Wenn es im US-Präsidentschaftswahlkampf nur ums eingesammelte Geld ginge, müsste Hillary Clinton nicht um ihren Sieg bangen. 374 Millionen Dollar Spenden hat die Kandidatin der Demokraten bereits bekommen. Ihr Widersacher Donald Trump, der bis vor Kurzem seinen Wahlkampf weitgehend aus eigener Tasche bestritt, hat nur 99 Millionen in der Kasse. Und doch lag der Republikaner am Montag in den Meinungsumfragen vorne. Es wird wohl knapp am 8. November.

Umso wichtiger könnte für Clinton die Hilfe von Technologie-Unternehmen werden. Diese Firmen haben Programme entwickelt, mit denen Clinton und ihre Demokraten gezielter als je zuvor Wähler ansprechen können. Trump hingegen verzichtet weitgehend auf derlei elektronische Hilfen – auch weil er sie gar nicht zu Verfügung hat. Zu den größten Ausgaben des Exzentrikers gehören Baseballkappen und Kugelschreiber mit seinem Slogan: "Make America great again".

Technologie könnte "Trumps Achillesferse" werden, schreibt das Wirtschaftsmagazin Forbes. Unter Insidern in Washington gilt es als ausgemacht, dass Wahlen in den USA ohne Big Data, smarte Programmierer und ausgefuchste Analysesoftware nicht mehr gewonnen werden können. Denn Barack Obamas zweifacher Wahlsieg in den Jahren 2008 und 2012 wird nicht zuletzt seiner technologischen Überlegenheit zugeschrieben.

Obamas "Hope and Change"-Kampagne 2008 gilt bis heute als Revolution im Wahlkampfmanagement: weil sie Politik mit Technologie in einer nie da gewesenen Weise verband. Obama war der Erste, der soziale Medien konsequent einsetzte und über sie gezielt Wählergruppen ansprach. Ersonnen hatte diese Strategie eine Gruppe von 52 Programmierern und Analysten, deren Hauptquartier intern als die "Höhle" bekannt war. Bei seiner Wiederwahl 2012 verfeinerten Obamas Techies die Methoden.

Schon Jahrzehnte vor Obama hatten sich Politiker gemüht, ihre Botschaft möglichst dort anzubringen, wo sie potenziell am meisten Stimmen fangen würde. In den 1970er Jahren gaben sie deshalb erstmals Meinungsumfragen in Auftrag – bis heute unverzichtbarer Bestandteil jeder Wahlkampagne. Doch Obamas Techies drehten die Strategie um. Anstatt potenzielle Wähler zu befragen, um daraus Einstellungen und mögliches Verhalten in der Wahlkabine abzuleiten, durchkämmte Team Obama mittels Algorithmen Wählerdatenbanken und glich diese Informationen mit anderen Datenbanken ab: So erfuhr Team Obama nicht nur, für wen der Betreffende gestimmt hatte. Sondern auch, ob er sich regelmäßig politisch engagierte, ob er früher gespendet hatte und wie hoch die Wahlkampfspende gewesen war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 28.7.2016.

Aus all diesen Datenmengen erstellten Obamas "Höhlen"-Helfer das Modell eines typischen Wählers. Mit diesem Modell als Suchschema konnten sie nach realen Personen suchen, auf die das Profil zutraf – und sie mit maßgeschneiderten Botschaften ansprechen.

"Das hat sich als weit effizienter erwiesen, als die Umfrageergebnisse auszuwerten", sagt Sasha Issenberg, Autor des Buches Victory Lab über die neue Wahlkampftechnologie. Am eindrucksvollsten zeigte sich Obamas technologische Überlegenheit beim Sieg über Mitt Romney 2012. Noch bis zur Wahlnacht glaubten die Parteioberen der Republikaner an Umfragen, die einen Sieg Romneys prognostizierten. Stattdessen holte Obama die Mehrheit. Dabei forderte Romney den Präsidenten auch digital heraus. Obama hatte seine Plattform "Projekt Narwal" genannt: nach dem Eismeer-Wal mit dem Stoßzahn. Romney taufte seine Tech-Plattform Orca: nach dem Killerwal und größten Fressfeind des Narwals. Orca sollte unter anderem freiwillige Wahlwerber noch am Tag der Wahl zu jenen Bürgern nach Hause schicken, die früher für die Republikaner gestimmt hatten, aber diesmal nicht im Wahllokal erschienen waren. Doch Orca brach am Wahltag zusammen – was ein Vertreter der Romney-Kampagne mit dem Satz kommentierte, Orca sei gestrandet und harpuniert worden.

Nach der Orca-Pleite bemühten sich die Republikaner, ihren technologischen Rückstand aufzuholen. Doch die Entwicklung neuer Stimmenfang-Apps ist extrem schwer. Schließlich können die Auftraggeber aus der Politik in Sachen Vergütung mit dem Silicon Valley nicht mithalten. Zudem sind Wahlkampagnen befristete Projekte, Anstellungen enden spätestens am Wahltag. Und viele Programme verschwänden nach der Wahl auf Nimmerwiedersehen im digitalen Nirwana, sagt Autor Issenberg. Grund sind die oft ungeklärten Rechte an der Software. Daher müssen Kampagnen im nächsten Wahlkampf oft wieder bei null anfangen.

Hillary Clinton hat es einfacher. Sie kann auf Obamas Spezialisten zurückgreifen, von denen sich viele mittlerweile mit eigenen Unternehmen selbstständig gemacht haben. Etwa die Firma Bully Pulpit Interactive von Andrew Bleeker, der für Obama 2008 und 2012 Leiter des digitalen Marketings war. Oder auf ihren prominentesten Helfer aus dem Silicon Valley: Eric Schmidt.