"Das Vergangene ist niemals tot, es ist nicht einmal vergangen." Nicht nur die von einem Milliardär angeführte Rebellion der Abgehängten, auch der Blick auf eine Reihe jüngerer Romane aus den USA macht die Sentenz William Faulkners brandaktuell. Ihnen ist gemeinsam, dass sie die von Genozid, Rassismus und Fremdenhass durchtränkte Gewaltgeschichte ihrer Nation lebendig werden lassen. Den vielleicht besten Roman dieser Art hat jetzt Donald Ray Pollock vorgelegt, ein Autor, der nach einem ganzen Arbeitsleben in der Fabrik mit nur einem Kurzgeschichtenband und zwei Romanen zu einer der aufregendsten literarischen Stimmen Amerikas geworden ist.

Pollocks Yoknapatawpha County ist nicht wie das Faulkners geografische Fiktion, sondern real identifizierbar: Ross County im südlichen Ohio, 1917. Dorthin sind in seinem jüngsten Roman Die himmlische Tafel die Brüder Cane, Cob und Chimney Jewett unterwegs. Ihnen geht es wie den Bremer Stadtmusikanten. In der ersten Szene erleben wir, wie sie als einzige Mahlzeit vor einem Tag schwerster Rodungsarbeit in einem Sumpf zwischen Alabama und Georgia sandige Klumpen aus etwas Öl, Mehl und Wasser verschlingen. Als ihr bis zur Selbstverleugnung schwärmerischer Vater auf dem Feld in seinen Ausscheidungen verendet, greifen sie zur Machete. Inspiriert von einer zerlesenen Schwarte über den Bürgerkriegs-Marodeur Bloody Bill Bucket und der Prophezeiung eines Eremiten über die paradiesischen Verheißungen der "himmlischen Tafel", die für die frommen Dulder gedeckt sei, töten und berauben sie den Landbesitzer, für den sie geschuftet haben. Sie wollen die erträumten "Koteletts so dick wie Bullenpimmel" nicht im Himmel, sondern jetzt.

Ende, nicht Ziel der allzu bald aller denkbarer Verbrechen beschuldigten Jewett-Gang ist Ross County. Dort regieren Kriegsvorbereitungen: In Camp Pritchard lernen Bauerntölpel das Überleben als Kanonenfutter, ein humanistisch gebildeter Leutnant träumt vom Heldentod unter nackten Leibern, ein Barkeeper ergötzt sich am Zerstückeln seiner Gäste im Hinterzimmer. Und dazwischen die braven Fiddlers, die ihr Erspartes an einen Schwindler und ihren minderjährigen Sohn an den Alkohol verloren haben. Dort landen die Jewetts – und ihr Ende ist erwartungsgemäß schrecklich. Cane, der einzige Bruder, der lesen kann, erfährt nie, wie Richard III. ausgeht. Pollocks Himmlische Tafel ist reich gedeckt. Das ist relevante Literatur: gespickt mit Wissen um menschliche Sehnsucht, voll bitterer Komik und getragen von einer skeptischen Moralität, die beim Fressen beginnt.

Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel. Aus d. Engl. v. Peter Torberg; Liebeskind, München 2016; 432 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €