Mit der Schönheit mancher Städte verhält es sich wie mit dem Scheinriesen Herrn Tur Tur in Michael Endes Kinderbuch Jim Knopf. Aus der Ferne: gigantisch. Aus der Nähe: normal. Kassel ist das Gegenteil von Herrn Tur Tur, Kassel ist die Frau Rut Rut der Städte. Von Weitem: mittelaufregend. Wenn man da ist: wow!

Klingt übertrieben? Kommen Sie mit, und lernen Sie die Bellezza Kasselana kennen, eine Mischung aus Natur, Kultur und Ewigkeit: Die Stadt ist unfassbar grün, sie hat mehr moderne Kunst, als Sie je besichtigen können. Zugleich ist sie ein Hort uralter Mythen und Märchen, denn über Kassel wachen ein griechischer Sagenheld und der Geist der Brüder Grimm, die hier zur Schule gingen.

Der Kasseler Fernbahnhof im Stadtteil Wilhelmshöhe (den nur die Bahn Wil helmshöhe nennt, alle anderen sagen Wilhelms he) liegt auf Ihrer Strecke, egal ob Sie von München nach Hamburg fahren oder von Stuttgart nach Berlin. Verlassen Sie ihn schnell, diese Rampen mit Lampen sind auch den Kasselern peinlich. Beim Hinaustreten schauen Sie nach links oben: Da balanciert ein Bett auf der Dachspitze des Hotels Kurfürst Wilhelm. Ist nur Werbung, sieht aber schon aus wie Kunst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Vorm Bahnhof nehmen Sie ein Leihfahrrad und amüsieren sich bei Bedarf darüber, dass die Radvermietung kalauerig "Konrad" heißt. Fahren Sie die Wilhelmshöher Allee hinunter, die in die Innenstadt führt. Meist geht es bergab, das Zentrum liegt in einer Talsohle. Viele Bäume am Straßenrand sind Teil des Kunstwerks "7.000 Eichen": Joseph Beuys pflanzte sie unter dem Motto "Stadtverwaldung" für eine Documenta in ganz Kassel an. Auf Höhe der Straßenbahn-Haltestelle Weigelstraße stoppen Sie. Rechts ist eine Schule, die natürlich Jacob-Grimm-Schule heißt; an der habe ich Abitur gemacht. Wenn Sie sich umdrehen, sehen Sie von hier auch Kassels Weltkulturerbe, den Bergpark mit dem Herkules: Auf einem Oktogon erhebt sich eine Pyramide, gekrönt von einer acht Meter hohen, patinagrünen Kupferstatue des Halbgotts. Ein Meisterwerk absolutistischer Ewigkeitsarchitektur. Sie haben schon "wow" gesagt, oder?

Fahren Sie weiter, wir sind gleich im Zentrum. Biegen Sie am Deutschen Tapetenmuseum (echt!) in die Museumsmeile ein, die Weinbergstraße. Das Museum für Sepulkralkultur (auch echt!) besichtigen Sie nächstes Mal. Stellen Sie Ihr Rad vor dem modernen Steinklotz ab, der "Grimmwelt" – ein Haus, das sich dem unsterblichen Wirken der Grimms widmet. Ab jetzt geht’s zu Fuß weiter. Steigen Sie die 59 Stufen außen aufs Dach. Von da blicken Sie auf die Straßenschneisen der autogerechten 1950er-Jahre-Stadt. Vor allem aber sehen Sie Grün. Die Landgrafen haben in die Mitte der Stadt einen riesigen Park gesetzt, die Karlsaue.

Dahin gelangen Sie, wenn Sie sich die Weinbergterrassen unterhalb der Grimmwelt hinabarbeiten. In der Karlsaue halten Sie sich rechts und betrachten Deutschlands schönsten Campus, den der Kunsthochschule. Nun flanieren Sie in Richtung Orangerie, vorbei an Tempelchen, Statuen, Flüsschen. An der Uni Kassel gibt es das Fach Spaziergangswissenschaft, Sie ahnen, warum. Eine Treppe hinter der Orangerie führt Sie zur Documenta-Halle. Dort steht der "Rahmenbau" von Hans-Rucker-Co – sieht aus wie ein 14 Meter großes, leeres Dia. Betreten Sie den Steg, der in die Umrandung führt, und schauen Sie in den Park. Lassen Sie Ihre Begegnung mit Frau Rut Rut noch nachwirken: Natur, Kultur, Ewigkeit. Die Zeit werden Sie darüber vergessen.