen zu Verhütungsmitteln zu verhelfen.

Der Anfang aller Hilfe ist ein realistisches Bild der Welt. Deshalb kümmert sich die Gates-Stiftung wie so oft zuallererst um Daten. "Wir werden effektiver dank der Datenrevolution", sagt der Vizechef der Stiftung für die Familienplanung, Lester Coutinho. Früher habe man den Stand und die Wirkung der Verhütung nur alle fünf Jahre aus einer Gesundheitsumfrage ablesen können, heute gebe es halbjährlich aktualisierte Zahlen. Mit diesen Daten könne man oft auch die verhütungsskeptischen Männer in armen Ländern überzeugen.

Trotzdem kommt die Allianz viel langsamer voran als geplant. Bei der Gates-Stiftung ahnt man, warum: Man weiß noch zu wenig. Also hat Melinda Gates im Frühling eine Dateninvestition von 80 Millionen Dollar angekündigt: Die Welt brauche mehr verlässliche Informationen über das Leben von Frauen und Mädchen. Was fehlt ihnen, was brauchen, was wollen sie?

Was so rational klingt, ist für Jens Martens vom Global Policy Forum der kritischste Punkt überhaupt. Seine NGO überwacht die Arbeit der Vereinten Nationen, und da erlebt er laufend große Stiftungen in Aktion. Seine Erfahrung: "Sie engagieren sich vor allem in Bereichen, in denen man schnell Erfolge erzielt und diese auch messen kann." Bei den großen Impfprogrammen der Gates Foundation sei das besonders sichtbar: "Hinterher kann man sagen: Unsere Arbeit hat im vergangenen Jahr soundso viele Kinderleben gerettet." Doch die strukturellen Ursachen von Armut und Krankheit bekämpften diese Programme kaum. Die Arbeit daran sei langwierig und ihr Erfolg kaum zu beziffern. Das passe nicht zum get the things done-Mantra von Milliardären wie Bill Gates, sagt der Experte.

Die Soziologin Linsey McGoey geht mit ihrer Kritik sogar noch weiter – und wirft der Stiftung eine schlimme Technikgläubigkeit vor. Es sei Ausdruck von Hybris, ganz auf bestimmte Innovationen zu setzen, ohne das Erfahrungswissen im Feld zu berücksichtigen.

Doch so ganz stimmt das nicht mehr. Bei der Stiftung war das Erschrecken groß, als man Hightech-Impfstoffe verteilen wollte und zugeben musste, dass die Infrastruktur aus Lieferkette, Lagerung und Nachschub zusammengebrochen war. Heute versuchen die Gates-Leute von Konzernen wie Coca-Cola zu lernen, wie man gekühlte Flüssigkeiten in die hintersten Winkel Afrikas bringt.

Außerdem hat es die Stiftung zu einer Kernstrategie erkoren, auch ganze Gesundheitssysteme zu stärken, obwohl dabei Erfolge schwer zu messen sind. Dana Hovig leitet den Versuch. Für ihn ist Bill eher der Ingenieur und Melinda jemand, die den ganzen Menschen im Blick hat. Sie habe gesehen, dass die Armen im Verlauf ihres Lebens ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben – Impfung, Verhütung, Medizin fürs Kind, ja sogar Banking. Die Stiftung, sagt Hovig, sei erst in der Adoleszenz und lerne eben noch sehr viel.

"Wie Spenden die Welt retten können"

Das wäre kein Problem, wenn sie nicht sehr erwachsenen Einfluss hätte. Die Ziele der neuen Philanthropen-Milliardäre ergänzen staatliches Engagement nicht nur. Sie lenken und verändern es auch. Und die Frage ist, was es bedeutet, wenn sie Staaten und NGOs in die Richtung ziehen, die sie gewählt haben.

Für den Ursprung dieser Gefahr gibt es sogar ein Datum, den September 1997. Damals traf Ted Turner den folgenschwersten Entschluss seines Lebens – im Schwebezustand, wie er später erzählte. Der amerikanische Medienunternehmer flog in seiner Privat-Cessna von Atlanta nach New York. Zum Zeitvertreib blätterte er in einer Aufstellung seines Vermögens. Ihm fiel auf, dass seine Time-Warner-Aktien seit Jahresbeginn rund eine Milliarde Dollar an Wert gewonnen hatten. Er dachte: "Hey, nicht schlecht", und traf spontan eine Entscheidung, die nicht nur die Welt der Milliardäre verändern sollte und die er noch am Abend desselben Tages bekannt gab: "Ich werde den Vereinten Nationen die nächsten zehn Jahre jedes Jahr 100 Millionen Dollar spenden." Zusammengerechnet eine Milliarde Dollar, ein Drittel von Turners Vermögen. "Ich setze damit alle reichen Menschen dieser Welt unter Druck", sagte er.

Mit Turners Spende beginnt die Ära der Milliardäre, die mit Milliarden gegen Krankheiten, Armut und Hunger antreten. Es ist der Beginn des Philanthrokapitalismus. Zehn Jahre später kommt ein Buch mit diesem Titel heraus. Darunter steht: "Wie Spenden die Welt retten können."

Der Titel ist für einige Superreiche Programm geworden, nicht ohne dass sich ihr Altruismus dabei auch in Widersprüche verheddert: Der Hilfsorganisation Oxfam zufolge besitzen die 62 reichsten Menschen der Welt heute so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,6 Milliarden Menschen. Linsey McGoey sagt deshalb: "Philanthropie mag an Bedeutung gewinnen, aber nur im Kontext massiver Ungleichheit."

Ist es also eine Farce, wenn die Reichen selbst festlegen, wie viel ihres unvorstellbar großen Vermögens sie mit dem Gestus der Großzügigkeit an die Gesellschaft zurückgeben? Dazu kommt die Frage, ob mit dem Geld nicht auch die Ideologie der Geber in die Entwicklungshilfe einsickert.

Es wäre nicht das erste Mal.

Turners Ankündigung traf die Vereinten Nationen 1997 unvorbereitet. So viel Geld darf die Organisation von einer Privatperson gar nicht annehmen. Also ließ man sich etwas einfallen: Turner gründete eine Stiftung, die UN Foundation. Die trägt zwar den Namen der Vereinten Nationen, ist aber eine private Organisation, der bis heute Ted Turner vorsitzt. Über sie fließt das Geld dann an einen Fonds auf UN-Seite.

Wer aber entscheidet, was mit dem Geld geschieht? Am 12. Juni 1998 schlossen die Vereinten Nationen und die UN Foundation einen Kooperationsvertrag, wonach die UN der Stiftung Projekte vorschlagen, die deren "Programmprioritäten" entsprechen. Weiter heißt es: "Es herrscht Einigkeit, dass die Stiftung für die finale Formulierung der Programmprioritäten zuständig ist." Wohin das Geld fließt, entscheidet letzten Endes also Turner. Daran hat auch eine für den Unternehmer peinliche Entwicklung nichts geändert. Seine groß angekündigte Spende entpuppte sich nämlich als Mogelpackung: Die eine Milliarde Dollar floss nicht in bar, sondern in Aktien seines Unternehmens Time Warner – und die verloren um die Jahrtausendwende dramatisch an Wert.

Um die zugesagte Milliarde trotzdem zu erreichen, begann die UN-Stiftung, selbst Geld einzuwerben. 2007, zehn Jahre nach Turners spontaner Entscheidung im Flugzeug, war die Milliarde Dollar erreicht. Doch nur 400 Millionen kamen tatsächlich von Turner, der Rest von anderen Spendern: der Bill & Melinda Gates Foundation, dem Rockefeller Brothers Fund, dem Supermarktriesen Wal Mart. Auch bei Susanne Klatten versuchte es Turner – ohne Erfolg.

Als lediglich passive Mitspieler begreifen sich die wirkungsbewussten Geber dabei nicht: "Die UN Foundation hat sich von einem traditionellen Spender zu einem aktiv eingebundenen Problemlöser entwickelt", heißt es selbstbewusst auf der Homepage der Stiftung.

Der Anspruch der Geber schlägt sich auch im politischen Raum nieder: UN-Generalsekretär Ban Ki Moon lässt ab Juli 2012 27 Persönlichkeiten, darunter Staatschefs, Wirtschaftsführer und auch Deutschlands ehemaliger Bundespräsident Horst Köhler, Reformvorschläge für die UN formulieren. Das Panel trifft sich in New York, London, Monrovia und Bali. Am Ende steht ein knapp 70-seitiger Bericht mit einem wichtigen Ratschlag: "Schmiedet eine neue, globale Partnerschaft." Zu ihr sollen Vertreter der Zivilgesellschaft und internationale NGOs gehören, aber auch die Milliardäre. "Stiftungen und Philanthropen", heißt es im Bericht, "können Risiken eingehen, zeigen, dass Ideen funktionieren, und Märkte schaffen, wo vorher keine existierten."

Es ist wichtig, dass die Milliardäre selbst ab und an Selbstzweifel hegen

Sie sollen, so stellen Köhler und Co. sich das vor, zu einem Versuchslabor der Weltrettung werden. Was funktioniere, könne die Staatengemeinschaft hinterher im großen Stil ausrollen. Die Gates-Stiftung hätte es nicht besser formulieren können.

Ähnlich ist es bei dem Lösungsnetzwerk für nachhaltige Entwicklung, das Ban Ki Moon 2012 ins Leben ruft. Unter Leitung des New Yorker Starökonomen Jeffrey Sachs soll sie der UN helfen, ihre Ziele bis 2030 zu setzen, um Hunger, Armut und Ungleichheit zu bekämpfen. Es sind die wichtigsten Aufgaben der Welt. Als Berater dabei: Ted Turner. Und auffällig ist, dass "Wirtschaftswachstum" nun als eigener Punkt in der Liste der Ziele auftaucht, anders als noch bei den Millenniumszielen.

Die Zusammenarbeit bringt den Milliardären den Segen der höchsten politischen und moralischen Instanz der Weltgemeinschaft, neben Einfluss verleiht ihnen das auch Legitimität. Die Trennlinien zwischen reichen Philanthropen und Staaten werden weicher, die Architektur globaler Entwicklungspolitik ändert sich.

Welche Rolle die großen Philanthropen spielen können, ist Anfang 2015 in Berlin zu beobachten, als die globale Impf-Allianz Gavi zusammenkommt. Darin haben sich öffentliche Einrichtungen wie die Weltbank mit Stiftungen und privaten Impfstoffherstellern zusammengeschlossen, um Mittel von 2016 bis 2020 einzuwerben. Es geht zu wie auf dem Basar. Ein Land erhöht sein Versprechen, dann ein anderes, Konzerne und Stiftungen geben immer mal wieder etwas dazu.

Im Hintergrund steuert ein nervöser Mann aus Seattle mit seinen jungen Mitarbeitern den Prozess. Am Ende greift er noch einmal tiefer als angekündigt in die eigene Kasse – sodass die zuvor angepeilten 7,5 Milliarden Dollar zusammenkommen. Bill Gates strahlt, seine Mitarbeiter sind froh, kurze Pressekonferenz, dann ist er weg. Politiker sollen die große Bühne haben, er hat das Ziel erreicht – und das nächste schon vor Augen. Im September in Kanada muss der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria neues Geld einsammeln.

Dass man umgekehrt auch auf die Ziele der Milliardäre groß Einfluss nehmen kann, glauben die Vereinten Nationen nicht. "Wir versuchen gar nicht, ihre Prioritäten zu ändern", sagt Marcos Neto vom Istanbul International Center for Private Sector in Development, das zum Entwicklungsprogramm der UN gehört. "Wenn wir das täten, würden wir sie ganz verlieren."

Ob die Welt nun besser wird oder nicht durch diese Allianz, entscheidet sich auch dadurch, wohin die Bewegung der Milliardäre führt, die im ersten Teil des Lebens oft aggressive Steuervermeider und im zweiten ebenso aggressive Weltretter sind. Können sie mit ihrer Wucht den Staaten helfen, oder lenken sie diese auch in die falsche Richtung?

"Es ist nicht unproblematisch, wenn sehr reiche Individuen mit einem zu großen Selbstvertrauen auftreten und glauben, alle Probleme allein lösen zu können", sagt Volker Then, der vor zehn Jahren in Heidelberg das Centrum für soziale Investitionen und Innovationen gründete, das die Philanthropie erforscht und Stifter berät. "Etwas mehr Bescheidenheit führt oft schneller ans Ziel."

Geld sei eben nicht alles, Technologie allein noch keine Lösung. Ihm ist schon länger klar, was die Gates-Stiftung erst mühsam lernen musste: "Man muss politische Prozesse anstoßen, um echte Veränderungen zu erreichen. Innovationen müssen nicht nur technisch, sondern auch sozial sein – also die Gesellschaft erreichen."

Man könnte auch sagen, es muss Wettbewerb geben zwischen verschiedenen Ansätzen. Doch der Siegeszug des Philanthrokapitalismus droht alternative Ansätze beiseitezudrängen. So haben Amerika und Deutschland bei der Philanthropie unterschiedliche Traditionen. In den USA soll möglichst viel ausgeschüttet werden, in Deutschland das Stifterkapital erhalten bleiben. Deshalb gelten hiesige Stiftungen als geduldiger, arbeiten eher als Thinktanks oder Förderer innerhalb der Gesellschaft, als dass sie von außen neue Lösungen durchsetzen. Doch dieser Ansatz geht gegen den Gospel der Wirksamkeit.

Umso wichtiger ist es, dass die Milliardäre selbst ab und an Selbstzweifel hegen. Doch oft gefallen sie sich erst einmal in der Rolle der Systemalternative: schnell, effizient, erfindungsreich. Erst später merken viele, dass sie ins System hineinkommen und Kompromisse schließen müssen, wenn sie dauerhaft Erfolg haben wollen. "Die Milliardäre sind von ihrer Leidenschaft getrieben, Koordination mögen sie nicht", sagt Marcos Neto von den Vereinten Nationen über seine Erlebnisse. Um sie zu überzeugen, bleibt ihm ein Argument: "Ihr könnt die Wirkung eurer Dollars steigern, wenn ihr versteht, wie ihr mit euren Stiftungen ins große Ganze passt. Allein könnt ihr die Welt doch nicht retten."