Selbst die Lebensmittelindustrie hat das Gendermarketing für sich entdeckt. Kühne präsentierte schon 2014 zwei verschiedene Saure-Gurken-Gläser. Das "Gurken-Madl" war "knackig-lieblich", der "Gurken-Bub" dagegen "knackig-kräftig". Und die Smarties von Nestlé gibt es neuerdings auch mit wahlweise rosa oder blauen Schokolinsen. Milford-Tee ist in den Sorten "Feentraum" und "Monsteralarm" erhältlich, und Knorr bietet Prinzessinnen- und Feuerwehrsuppe an. Nicht mal mehr Mineralwasser ist geschlechtsneutral zu haben. Auf der rosafarbenen Flasche der Aldi-Marke Quellbrunn fährt Daisy Duck mit rosa Schleife im Haar artig Roller, auf der blauen macht Donald Duck mit Sturzhelm wilde Stunts mit seinem Skateboard.

Seit einigen Jahren ist auch Ferrero mit dabei. Auf der Homepage, die über das Überraschungsei informiert, heißt es: "Extra für Mädchen gibt es seit 2012 zusätzlich zum Classic-Ei das Mädchen-Ei. Mit rosa Blumen auf der Hülle überzeugt es im Inneren mit bunten Überraschungen speziell für die weiblichen Fans. Klassische ›Mädchensachen‹ wie Blumen-Ringe oder bunte Armbänder sind ebenso dabei wie aktivierende Überraschungen zum Werfen und Spielen."

Auf die Verwendung solcher Stereotype angesprochen, bleiben die Unternehmen vage.

Smarties-Produzent Nestlé nennt seine rosafarbenen und blauen Schokolinsen eine "kreative Auseinandersetzung mit Farben". Kühne sagt, die Bezeichnungen "knackig-lieblich" und "knackig-kräftig" hätten sich damals ausschließlich "auf die Würzung der Gurken und das zu erwartende Geschmackserlebnis" bezogen. Andere Unternehmen weisen offen darauf hin, dass sie lediglich Kundenwünschen nachkämen. Die Firma Jako-o berichtet, dass sich ein Spielzeug-Traktor schlecht verkaufte, solange er mit einem Mädchen beworben wurde. Als die Werbung geändert wurde und man stattdessen einen Jungen zeigte, stieg die Nachfrage.

Ob dieses Beispiel nun die Existenz eines Traktor-Gens bei Jungen belegt oder nur die erfolgreiche Gehirnwäsche des Gendermarketings, bleibt offen. Der Druck jedenfalls ist gewaltig, und zwar auch bei Produkten, die die Fantasie anregen sollten: So gibt es die Vicky-Bo-Malbücher, die sich an Kinder ab zwei Jahren richten, in zwei Ausführungen. Die Mädchen malen Motive wie Nagellack, Lippenstift und Ballettschule aus, die Jungen kolorieren Betonmischer, Feuerwehrschläuche und Burgen. Auf dem Mädchen-Kritzelbuch aus dem Carlsen Verlag stehen die Wörter "toll", "schön" und "Pony", auf dem für Jungen dagegen "gefährlich", "Monster" und "Tor".

Im Grundschulalter geht es weiter: Jungs rechnen in den Matheübungsheften von Pons Hubschraubermaße aus, während sich die Mädchen mit Blütenblättern beschäftigen. Auf dem im Klett Verlag erschienenen Buch Geschichten für Jungs zum Lesenlernen sind ein Ufo und ein Polizist abgebildet. Auf dem für Mädchen ist eine rosa Prinzessin. Zu ihren Füßen liegt ein Mixer, ebenfalls in Rosa. Es gebe nun einmal Themen, die Jungen und Mädchen in einem unterschiedlichen Maße interessierten, sagt eine Verlagssprecherin von Klett dazu. "Wir versuchen, mit diesen Themen die Kinder zum Lesen zu ermuntern."

Das klingt altruistischer, als es vermutlich ist. Denn geschlechtsspezifische Angebote fördern vor allem den Absatz von Produkten – zum Beispiel weil Gegenstände in einer Familie nicht mehr so einfach von Kind zu Kind weitergegeben werden können. Jedenfalls dann nicht, wenn das eine ein Mädchen, das andere ein Junge ist. Also müssen Mama oder Papa etwas Neues kaufen.

Langsam wächst Widerstand überall auf der Welt. Als im Sommer vergangenen Jahres eine Frau aus dem US-Bundesstaat Ohio gegen die Geschlechtertrennung in der Spielwarenabteilung des Einzelhändlers Target protestierte und ihre Beschwerde auf Twitter tausendfach geteilt wurde, entschuldigte sich das Unternehmen und beendete das Nebeneinander. In seinem britischen Onlineshop verzichtet der globale Spielzeugkonzern Toys ’R’ Us seit Protesten im vergangenen Jahr auf Geschlechtereinteilungen. Und auch in Deutschland tut sich etwas. So nahm der Otto-Versand vor zwei Jahren ein Mädchen-T-Shirt mit der Aufschrift "In Mathe bin ich Deko" aus dem Sortiment, nachdem Organisationen wie Pink Stinks im Netz dagegen demonstriert hatten. Und Almut Schnerring bekam einige Tage nach ihrem Beitrag über die Mäuschen- und Rennfahrermöbel einen Anruf. Am anderen Ende war der Geschäftsführer des Versandhandels. Nachdem sein Unternehmen die Kritik auf dem Blog zunächst abzuwiegeln versucht hatte, zeigte er sich nun verständnisvoll und gelobte Besserung. Beim nächsten Katalog hielt er Wort. Mädchenkleidung gibt es zwar immer noch. Aber nicht für Häschen oder Prinzessinnen. Sondern für Seefahrerinnen.