Niemand bei den Essener Genossen bekam mit, dass die Abgeordnete Petra Hinz ihren Lebenslauf gefälscht hatte? Viele ahnten es, manche wussten es, andere frisierten ihre Vita ebenso. Denn Bildung war Macht. Die Geschichte einer verschlagenen Sippe.

Am Sonntagnachmittag dieser Woche sitzt der Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen in seinem Ferienhaus nahe dem Städtchen Dornum an der Nordseeküste, eigentlich wollte er mit seiner Familie zum Strand gehen und später vielleicht noch einen Kriminalroman lesen. Was man halt so macht, wenn man im Urlaub ist. Doch Thomas Kutschaty muss sich wieder mit diesen Fragen herumschlagen. Diesmal werden sie ihm von Reportern der ZEIT gestellt. Haben Sie wirklich nicht gewusst, dass Ihre Genossin, die Essener Bundestagsabgeordnete Petra Hinz, ihren Lebenslauf gefälscht hatte? Dass sie sich ein Abitur in ihre Vita geschrieben hatte, das sie nicht hat, und Staatsexamina in einem Jurastudium erfand, das sie nie begonnen hatte? Das wussten Sie nicht, Herr Kutschaty, obwohl Sie an der Spitze der Essener SPD stehen?

Seit der Minister am Dienstagmorgen vergangener Woche eine E-Mail von der Redaktion des Essener Lokalmagazins Informer bekam, kreiste alles um diese Fragen. In der E-Mail stand, dass "glaubhafte Hinweise von Informanten vorliegen, nach denen die Abgeordnete Hinz bei ihrem Lebenslauf nicht ehrlich gewesen sein soll".

"Das war um 11.37 Uhr", sagt Kutschaty, er erinnert sich genau. Es war der Zeitpunkt, kurz bevor die Lebenslüge der 54-jährigen Petra Hinz aufflog. Für Kutschaty war es der Zeitpunkt, an dem sein Urlaubsgefühl in immer weitere Ferne rückte und er sich an den Lebensweg einer Genossin erinnern musste, mit der ihn viel verbindet – die Partei, die Stadt, das politische Milieu.

Die akademischen Weihen von Politikern stehen seit den Plagiatsaffären um Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan unter Verdacht. Schon diese Fälle haben die Glaubwürdigkeit von Politikern beschädigt. Im Fall Petra Hinz geht es aber nicht um falsch zitierte Textpassagen, fehlende Fußnoten oder Schummeleien. Es geht um ein erlogenes Leben. Petra Hinz, so viel steht fest, besitzt die Fachhochschulreife. Das ist mehr, als viele andere Schüler zu Beginn der achtziger Jahren erreichten. Aber sie war damit nicht zufrieden. In ihrer Partei gab sie sich als Jurastudentin aus. So steht es in einem Schreiben ihrer Rechtsanwälte, das Petra Hinz inzwischen auf ihrer Homepage veröffentlicht hat.

Noch in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche, erzählt Kutschaty, habe er Petra Hinz in einem langen Telefonat dazu aufgefordert, als Abgeordnete des Bundestags zurückzutreten. Dies habe sie zunächst abgelehnt. Dann riefen lauter Genossen und Journalisten bei ihm an. Zwei- bis dreimal am Tag lädt er seitdem sein Handy auf.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 28.7.2016.

Im Wohnzimmer des Ferienhauses an der Nordsee setzt er eine große Kanne Friesentee auf. Das Gespräch über Hinz wird länger dauern. Immer wieder arbeitete Kutschaty mit ihr zusammen und leitete zuletzt gemeinsam mit ihr die Partei in Essen. Hinz und Kutschaty waren kommissarische Vorsitzende, nachdem eine Vorgängerin vor einem halben Jahr das Amt aufgegeben hatte. Wie konnte es passieren, dass Petra Hinz Fachwissen in einem Berufsfeld simulierte, in dem es ständig um Gesetze geht? Wie gelang es ihr, mit dieser Lüge 30 Jahre lang durchzukommen, bis in den Bundestag, ohne dass jemand in der SPD den Schwindel durchschaute? Nicht einmal der studierte Jurist Kutschaty?

"Es gab da mal so Gerüchte, Ende der achtziger Jahre", sagt er. "Petra Hinz hat dann aber klargestellt, dass sie natürlich Jura studiere, und dann hat das keinen mehr interessiert. Auch mich nicht. Ich hatte ja damals gar nichts mit ihr zu tun. Sie war in einem anderen Essener Ortsverein als ich. Man kannte sich kaum." Irgendwann habe er das Gerücht vergessen. "Wenn man politisch miteinander arbeitet, fragt man nicht nach Lebensläufen. Das prüft auch keiner nach."

Im Essener Südwesten wohnt sie in einem Mehrfamilienhaus auf der Margarethenhöhe, an dessen Fassade Efeu wuchert. Auf der Margarethenhöhe, einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten Gartenstadt, die zum Teil unter Denkmalschutz steht, möchten viele Menschen in Essen leben. Hübsche Häuser mit grün lackierten Fensterläden, günstige Mieten, kaum Straßenverkehr, in der Umgebung viel Wald.

Klingelt man bei Petra Hinz, öffnet niemand. Die Vorhänge an den Fenstern sind zugezogen. Ruft man Petra Hinz auf dem Handy an, dauert das Gespräch gerade mal 20 Sekunden. "Von mir gibt es keine Kommentierung", sagt sie in bestimmtem Ton. Ob sie nicht ihre Version der Geschichte erzählen wolle? "Vielleicht später einmal." Danach ist das Telefonat beendet.

Begibt man sich in Essen auf die Suche nach Menschen, die Petra Hinz gut kennen, dann wird man schnell fündig. Dutzende Genossen erzählen Geschichten über sie. Zunächst sind es nur Gerüchte, die man erfährt. So geht es los. Das ist die erste Etappe auf dem Weg zu den vielen Wahrheiten rund um Petra Hinz. Allgemein bekannt gewesen sei: Petra Hinz hat nie studiert. "Diese Gerüchte gab es in unserer Juso-Generation, aber sie haben mich damals nicht interessiert", sagt Britta Altenkamp, die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag. Bis Februar dieses Jahres war sie auch Vorsitzende der SPD in Essen. Sie machte parallel zu Petra Hinz Karriere, allerdings mithilfe eines verfeindeten Lagers innerhalb der Essener SPD. "Wir konnten nie etwas miteinander anfangen", sagt Britta Altenkamp, und es habe damals Wichtigeres gegeben als Lebensläufe: politische Konflikte, der Seeheimer Kreis gegen die Parteilinke, Machtkämpfe im Essener Stadtrat. "Aber ein gefälschtes Studium? Darüber hat niemand groß gesprochen."

"Die Essener SPD ist nicht 'House of Cards'"

Die zweite Etappe führt zu der Erkenntnis: Petra Hinz war nicht die einzige Politikerin, die ihre Vita frisierte. Viele der ambitionierten Nachwuchspolitiker saßen lieber in Juso-Sitzungen als in Vorlesungssälen. Sie blieben pro forma an der Universität eingeschrieben, nannten sich Studenten, machten aber Politik. "Viele aus meiner Juso-Generation haben nie ihr Studium beendet", sagt Britta Altenkamp. "Ich habe daraus aber nie einen Hehl gemacht." Nur ein bisschen getrickst. Auf der Website des nordrhein-westfälischen Landtags steht in der Biografie von Altenkamp: "Studium der Germanistik, Geschichte und Soziologie an der Universität/Gesamthochschule Essen". Dass sie nie einen Abschluss gemacht hat, steht dort nicht, auch auf ihrer eigenen Homepage war davon lange Zeit nichts zu finden, obwohl sie seit 16 Jahren im Landtag sitzt. Inzwischen hat sie ihrer Vita in Klammern hinzugefügt: "ohne Abschluss".

Dies ist eine Erklärung dafür, dass Hinz’ Lüge nicht schon damals aufflog, als sie im Jahr 1989 für den Essener Stadtrat kandidierte: Sich den Anschein eines Studiums zu geben, während man nie eine Klausur bestanden hatte, war gang und gäbe in der Essener SPD. Ich lass dich in Ruhe Karriere machen und du mich auch.

Will man verstehen, in welcher Gesellschaft sich Petra Hinz Ende der achtziger Jahre befand, muss man sich zurückversetzen in eine Zeit, in der das Land Nordrhein-Westfalen noch von dem SPD-Ministerpräsidenten Johannes Rau unangefochten regiert wurde. Als Wissenschaftsminister hatte er schon zu Beginn der siebziger Jahre Gesamthochschulen an der Ruhr gegründet. Die große sozialdemokratische Bildungsexpansion hatte begonnen. Johannes Rau, der seine Schullaufbahn noch vor dem Abitur abgebrochen hatte, wollte möglichst viele Kinder aus einfachen Verhältnissen zum Studium führen. Handelsschulen, Technikerschulen, Abendgymnasien, Gesamtschulen – alle möglichen Versuche wurden unternommen, um Jugendliche zu fördern, die zuvor auf Hauptschulen gelandet und aus denen Kfz-Mechaniker oder Arzthelferinnen geworden wären.

Die Bildungsoffensive wurde mit solchem Ehrgeiz betrieben, dass im Jahr 1990 rund 56.000 Schüler in Nordrhein-Westfalen die Hochschulreife erlangten – fast ein Drittel aller Jugendlichen, die in jenem Jahr einen Abschluss machten. 1970 war dies nur jedem Zehnten gelungen, insgesamt rund 23.000 Abiturienten. Manchmal schossen die Politiker übers Ziel hinaus. Nachdem sie Ingenieurschulen in Fachhochschulen umgemodelt hatten, konnten sich einfache Ingenieure, die nicht studiert hatten, in Diplom-Ingenieure umbenennen lassen.

Ein Ansturm auf höhere Bildungsabschlüsse setzte ein, die SPD war berauscht von ihrem eigenen Erfolg, und ausgerechnet die Sozialdemokratin Petra Hinz sollte nicht am Aufbruch ins akademische Zeitalter beteiligt sein? Viele junge Talente der SPD waren plötzlich angehende Akademiker.

Die besten Arbeiterführer waren mit einem Mal solche, die akademische Abschlüsse mitbrachten. Diese Nachricht musste Petra Hinz niemand stecken, die neu gegründeten Hochschulen an der Ruhr wurden von Abiturienten der geburtenstarken Jahrgänge überschwemmt. Würde ein erfundenes Studium in dieser Menge von Absolventen jemals auffallen?

Die Gerüchte um den dubiosen Lebenslauf der Petra Hinz seien nie dazu genutzt worden, um Druck auf sie auszuüben, betont Britta Altenkamp. Später schickt sie noch eine SMS hinterher: "Noch eins: Die Essener SPD ist nicht House of Cards. Hier legt man keine Dossiers übereinander an und zieht sie bei Gelegenheit raus."

Das mag sie so sehen. Andere Genossen vergleichen die Partei in Essen mit Game of Thrones.

Damit kommt man zur dritten Etappe, dem politischen Machtspiel. Es gibt einen Mann, der stets seine schützende Hand über Petra Hinz hielt. Der Mann heißt Otto Reschke. Inzwischen ist er 74 Jahre alt.

Er kennt Hinz besser als alle seine Parteikollegen. Reschke war von 1980 bis 1998 Abgeordneter im Bundestag und außerdem Vorsitzender in Petra Hinz’ Ortsverein Essen-Frohnhausen. Seit sie zur SPD kam, arbeitete sie mit ihm zusammen.

Otto Reschke sagt, er habe Petra Hinz zwar gefördert, sie aber nicht näher gekannt. Man habe politisch zusammengearbeitet, mehr nicht. Alle anderen Genossen, die über Hinz sprechen, bestreiten Reschkes Version. Reschke sei Hinz’ politischer Ziehvater und engster Vertrauter gewesen. Mit seiner Hilfe sei sie in den Stadtrat gekommen, später zu ihrer Kandidatur für den Bundestag. Reschke und Hinz, immer Seit an Seit, immer einer Meinung, jahrzehntelang. "Ich habe nie daran gezweifelt, dass sie Juristin ist", beteuert Reschke. Auch dass Hinz neben ihrem angeblichen Studium, neben dem ersten und zweiten Staatsexamen, selbst während des Referendariats noch genug Zeit hatte für die Arbeit im Ortsverein und für viele gemeinsame Termine mit ihm, kam Reschke nie seltsam vor. So sagt er das jedenfalls.

Würde er etwas anderes behaupten, geriete auch sein Lebenswerk in Einsturzgefahr. Er ist der Mensch, der ihr den Weg in die politischen Apparate erklärte.

Petra Hinz, die herrische Chefin

Als Abgeordnete im Bundestag schlug Hinz einen Kurs ein, bei dem vieles gefragt war, nur eines nie: juristischer Sachverstand. Sie stammt aus einem mächtigen Landesverband und schloss sich in der SPD-Fraktion dem Seeheimer Kreis an, dem konservativen Flügel. Die Seeheimer sorgen stets dafür, dass ihre Leute die einflussreichsten Ausschüsse besetzen – den für Finanzen und den für Haushalt. Und so blieb der Neuen die Tour durch die Niederungen eines Petitions-, Sport- oder Tourismusausschusses erspart. Sie durfte sich um die Finanzen kümmern – und seit 2007 auch um das Königsrecht jedes Parlaments, den Haushalt. Die Frau mit dem erfundenen Jurastudium zählte nun zu einer Gruppe, der eine Abgeordnete mit Fachhochschulreife und einem einjährigem Praktikum bei der Sparkasse äußerst selten angehört: der Elite im Bundestag.

Hinz galt der Fraktionsführung als fleißige, zuverlässige Abgeordnete, die sich an Debatten in Fraktionssitzungen rege und sachlich beteiligte, aber keine Ambitionen erkennen ließ, in der Hierarchie aufsteigen zu wollen. Im Licht der Öffentlichkeit hätten auch Dinge herauskommen können, die besser im Dunklen bleiben sollten.

In Berlin trat zudem eine weitere Petra Hinz in Erscheinung: die verhaltensauffällige Kollegin. Besser nicht ans Handy gehen, nicht zurückrufen, auch wenn man dringend darum bittet, die Kollegen an einem Tag missmutig grüßen, am nächsten Tag einfach ignorieren und am dritten angiften: Petra Hinz galt im menschlichen Umgang als äußerst schwierig. Ein Kaffee mit einem Parteifreund, dessen Wahlkreis direkt neben dem eigenen liegt? Selten. Ein unverfänglicher Plausch mit dem Zimmernachbarn? Schwer denkbar. Petra Hinz zog sich in Berlin zurück, in ihr Büro und in sich selbst. Sogar Genossen aus der eigenen Landesgruppe wissen kaum etwas Privates über sie. Hat sie einen Partner? Ist da jemand, der sie jetzt, nach dem schmachvollen Abgang, auffängt?

Der Mensch Petra Hinz sei auch nach Jahrzehnten ein Phantom geblieben, distanziert und unnahbar. Das erzählen ihre Genossen in Essen. Hinz sei keine, mit der man am Tresen ein Glas Pils getrunken habe, um über alte Zeiten zu quatschen. Da sei immer nur die Politik gewesen, die ihr Leben ausgefüllt habe. In ihrem Wahlkreis habe Hinz jeden Kaffeeklatsch der Awo besucht, an jedem Wahlkampfstand selbst Flugblätter verteilt. Sogar in Sitzungswochen des Bundestages tauchte sie bei Veranstaltungen in Essen auf und flog noch in der Nacht zurück nach Berlin.

Dort gab sich noch eine weitere Petra Hinz zu erkennen, die herrische Chefin. Es konnte passieren, dass sich ihre Mitarbeiter, wollten sie zur Toilette, bei Hinz ab- und danach wieder anmelden mussten. Von Telefonaten musste für sie oft ein Wortlaut-Protokoll angefertigt und ihr vorgelegt werden. An einen "Gulag" erinnern sich ehemalige Mitarbeiter aus dem Büro Petra Hinz. Überdurchschnittlich viele Mitarbeiter soll Hinz in ihrer Zeit als Abgeordnete verschlissen haben. Einige von ihnen gingen danach zur Psychotherapie, andere treffen sich noch heute an einem Stammtisch der Geschädigten. Aus diesen Reihen wurde Ende Juni, kurz bevor Hinz’ Hochstapelei aufflog, ein offener Brief lanciert, der alle Beschwerden präzise auflistete. Die Führung der SPD-Fraktion schlug Hinz daraufhin vor, ein Seminar zum Thema Mitarbeiterführung zu besuchen.

An diesem Punkt beginnt die vierte Etappe, die Etappe der sich verhakenden Wahrheiten. Wann hat die SPD etwas von Petra Hinz’ Lüge bemerkt? "Es muss jedem klar sein, dass es zeitlich gar nicht möglich war, so Kommunalpolitik zu betreiben, wie Petra es getan hat, und gleichzeitig zwei Staatsexamen zu machen", sagt Birgit Rust. Die 52-Jährige weiß, wovon sie spricht. Rust ist Rechtsanwältin. Auch sie war jahrelang in der SPD aktiv. Ende der achtziger Jahre, kurz nach ihrem ersten Staatsexamen, zog sie vom Saarland zurück in ihre Geburtsstadt Essen. Mit Petra Hinz arbeitete sie bei der ASF zusammen, der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen. "Als ich erfuhr, dass Petra wie ich Jura studiert, fragte ich sie, in welcher Stadt sie studiere. Sie sagte: Bochum. Ein paar Monate später sprach sie von der Uni Bonn. Da kamen mir die ersten Zweifel." Immer wieder fragte Rust nach, wie das Studium laufe, und später auch, wo Hinz ihr Referendariat absolviere. Hinz antwortete: in Siegen. Da sei Rust klar geworden, dass Hinz lügt. Rust sagt: "Ein Referendariat mit Präsenzpflicht in Siegen, während man die ganze Zeit in Essen ist, wie soll das funktionieren? Das geht einfach nicht." Rust ließ die Sache dann aber auf sich beruhen.

Kann es sein, dass nur wenige Menschen von Petra Hinz’ Lüge wussten? "Nein, das war ein offenes Geheimnis", sagt eine Frau, die auch in den achtziger Jahren bei der Essener SPD aktiv war, jedoch nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen will. Mitte und Ende der achtziger Jahre habe es die ersten Zweifel an Hinz’ Biografie gegeben, vor allem unter den Jusos. "Schließlich", sagt die Frau, "kannten wir uns alle über drei Ecken aus der Schulzeit, wir waren ja in einem Alter."

Dass Petra Hinz sich nicht bei den Jusos engagierte und nur im Schlepptau von Älteren wie Otto Reschke gesehen wurde, kam ihnen seltsam vor. Dann, als Hinz während ihrer Kandidatur für den Stadtrat in verschiedenen Ortsvereinen als Jurastudentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bonn vorgestellt wurde, rief einer aus der Juso-Gruppe bei der Hochschule an und fragte nach. Dort hatte man nie von einer Jurastudentin namens Petra Hinz gehört.

"Ich würde gern noch offener zu Ihnen sein"

Die Jusos wollen Otto Reschke, den Mentor, darauf angesprochen haben, ob Hinz tatsächlich diejenige sei, die sie vorgebe zu sein. Und Reschke habe erwidert, die Nachforschungen seien sofort einzustellen. Otto Reschke jedoch bestreitet das heute.

Hier ist die fünfte Etappe erreicht, die etwas über das Behaupten und Bestreiten erzählt, kurz: die Sumpflandschaft der SPD in Essen. Von diesem Verein, der schon in den Achtzigern als Schlangengrube galt, zu behaupten, er sei ein Anziehungspunkt zwielichtiger Typen, ist eine vornehme Umschreibung. Ein Politikskandal jagte den nächsten. Über Jahrzehnte verstand die regierende SPD große Unternehmen wie den Essener Stromkonzern RWE als politisches Endlager, in das ausgebrannte Politiker geschoben wurden, um dort für ihre Stadt und ihre Partei zu kungeln. Noch heute ist die vor drei Jahren aufgeflogene Affäre um die Entsorgungsbetriebe Essen nicht zu Ende. Die städtische Firma hatte SPD-Funktionären jede Menge Vergünstigungen zugeschanzt. Man kann es auch so zusammenfassen: Für Filz und Intrigen hat es in der deutschen Sozialdemokratie kaum einen besseren Nährboden gegeben als Essen.

Die Stadt war zu der Zeit, als Petra Hinz in die Politik einstieg, eine Festung der SPD. In den Kommunalwahlen kam die Partei regelmäßig auf 50 Prozent. Eine Männergesellschaft war diese Partei auch, wie die meisten anderen SPD-Kaderschmieden in Nordrhein-Westfalen. In der Partei hatten Männer das Sagen, die Otto hießen, Horst oder Willi, etwas zu aufdringlich nach Rasierwasser rochen und sich abends zum Skat verabredeten. Es war wichtig, viel zu trinken, einander viele vertrauliche Informationen zuzuraunen, das weniger Entscheidende weiterzutratschen und die Essenz für sich zu behalten, um sie bei Gelegenheit für die eigene Karriere zu nutzen. Am Morgen nach den ausgelassenen Skatrunden standen diese Männer mit geröteten Schädeln auf Marktplätzen, hielten laute, schlichte Reden und ließen sich vom Publikum artig beklatschen. Für eine Frau war es schwierig, von diesen Männerbünden respektiert zu werden, beinahe unmöglich. Petra Hinz war zu jener Zeit eine der wenigen jungen Politikerinnen im Ruhrgebiet, die sich durchsetzten. Sie musste Allianzen mit Männern schmieden, die sie als gattungsfremde Spezies betrachteten. Sie lernte mitzumachen.

Essen war einst eine SPD-Festung, in der Männer das Sagen hatten, die Otto hießen, Horst oder Willi.

Willi Nowack, ein erfahrener Hütchenspieler der Essener SPD und einst der mächtigste Mann in der Stadt, muss schmunzeln, wenn er hört, dass Genossen von Petra Hinz’ Lügen nichts gewusst haben wollen. Der 66-jährige Nowack sitzt in einem Restaurant auf der Margarethenhöhe, nicht weit entfernt von Hinz’ Wohnung, und sein Blick ist spöttisch. Nowack sagt: "Der Otto Reschke", der große Förderer von Petra Hinz, "kannte alles, wusste alles, lag in jedem Graben und hat Gefechte geführt." Es sei im politischen Führungskreis bekannt gewesen, sagt Nowack, dass Petra Hinz nicht studiert hatte. "Das Abitur haben wir ihr alle unterstellt, es gab ja viele sogenannte ewige Studenten. Natürlich wurden bei uns auch Karrieren gemacht, indem Lebensläufe arg geschönt wurden."

Warum hat er, der Strippenzieher, sich sein Wissen um die Lüge nie zunutze gemacht? "Petra wurde mir nicht gefährlich", antwortet Nowack, "und ich konnte sie mit meinem Wissen ruhig halten. Wäre ich 2005, als sie in den Bundestag einzog, noch dabei gewesen, hätte ich die Karte vielleicht gespielt. Und hätte ich gewusst, dass sie kein Abitur hat, hätte ich den Otto damit vorgeführt."

Es kam dann alles ganz anders, weil gegen Willi Nowack Anfang der nuller Jahre Ermittlungsverfahren wegen Insolvenzverschleppung liefen. Später musste er für sieben Monate ins Gefängnis. Schließlich veröffentlichte Nowack ein Buch mit dem Titel Nachgetreten. Ein Blick zurück in mildem Zorn. Der König von Essen ist kein König mehr. Er ist ein entlassener Häftling.

So könnte die letzte Etappe daraus bestehen, dass Nowack die ganze Wahrheit ausspricht, weil er nichts mehr zu verlieren hat. Wer wusste noch von der Lüge, auch der sozialdemokratische Justizminister Thomas Kutschaty? "Ich würde gern noch offener zu Ihnen sein", erwidert Nowack, "aber ich habe noch drei Monate Bewährung."

Willi Nowack behauptet, dass fast alle führenden Sozialdemokraten in Essen von der Lüge gewusst hätten. Otto Reschke, der Ziehvater, will nie auch nur das Gerücht gehört haben. Die Anwältin Birgit Rust bemerkte schnell, dass Hinz keine Juristin ist. Der Justizminister, der Ende der achtziger Jahre von diesem Gerücht erfuhr und gemeinsam mit Petra Hinz in der Führung des Essener SPD-Unterbezirks saß, mit ihr in den Jahren 2003 und 2004 auch im Essener Ausschuss für Stadtentwicklung, und mit ihr seit Februar dieses Jahres die Partei in Essen geleitet hat, ist niemals stutzig geworden.

Im Ferienhaus an der Nordsee schenkt Thomas Kutschaty noch einmal Tee nach. "Glauben Sie mir", sagt er, "wenn ich davon früher gewusst hätte, hätte ich sie doch schon längst zum Rücktritt aufgefordert. Das wäre für uns als SPD viel besser gewesen." Und er fügt hinzu: "Ich habe ein reines Gewissen."

Als Willi Nowack später davon erfährt, muss er sich zusammenreißen, um nicht in Lachen auszubrechen.

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