An diesem schwülheißen Sonntagnachmittag, an dem in den Altstadtgassen von Reutlingen die Luft steht, Tausende Menschen sich zwischen den Zelten eines Feinschmecker-Marktes drängeln, die christliche Rockband Staryend ihre Instrumente vor dem Stadttor aufbaut, schickt die Chefin des Nünü-Kebab-Imbisses ihren neuen Mitarbeiter Ahmed J.* nach Hause.

"Was ist mit dir?", fragen ihn seine Kollegen. Er antwortet nicht. Ahmed steht am Dönerspieß und bereitet die Brote. "Dir geht es doch nicht gut", sagen sie zu ihm, aber er bleibt stumm. Er wirkt heute abwesend, still, in sich gekehrt. Die Chefin telefoniert mit seinem Freund Servat, der hier ebenfalls ab und zu aushilft. Der Freund solle bitte Ahmed J. ablösen. Die beiden Syrer schlagen sich seit 2013 gemeinsam in der Fremde durch. Der 21-jährige Ahmed und der ein Jahr jüngere Servat tragen beide das gleiche Tattoo am Unterarm. Eine schwarze Feder. Servat sagt ihr zu, nimmt den nächsten Bus von einem Reutlinger Vorort ins Zentrum, wo der Imbiss liegt – eine Entscheidung, die ihn wenig später fast das Leben kosten wird.

Beide jungen Männer sind dem syrischen Bürgerkrieg entflohen, haben beide ihre Familien verlassen. Ahmed entkam dem Bombardement in Aleppo, Servat der Zwangsrekrutierung in Damaskus. So wird es Servat später erzählen. In der türkischen Hafenstadt Mersin lernen die beiden sich kennen und arbeiten dort gemeinsam in einem Fischrestaurant. Zwei Jahre schuften sie, gegen geringen Lohn. Im Jahr 2015 setzen sie ihre Flucht fort, nach Deutschland. Ahmed, weil er nicht immer Aushilfe bleiben, Servat, weil er sich zum Fitnesstrainer ausbilden lassen will. Beide fürchten, eines Tages von der Türkei nach Syrien abgeschoben zu werden. Servat gelingt es als Erstem, das Geld für die Überfahrt nach Griechenland zusammenzubringen. Ahmed muss sich das Geld von seinem Vater leihen, 2.500 Euro. Er versprach ihm, einem Antiquitätenhändler, das Geld nach einem Jahr zurückzuzahlen. Doch dieses Versprechen würde er nicht halten können.

Beim Aussteigen aus dem Bus in Reutlingen sieht Servat seinen Freund auf einer Bank sitzen. Er spricht ihn an, doch sein Freund wendet sich ab. Servat ist besorgt, geht weiter zum Imbiss, der nur 150 Meter vom Busbahnhof entfernt liegt. Der Imbiss hat erst vor wenigen Monaten hier aufgemacht, "Istanbul meets Reutlingen" steht über dem Eingang auf einem Plakat. Im Untergeschoss liegt die Küche, wo eine 45-jährige Polin Geschirr spült, Wanda*. Auch sie ist erst seit Kurzem in Deutschland. Auch sie ist eine Entwurzelte. Sie hat angeblich drei Kinder in Polen, zwei Töchter, einen Sohn. Das jüngste ist erst acht. Wanda wohnt in Reutlingen in einer billigen, heruntergekommenen Pension. Schon nach wenigen Tagen, die sie gemeinsam im Imbiss arbeiteten, haben sich Ahmed und Wanda offenbar ineinander verliebt. Sie übernachtet häufig bei ihm im Flüchtlingsheim.

Servat, der seinen Arbeitsplatz am Dönerspieß eingenommen hat, hört, wie Wanda die Chefin um Erlaubnis bittet, für einige Minuten nach draußen gehen zu dürfen. Offenbar hat Ahmed sie von außerhalb angerufen. Wanda wird nicht zurückkommen. Wenige Meter vom Busbahnhof entfernt, wo Servat ihn das letzte Mal sah, ersticht Ahmed die dreifache Mutter. Zuvor hat er heimlich ein 60 Zentimeter langes Fleischermesser, das im Imbiss zum Zerlegen von Lämmern dient, mitgenommen.

Es ist unklar, worüber sie gestritten haben. Es gibt Gerüchte, sie sei schwanger gewesen – von einem anderem? Vielleicht waren es auch die Drogen, die Ahmed konsumierte, die Pillen. "Diese verdammten Pillen", sagt Servat. Erst vor drei Monaten hat Ahmed damit angefangen, seither habe er sich vollends verändert. Servat hat ihm damals die Freundschaft gekündigt, nach all dem, was sie miteinander durchgemacht hatten. Für mehrere Wochen mied er ihn, bis er ihn dann doch wieder traf. Er fragt sich heute, litt Ahmed am Tag seines Amoklaufs unter Wahnvorstellungen?

Im Imbiss, wo Servat am Sonntagnachmittag mit dem Füllen des Getränkeautomaten beschäftigt ist, bemerkt er aus den Augenwinkeln ein metallisches Blitzen, er dreht sich um, sieht seinen Freund mit hochgerecktem Hackmesser. Ahmed hat rote Augen, rennt durch den Imbiss, stürmt vom Hintereingang herein, schlägt auf Gegenstände ein. Servat flieht ins obere Stockwerk, während Ahmed zum Vorderausgang rennt, wo ein Neffe des Nachbarn sich kurz zuvor mit einer Shisha niedergelassen hat. Ahmed hackt ihm mit dem Messer ins Gesicht, zerteilt sein Wangenfleisch, schlägt den Kiefer lose, rennt weiter über das breite Trottoir der vierspurigen Durchgangsstraße Reutlingens. Servat kommt dem Verletzten zu Hilfe, stopft Papiertücher in dessen durchgetrennten Kiefer. Ahmed verletzt zwei weitere Passanten, sticht wahllos auf Menschen ein, dreht sich dann noch einmal zum Imbiss um, sieht dort Servat, wie er den Verletzten hilft. Ahmed läuft auf ihn los, wie Servat sagt. Ahmed verfolgt den Freund, gibt dann aber auf. Er schlägt nun mit dem Messer auf die Scheiben parkender Autos ein, in zielloser Wut, und wird schließlich nach sieben Minuten Raserei beim Überqueren der Hauptstraße von einem BMW niedergestreckt, dem er vor den Kühler läuft. Dort nehmen ihn herbeigerufene Polizisten fest, fesseln ihm die Hände und Füße. Dann stürmen Passanten auf ihn ein, die Besitzer und Kunden der Kebabläden, von denen es an dieser Straße viele gibt. 50 Menschen, berichtet die Polizei, gehen auf den Festgenommenen los, wollen ihn schlagen, auf ihn eintreten. Die Beamten bilden einen Ring, um den Daliegenden zu schützen.

Servat sinkt auf dem Trottoir in der Nähe des Imbisses zusammen, bleibt dort im Schock für Stunden zurück.