Inmitten der Schlagzeilen über Anschläge und Amokläufe in Orlando, Nizza, München, Würzburg, Ansbach und Rouen ist in der europäischen Öffentlichkeit untergegangen, dass in Syrien eine Entscheidungsschlacht begonnen hat. Gemeint ist nicht die Entscheidung zwischen Sieg und Niederlage. Niemand kann diesen Krieg noch militärisch gewinnen, auch wenn die Konfliktparteien das immer wieder glauben.

Gemeint ist die Entscheidung zwischen einem Syrien, in dem eine neue Welle der staatlichen Gewalt den Boden für die nächste Generation des islamistischen Terrors gegen Muslime wie Nichtmuslime bereitet – und einem Syrien, in dem dies vielleicht noch verhindert werden kann.

Diese Entscheidungsschlacht wird in Aleppo ausgetragen. Wer verstehen will, wie die Wellen der Radikalisierung entstehen, die den Dschihadismus antreiben, der muss auf die einstige Wirtschaftsmetropole Syriens schauen.

Am vergangenen Donnerstag fielen erstmals Hilfsgüter auf Aleppo. Helikopter der syrischen Armee hatten sie abgeworfen als Beweis der "Fürsorge" für die Bevölkerung im oppositionellen Osten der Stadt. Dort leben Schätzungen der UN zufolge noch bis zu 300.000 Zivilisten und mehrere Tausend bewaffnete Aufständische, die von Assad-treuen Truppen völlig eingekesselt sind.

Das Regime und sein Verbündeter Russland haben den Rebellen, die ihre Waffen niederlegen, eine Amnestie versprochen – und allen Zivilisten, die Ost-Aleppo verlassen wollen, freies Geleit durch "humanitäre Korridore". Das syrische Staatsfernsehen sendet seither Bilder, die angeblich sich ergebende Rebellen und evakuierte Zivilisten zeigen. Bewohner in Ost-Aleppo wiederum werten dies als Propaganda und die Hilfsgüter als puren Hohn. Denn wer die kleinen Plastiktüten mit einem Teebeutel, einer Zahnbürste, einer Minipackung Marmelade, einer Windel und einer kleinen Packung Zucker einsammeln wollte, riskierte, von denselben Helikopterpiloten unter einer Fassbombe begraben oder durch die Splitter eines russischen Luftangriffs getötet zu werden. In den vergangenen Tagen haben russische und syrische Kampfbomber nach Angaben der UN und oppositioneller Aktivisten in Aleppo ein Lager mit mehreren Tonnen Nahrungsvorräten, fünf Hospitäler sowie das einzige Leichenschauhaus im Osten der Stadt bombardiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Ob und wie viele der angekündigten "Fluchtkorridore" tatsächlich offen sind, war bis Anfang der Woche nicht zu erfahren. Selbst wenn Zivilisten der Abzug ermöglicht würde, wäre dies nicht der von Moskau und Damaskus angekündigte "große humanitäre Einsatz", sondern eine mit Bombardements und Hunger erzwungene Massenvertreibung der regimekritischen Bevölkerung aus der zweitwichtigsten Stadt des Landes.

Anfang Juli war es dem Regime gelungen, mithilfe massiver russischer Luftangriffe die letzte Versorgungsroute in den Ostteil, die "Castello Road", zu kappen. Die letzten Vorräte der Eingeschlossenen dürften in den kommenden zwei bis drei Wochen aufgebraucht sein. Dann beginnt das langsame Verhungern. Fällt der Ostteil der Stadt, wäre dies das Ende der syrischen Revolution. Genauer gesagt: jenes Aufstands, der nicht den Dschihad, sondern ein Syrien ohne Assad zum Ziel hatte. Denn der Fall Aleppos wäre auch das faktische Ende des Genfer Verhandlungsprozesses. Alles, was die Delegation der Opposition dort noch unterzeichnen könnte, käme einer Kapitulationserklärung gleich.

Die Profiteure dieses Szenarios: Zum einen Baschar al-Assad, auch wenn dieser inzwischen dauerhaft auf die militärische Unterstützung Moskaus und Teherans angewiesen ist. Zum anderen die Dschihadisten. Auf deren Seite hat sich in den vergangenen Monaten ein neuer und doch altbekannter Akteur ganz nach vorne gedrängt. Der "Islamische Staat" (IS) absorbiert aufgrund seiner Attentate außerhalb Syriens derzeit zwar alle Aufmerksamkeit. Aber der eigentliche Gewinner der vergangenen Monate ist die Nusra-Front, der syrische Ableger von Al-Kaida. Während der IS aufgrund seiner sadistischen Repression in seinem "Kalifat" immer verhasster wird und militärisch unter Druck gerät, verfolgen seine einstigen Brüder im Dschihad und jetzigen Konkurrenten in Syrien eine sehr viel schlauere Strategie. Die Nusra-Front hat sich geduldig und sehr pragmatisch den Vorgaben anderer Rebellengruppen angepasst, mit ihnen gemeinsam sowohl das Regime wie den IS bekämpft, sich dank steten Geld- und Waffennachschubs vor allem aus den Golfländern in Gebieten der Opposition militärisch unentbehrlich gemacht und dabei ihren islamistischen Machtanspruch ausgedehnt. Dass die Nusra-Front sich vor wenigen Tagen von Al-Kaida für "unabhängig" erklärt und in "Dschabhat Fatah al-Scham" (Front zur Eroberung Groß-Syriens) umbenannt hat, ist Teil dieser flexiblen Strategie und ein rein taktisches Manöver.