Selten konnte man von einem Sachbuch, das bereits zum Zeitpunkt seines Erscheinens veraltet ist, so viel lernen. Franco Moretti, Leiter eines "Literaturlabors" an der Stanford University, liefert in seiner Aufsatzsammlung ein historisches Lehrstück über die Neuorientierung der Geisteswissenschaften in einer globalisierten und digitalisierten Umwelt. In den Beiträgen geht es vor allem um Fragen der Evolution von "Weltliteratur": Wie entwickelt sich der Roman in unterschiedlichen Ländern und Kontinenten? Worin liegt die kanonische Qualität eines Kriminalautors? Wie erobern literarische Werke Marktnischen? Aber die Ergebnisse sind eben gar nicht das Entscheidende. Moretti schlittert vielmehr methodisch in eine neue Zeit hinein, in der die quantitativen Verfahren der digital humanities immer wichtiger werden. Daher verbucht er seine Studien in kurzen rückblickenden Kommentaren mit munterer Gelassenheit als erste Versuche, vorläufige Ansätze, als "Mutmaßungen" und "noch mehr Mutmaßungen" oder sogar als Irrwege.

Vor rund einem Vierteljahrhundert war der 1950 geborene Italiener Moretti fasziniert von der Idee, eine Geschichte der Literatur einerseits nach dem Muster der Evolutionstheorie und andererseits der "Weltsystemtheorie" zu verfassen. Mit immer neuen Ansätzen rang er um eine literarische Landkarte voller Entwicklungen und Bezüge und fahndete dabei in Veränderungen des Formrepertoires nach Einflüssen und Wechselbeziehungen von Politik, Gesellschaft und Literatur. Für seine kulturimperialistische Beschreibung der Geschichte des Romans, die Westeuropa zum entscheidenden kulturellen Zentrum und den Rest des Globus zum literarischen Entwicklungsland zu erklären schien, hat Moretti nicht zuletzt von der Linken viel Prügel einstecken müssen. Angesichts des titelgebenden Schlagworts jedoch verblassen solche Debatten. Denn bei der Suche nach guten Methoden für eine Geschichte der Weltliteratur unterlief Moretti in einem Artikel, der im Frühjahr 2000 in der New Left Review erschien, eine folgenreiche Wortprägung: "distant reading".

Gemeint sind damit Verfahren zur Analyse von so großen Textmengen, dass die Strategien der genauen, sich versenkenden Lektüre nicht mehr funktionieren. Eigentlich "zum Teil als Witz gemeint", schlug dieses Label in der Literaturwissenschaft mächtig ein. Dies lag an der pointierten Begriffspolemik des "distant reading" gegen das "close reading", mehr noch aber daran, dass Moretti Überzeugungen berührte, die Geisteswissenschaftler über die Grenzen von Methoden- und Theorieunterschieden hinweg teilen: dass man selbst lesen müsse, dass Autopsie ein hoher Wert sei, dass die Lektüre eigentlich nicht delegiert werden könne, weil man "erfahrene Augen" haben müsse, um das Relevante zu sehen. Moretti hingegen reflektierte angesichts der totalen Überforderung durch eine weltliterarische Perspektive über Praktiken des "Nicht-Lesens", weil er über Bücher etwas sagen wollte, die er gar nicht gelesen haben konnte.

Der ausschlaggebende Grund für den Erfolg dieses Begriffs lag jedoch zunächst außerhalb des Horizonts von Moretti: die sogenannte Millionen-Bücher-Situation, die die massenhafte Digitalisierung von gedruckten Texten erzeugt hat – Google stellt seit 2004 gescannte Bücher zur Verfügung. Dadurch sind die Möglichkeiten der digitalen Recherche und Analyse ins Unermessliche gewachsen. Als hingegen Moretti das Verfahren des "distant reading" zuerst praktizierte, wertete er einfach Literaturgeschichten von Kollegen und Bibliografien aus oder las höchstpersönlich größere Textmengen mit einem stark selektiven Blick für einzelne Formmerkmale. Dass es künftig darum gehen würde, unfassbar große Korpora, die für jedermann zugänglich sind und daher schlicht nicht ignoriert werden können, mit dem Computer sehr genau zu analysieren, stand nicht auf der Agenda. Diese unvorhergesehene Entwicklung macht die Aufsatzsammlung mit den Selbstkommentaren von Moretti zu einem wissenschaftshistorisch aufschlussreichen Beleg für die Evolutionstheorie: Mit distant reading hat sich mehr oder weniger zufällig eine Begriffsmutation eingestellt, die durch veränderte Umweltbedingungen zu einem solchen Evolutionsvorteil wurde, dass sie das etablierte Ökosystem bedrohte.

Es mangelt daher nicht an Propheten, die von einer Revolution apokalyptischen Ausmaßes für die "alten Geisteswissenschaften" fantasieren. Sie führen unter neuen Medienbedingungen wieder einmal das Drama der "Verwissenschaftlichung" der Geisteswissenschaften auf. Seit dem 19. Jahrhundert treten darin – mal mit komödiantischer Hoffnung auf ein gutes Ende, mal mit tragischer Enttäuschung über das Schicksal der "weichen" Disziplinen – zwei Kontrahenten gegeneinander an: Auf der einen Seite steht der Empiriker, der sich den großen Zusammenhängen sachlich widmet, vieles vorläufig formuliert und nur im Kollektiv und über lange Zeit erfolgreich sein kann; auf der anderen Seite befindet sich der sensible Deuter großer Kunstwerke, der sich intuitiv in der Literatur- und Kunstgeschichte orientiert und mit großer Gefühlsgewissheit und Deutungssicherheit interpretiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Franco Moretti, und darin liegt die Faszination seiner Studien, zieht die komödiantischen und die tragischen Register und wechselt ständig die Seiten. Der Bruder des Filmregisseurs Nanni Moretti pflegt einen ganz emphatischen Begriff von Kunst und versteht sie als außergewöhnlich sensibles Instrument, um gesellschaftliche Zustände nicht nur zu analysieren, sondern auch zu kritisieren. Zugleich wettert er gegen seine Zunftgenossen, die beim "close reading" das Kunstwerk beweihräuchern. Er plädiert dafür, die alten Kanonordnungen zu entmächtigen, aber wenn er über Texte spricht, dann widmet er sich häufig doch wieder den üblichen Verdächtigen, den großen Werken sowie den großen Autoren und gelangt dabei zu ingeniösen Interpretationsansätzen. Er kombiniert den Habitus des Rebellen, der keine Kompromisse eingehen will, mit einem bürgerlichen Arbeitsethos der entsagungsvollen Hingabe. In dieser avantgardistischen Kombination liegt ein gutes Modell für die Zukunft der Geisteswissenschaften.

Franco Moretti: Distant Reading. Aus dem Englischen von Christine Pries; Konstanz University Press, Konstanz 2016; 220 S., 24,90 €