Die Erinnerung, zumindest ein bisschen von ihr, nämlich das, was übrig ist, liegt in einem Gebäude, vor dem Menschen Rollatoren schieben und im Rollstuhl sitzen. Ein paar Stufen hoch, vor dem Türöffnen einen Schalter drücken, sonst geht der Fluchtalarm an, einen Gang entlang, rechts, geradeaus, und dann steht auf einem blauen Schild mit weißer Schrift: Haifischbar.

Die ist doch auf St. Pauli, sagte letztens einer, der entlanglief. Herr König, Frau Rose und Frau Fink (alle Namen geändert) sind nicht auf St. Pauli, sie sitzen an einem dunklen Tisch in einem hellen Raum, vor dem "Haifischbar" steht. Herr König nippt am Flens, zufrieden schaut das aus, Frau Rose trippelt mit den Fingern auf den Tisch, die andere Hand am Glas, Frau Fink steht nun auf, sie müsse mal auf Toilette, sagt sie, aber Moment, sie stockt: Wo finde ich die hier?

An der Decke hängen Fischernetze mit Muscheln, in der einen Ecke eine Bar, halbrund, wirkt wie ein Fass, dahinter vier Flaschen: Whisky, Tequila, Rum, Wodka. Eine Jukebox auf dem Boden, an den Wänden ein Steuerrad, ein rot-weißer Rettungsring. All das gibt es auch in der echten Haifischbar, der auf St. Pauli. Diese liegt in Alsterdorf, so was wie ein Nachbau, aber nicht eins zu eins, sie misst fünf Schritte in die eine, zehn Schritte in die andere Richtung: ein Raum im "Pflegen & Wohnen Alsterberg", geschlossener Wohnbereich für Menschen mit demenziellen Erkrankungen.

Die Haifischbar in Alsterdorf soll helfen, sich zu erinnern. Vielleicht an die richtige Haifischbar auf St. Pauli, vielleicht an Rauch, den sie mal schmeckten, an Schnaps, an Küsse oder Kartenspielen, vielleicht erinnert sie die Bar daran, wie Peter Alexander sang: "Ich weiß was, ich weiß was, ich weiß, was dir fehlt", ein Mann, der dir keine Märchen erzählt. Die Bar soll die erinnern lassen, die sich kaum mehr erinnern können.

Herrn König, 76, der immer seine Berufe wechselt: Mal, sagt er, er habe als Polsterer gearbeitet, mal als Schließer. Dessen Frau starb, was Herr König nicht weiß, zumindest hat er nie gefragt, wo sie ist, und so hat es ihm keiner gesagt. Herr König lächelt immer, und wenn er lacht, was oft vorkommt, lacht er von tief innen auf.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 33 vom 4.8. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Frau Rose, 86, die zehn Minuten nachdem sie Schmerzen hatte, vergisst, dass sie Schmerzen hatte. Die keine Ruhe hat, oft schon vor dem Dessert aufsteht, den ganzen Tag spaziert, den Flur entlang, in den Garten: mal zügig, mal schlendernd und pfeifend, Arme über Kreuz auf dem Rücken, als hielte sie sich an sich selbst fest. Sie weiß nicht mehr, dass ihre Tochter letztens zu Besuch war, denn an diesem Tag, wundert sie sich, sei sie doch selbst nicht da gewesen. Ist sie gut drauf, macht sie Sprüche, die der Situation eine Komik geben, oft sprachlich nuanciert, und man ahnt, vieles ist vielleicht nicht bewusst, aber klug. Kennen Sie Max und Moritz?, fragt eine Mitarbeiterin. Nicht persönlich, entgegnet Frau Rose.

Frau Fink, 80, die immer viel hilft, Handtücher zusammenlegen, Geschirr wegräumen. Bewegungsdrang umlenken, nennen die Mitarbeiter das. Frau Fink will immer nach Hause, sich um die Kinder kümmern, sonst, fürchtet sie, ist ja keiner da. Sie backt am Vormittag Kuchen und hat am Nachmittag beim Kuchenessen vergessen, dass sie den Kuchen gebacken hat.

Was macht ein Raum mit denen, die angespannt sind, getrieben, in Angst, unter Druck und ohne Halt, weil die festen Pfeiler, die es im Leben gab, zerbrochen sind, die hin- und herrutschen zwischen der Kindheit und ihrem jetzigen Alter? Was macht ein Raum mit Herrn König, Frau Rose, Frau Fink, drei Bewohnern mit so starker Demenz, dass sie nicht mehr wissen oder jedenfalls nicht sicher sind, ob sie schon einmal in diesem Raum waren? Was macht ein Raum mit denen, die glauben, ihn jedes Mal aufs Neue zu betreten?

In einer Bar ist nicht viel zu erwarten, was in eine gängige Form gesellschaftlicher Leistung passt, ebenso wenig in einem Pflegeheim. Vielleicht passen beide gerade daher so gut zusammen. Wo nichts zu erwarten ist, kann viel Unverhofftes passieren: zwei Orte mit großen Sehnsüchten im Vielleicht.