Nach Monaten des Vorwahlkampfes hat unsere Empörung über Donald Trump etwas Überflüssiges: Er sagt etwas Unverschämtes, und wir greifen uns erschrocken an die Perlenkette wie feine Damen, wenn bei Tisch einer das Butter- mit dem Tafelmesser verwechselt. Doch das Überraschungsmoment ist vorbei. Und vor allem: Trump kam nicht aus dem Nichts. Es hat Warnsignale gegeben. Wir dachten lange, scharfsinniger Spott und Verachtung reichten aus, um einen wie ihn in die Schranken zu weisen. Nichts hat geholfen: keine Satirenummer, kein tadelnder Leitartikel, keine Häme über Trumps Haare. Tatsächlich glaubten wir ja eine Weile, allein diese Frisur werde alles Schlimmere verhindern. Doch Trump und die anderen Autoritären wurden immer erfolgreicher und selbstbewusster.

Es könnte sein, dass das an uns liegt. Wir haben die Hinweise gar nicht übersehen, wir haben sie ignoriert. Denn sie führen uns, auch uns Europäern, eine unangenehme Wahrheit über uns selbst vor Augen: Wir sind eine Gesellschaft der Klassen, in der die einen führen und die anderen folgen. Und wenn wir über Trump und seine Melania lachen, dann entlarven wir nicht sie, sondern uns.

Wer ist wir? Wir sind die, die führen. Wir sind die neue liberale Elite. Wir sind die Leute, die Michelle Obama, wenn sie auf dem Parteitag der Demokraten eine Rede hält, mit Tränen der Rührung in den Augen zuhören. Wir sind die Leute, die nicht eingeschüchtert sind von ihrem modernen und zugleich eleganten Outfit, das wahrscheinlich ein New Yorker Jungdesigner geschneidert hat, dessen Namen die Mehrheit der Amerikaner nicht richtig aussprechen kann. Wir sind die Leute, die überhaupt nichts so schnell einschüchtert – weder die unbegreifliche Souveränität, mit der die First Lady spricht, noch die Mischung aus Macht und moralischer Vollkommenheit, die sie verkörpert, wenn sie sagt: "Jeden Tag wache ich in einem Haus auf, das von Sklaven gebaut wurde." Michelle Obama ist schön, reich, intelligent, elegant und sehr, sehr mächtig – doch sie ist auch schwarz, weshalb sie alle Privilegien genießen kann, ohne auch nur einen Hauch der Scham empfinden zu müssen, die so lange der Preis für ein Leben am oberen Rand der Gesellschaft war.

Wir haben dieselben Methoden wie alle Eliten überall: Wir definieren, was guter Geschmack ist, was sich gehört und was nicht, und wir verachten diejenigen, die sich daran nicht halten. Wir sorgen dafür, dass unsere Zirkel geschlossen bleiben. Doch wie ein Revolutionsregime sind wir über jeden Vorwurf erhaben, denn wir, oder zumindest die Generationen vor uns, haben für diesen Platz in der Gesellschaft kämpfen müssen. Wir haben die Toleranz sozusagen erfunden, deshalb definieren wir sie jetzt auch. Herausgekommen ist die unantastbare Herrschaft des Richtigen, also unsere Herrschaft. Es stimmt ja, wir haben viel Gutes in die Welt gebracht, Gerechtigkeit und Freiheit für Frauen, Migranten, Behinderte, Homosexuelle, das alles ist unsere Tradition. Doch die Klassen haben wir nicht abgeschafft. Wir haben uns nur an die Spitze der Klassengesellschaft gesetzt, und jetzt kommt es uns so vor, als hätten alle Schranken sich geöffnet. Von unten dürfte das Ganze anders aussehen.

Warum sind die einen Brüste fortschrittlich, die anderen aber reaktionär?

"Perfekt" sei Hillary Clintons Tochter Chelsea von ihrer Mutter erzogen worden, sagte Michelle Obama in ihrer Rede. Nicht jede amerikanische Mutter wird das über ihre Kinder behaupten wollen: nicht die Mütter der Fettleibigen jedenfalls, der Schulversager, der Gefängnisinsassen, der Teenagermoms, der Drogensüchtigen. Doch es wird diesen Müttern nicht einmal möglich sein, der Präsidentengattin Arroganz vorzuwerfen, oder nur dann, wenn ihre Vorfahren auch mindestens Sklaven waren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Nach Michelle Obama hielt auf dem Parteitag der Demokraten Sarah McBride eine Rede, eine junge Trans-Frau. Dank sorgfältiger medizinischer Eingriffe sieht ihr Gesicht so bezaubernd aus, wie es sich eine 25-Jährige nur wünschen kann. McBride war Praktikantin im Weißen Haus und arbeitet jetzt bei einer NGO. Die Geschichte, die sie erzählte, handelt nicht nur von der Gleichheit aller Menschen, sondern auch von ihrem Ehemann, einem Trans-Mann, der mit 28 Jahren an Krebs gestorben ist, sich aber bis zu seinem Tod für die LBGTQA-Menschen in den USA eingesetzt hat.

Es dürfen nicht viele 25-Jährige auf einem Parteitag sprechen, und noch weniger können dabei so hochherzig und selbstlos wirken. Aber was ist mit den anderen? Die weder schwarz noch hochbegabt sind, weder stilvoll noch transgender, keine strahlende junge Witwe und vielleicht noch nicht mal eine Frau? Was ist deren Heldengeschichte?

Kurz zuvor war beim Parteitag der Republikaner Melania Trump aufgetreten. Auch ihr Gesicht ist operiert, aber aus anderen Gründen. Die Augen sind schmal, die Lippen voll, die Haare geföhnt. Sie liest von einem Teleprompter ab, auf den sie sich offenkundig stark konzentrieren muss. Sie hat einen schweren Balkan-Akzent, ihre Stimme ist monoton. Ihre Miene passt nicht zu dem, was sie sagt: Sie spricht von Liebe, Familie und kindness, doch ihr Blick ist der einer Raubkatze, cool und sexy, als wolle sie jemanden verführen oder als habe sie eben nur diesen einen Gesichtsausdruck.

Es missglückt also vieles, was bei einer Rede missglücken kann. Das ist schon klar, als sich kurz darauf herausstellt, dass ganze Passagen aus einer alten Rede von Michelle Obama aus dem Jahr 2008 stammen. Ein paar Tage später findet ein New Yorker Magazin heraus, dass es einen Designabschluss aus dem postkommunistischen Slowenien der achtziger Jahre, wie ihn Melania Trump gemacht haben will, gar nicht gibt. Von da an kennt die Häme keine Grenzen mehr. Wenn sie sich schon einen Uni-Abschluss ausdenkt, warum nicht wenigstens einen richtigen? Melania – eine Frau, so falsch wie ihre Brüste.