Philipp Scheidemann trägt schwarze, halbhohe Turnschuhe mit neongrünen Schnürsenkeln. Rosa Luxemburg hat die unteren zwanzig Zentimeter ihrer Haare blondiert. Beide sitzen als Gäste in einer Talkshow namens "Berlin konkret". Ihre Gesichter sind von den Papieren verdeckt, von denen sie ihren Text ablesen.

"Wenn wir die Bürokratie und den Polizeiapparat den alten Eliten überlassen, werden wir nie zu einer proletarischen Herrschaft gelangen!", sagt Luxemburg. "Sie verspielen die Potenziale der Gewaltenteilung!", kontert Scheidemann. "Haben nicht Sie, Frau Luxemburg, selbst gesagt: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden?" Stille. "Oooookay", sagt die 15-jährige Moderatorin, senkt ihre Papiere, erhebt sich aus dem Stuhl und geht mit ihrem Mikrofon, das in Wirklichkeit ein Edding ist, Richtung Publikum. "Fragen wir doch mal die Anwesenden." Das Publikum zuckt zusammen. Damit haben die Schüler der 9. Klasse der Landesschule Pforta, eines altehrwürdigen Internats bei Naumburg in Sachsen-Anhalt, nicht gerechnet. Kollektiv schauen sie aus den hohen, halbrunden Fenstern nach draußen, auf die gotische Klosterkirche, die neben der Schule steht.

In den verwinkelten Gemäuern der Landesschule, umgeben von Weiden und Wasser, könnte man eine deutsche Version von Harry Potter drehen. Stattdessen wird hier an der Zukunft des Geschichtsunterrichts gefeilt. Noch ist nur die Form des Unterrichts modern, bald soll auch die Struktur des Lehrplans grundlegend verändert werden. Bisher ist der dicht getaktet, lässt Schülern wie Lehrern wenig Raum zur eigenen Schwerpunktsetzung. Anders ausgedrückt: Am Ende der Stunde in Pforta wird Rosa Luxemburg nass und tot aus dem Berliner Landwehrkanal gezogen. Nach weiteren zehn Stunden müssen die Nationalsozialisten die parlamentarische Demokratie schon wieder abgeschafft haben.

Dirk Heinecke will das ändern. Heinecke ist Geschichtslehrer in Pforta und Mitglied einer fünfköpfigen Kommission aus Lehrern und Fachdidaktikern, die in den vergangenen zwei Jahren den Lehrplan in Sachsen-Anhalt überarbeiteten. Im Februar wurde das Ergebnis vorgestellt, bis Mitte April lief die Anhörungsphase, in der sich jeder Interessierte im Internet informieren und die Resultate kommentieren konnte. "Am Geschichtslehrplan gab es mehr Kritik als an den anderen neuen Fachlehrplänen", fasst Dirk Heinecke die Reaktionen zusammen. Rund 50 Eingaben von Lehrerkollegen erreichten die Kommission.

Der Grund der Kritik: Statt eines detaillierten Gerüsts sind den Lehrern nur noch thematische Blöcke vorgegeben. Für 9. Klassen etwa "Auswirkungen des Ersten Weltkrieges", "Gefährdungen für eine Demokratie", "Grundlagen und Folgen der nationalsozialistischen Diktatur". Die Schüler sollen in die Lage versetzt werden, unter anderem eigenständig zu prüfen, zu bewerten und zu untersuchen. Der Inhalt wird zum Vehikel für das Erlernen einer Fähigkeit. Wie die Pädagogen die extreme erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im Detail vermitteln, ist ihnen zukünftig freier gestellt denn je, solange die Schüler die im Fachlehrplan formulierten "interpretativen, narrativen und geschichtskulturellen Kompetenzen" erworben haben. "Es geht nicht mehr darum, einen Wissenskanon abzufragen, sondern mithilfe des Geschichtsunterrichts aus Jugendlichen studierfähige junge Erwachsenen zu machen", so Heinecke.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Damit folgt Sachsen-Anhalt einem bundesweiten didaktischen Trend, der Geschichte als eine Art Meta-Fach begreift. Es soll in Jugendlichen vor allem ein kritisches Geschichtsbewusstsein wecken, ihnen einen Sinn vermitteln für die Interpretation von Zeiten und Fakten, für das Politische, für Identitäten und Gerechtigkeit. Im besten Falle entwickeln Schüler dann die Fähigkeit, nicht nur selbst zu formulieren und zusammenzufassen, sondern bestehende Narrative und vermeintliche Fakten zu hinterfragen. Im allerbesten Falle werden aus ihnen auf diese Weise kritische Köpfe, die die Ursachen der komplexen politischen Sachverhalte ihrer Gegenwart diskutieren und sich nicht von billigen Parolen begeistern lassen. So gesehen ist Geschichte eines der wichtigsten Fächer im Kanon überhaupt.

Doch so klar das ehrgeizige Ziel, so unklar und umstritten die Methode, es zu erreichen. "Ob man historisches Wissen eher traditionell chronologisch vermittelt oder ob man nicht viel eher längsschnittartig und übergreifend große Fragen diskutieren sollte, darüber ist man sich ganz und gar nicht einig", sagt Martin Lücke, Professor für Geschichtsdidaktik an der Freien Universität Berlin. Der Streit tobt spätestens seit dem Pisa-Schock von 2003. Lücke gehört zu jenen, die wegwollen vom Korsett der chronologischen Nacherzählung mit Abfrage von Daten und Fakten und hin zu einer Verknüpfung der historischen Ereignisse, Zusammenhänge und Fachbegriffe mit der Lebenswelt der Jugendlichen und den Herausforderungen der Gegenwart. Also zum Beispiel Rosa Luxemburg und Philipp Scheidemann mal eben in eine fiktive Talkshow setzen. Oder die Vita Rosa Luxemburgs analysieren, um zeitenübergreifend nach Geschlechtergerechtigkeit zu fragen. "Die meisten Schüler ahnen ja vielleicht schon, dass Geschlecht eine historisch wandelbare Kategorie ist", meint Lücke, "und sie interessieren sich eher für die historischen Ursachen aktueller globaler Konflikte als dafür, der Erfolgsgeschichte der BRD nach 1945 zu lauschen."