Eine Stunde vor dem Wettkampf verwandelt er sich. Er sucht dafür einen Ort, an dem er niemandem seinen Anblick aufdrängt – einen Winkel im Bauch eines Stadions, eine einsame Umkleidekabine oder diese Stelle an der Außenlinie eines Sportplatzes, wo Bäume rauschen und von irgendwoher ein Schaf blökt. Ragten hinter dem Platz nicht die Lichtmasten des Kasseler Auestadions auf, würde nicht der Wind aus der Arena das Tosen der Tausenden herüberwehen, man könnte denken, auf dem Rasen sitze nur ein Spaziergänger zur Rast.

Markus Rehm hat eine Tasche dabei, eine von der Sorte, in die man Tennisschläger tut. Holt ein Ding heraus, gelb und schwarz und schön geschwungen, wie ein Bumerang in Übergröße. Legt es vorsichtig ins Gras. Entblößt für einen winzig kurzen Augenblick, was von seinem rechten Bein übrig ist: unterhalb des Knies der Stumpf, grotesk verformt, umhüllt von dünner weißer Haut. Fügt das Ding an, fixiert es mit einer Art Bandage. Steht auf. Wippt. Durch ein Ventil entweicht Luft, wie aus einem Fahrradreifen. Die Prothese saugt sich am Körper fest.

"Startklar", sagt Markus Rehm.

"Gut." Seine Trainerin Steffi Nerius, breitbeinig, Hände in den Taschen.

Und Markus Rehm läuft los auf den Sportplatz zwischen die anderen Muskelbepackten und Täglichtrainierer, die sich hier draußen aufwärmen für die Deutschen Meisterschaften der Leichtathleten. Alle mit zwei ganzen Armen, alle mit zwei ganzen Beinen. Markus Rehm mit seiner Sportprothese. Trippelt wie die anderen, sprintet, trabt, hüpft, kurze Schritte, lange Schritte. Wäre sein Unterkörper von einer Mauer verdeckt, man sähe nur einen Sportler unter Sportlern.

"Das wird rappelvoll da drinnen", sagt er.

"Toi, toi, toi. Du machst das schon."

Einer hat nur ein Bein und macht bei den Deutschen Meisterschaften mit. Einer hat nur ein Bein und ist so gut wie die Zweibeinigen, und an guten Tagen ist er besser. Markus Rehm wünscht sich, heute wäre so ein Tag. Sein "Jahr der Entscheidung", wie er es nennt, steuert jetzt dem Höhepunkt zu.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Der Weitspringer Markus Rehm ist 27 Jahre alt. Er, dem im August 2003, da war er 14, ein Bootsmotor den Unterschenkel zerriss, er, der die zweite Hälfte seines Lebens damit verbrachte, ein Spitzensportler zu werden, er, der weiter springt als fast alle Menschen auf der Erde – er hat sich in den Kopf gesetzt, zu den Olympischen Spielen zu fahren. Seine fast kindlich wirkende Frage passt in einen Satz: Ich trage eine Prothese, darf ich bei euch mitmachen? Er findet, die Welt der Leichtathletik schuldet ihm eine Antwort. Seit Monaten kämpft er darum, bald wird er sie bekommen. Bald nach diesem Sonntag im Juni werden die Listen für die Nominierung geschrieben sein, dann fliegen 89 deutsche Leichtathleten nach Rio. Lassen sie ihn mit? Wenn sie Ja sagen, hat er eine Chance auf Gold.

Minuten vor dem Wettkampf hat Markus Rehm zwei Engelsflügel aus Schweiß auf dem Trikot, und über den Aufwärmplatz scheppert eine Blechstimme: "Aufruf Weitsprung der Männer ..." Dann werden die 13 besten Weitspringer des Landes von einem dunklen Tunnel verschluckt und tauchen auf der anderen Seite auf, im Stadion. Dann sehen sie die Grube, ihre 9 mal 2,75 Meter große Bühne, behütet von sieben Kampfrichtern mit Sandharken und weißen Fähnchen, belauert von Kameras. Dann steht Markus Rehm allein auf der roten Bahn. Spürt das freundliche Starren des Publikums. Die Blicke seiner Gegner, ihrer Trainer und Funktionäre. Jetzt will er allen zeigen, dass er dazugehört.

Er läuft an, in das Klatschen der 15.000 hinein, gewinnt an Fahrt, bläst im Rhythmus der Schritte die Backen auf, der ganze Körper ein ICH WILL, läuft, nimmt das Brett in den Blick, vergisst seine Gegner, hört nicht, wie sich auf der Tribüne eine junge Zuschauerin an ihren Vater wendet.

"Voll stark."

Der Vater: "Unglaublich, dass so was möglich ist."

Das Mädchen: "Dass der trotz seiner – wie heißt das – Prothese weitermacht und so weit springt wie die Normalen."

Es gibt eine verborgene Verwandtschaft von Leistungssport und Behinderung. Ob du als Leichtathlet an die Weltspitze willst oder nach einer Amputation zurück in den Alltag, du brauchst dafür Ehrgeiz, Sturheit, Optimismus. Jeder, der sich mit Markus Rehm beschäftigt, steht vor der Frage, in wen genau dieser Sportler sich verwandelt, wenn er die Prothese anzieht.

Markus Rehm ist der Versehrte, der etwas sehr Menschliches will – auf seinen eigenen Beinen stehen. Markus Rehm ist der Freak, der seinen Körper aufrüstet bis ins Übermenschliche. Beide Sätze beschreiben eine Möglichkeit.

Vier Monate vorher, im Februar 2016, gibt er in der Emirates Arena von Glasgow dem britischen Fernsehen ein Interview. Gerade war hier der erste Wettkampf nach dem Winter, einer von diesen Schaukämpfen, bei denen es um nichts geht, ein Prothesenspringer und viele Springer ohne Behinderung, der Asienmeister war da und der beste Australier.

Ein Mensch fliegt aus eigener Kraft acht Meter durch die Luft, das erinnert an Raumfahrer und Seiltänzer und andere Schwerkraftbezwinger. Markus Rehm flog 8,10 Meter weit: erster Platz. Jetzt trägt er noch seine Sportprothese. Das Alltagsbein, ein schmales Rohr mit Turnschuh unten dran, lehnt am Stromkasten der Fernsehleute. Oben, im Zugang für den Stumpf, steckt der Blumenstrauß von der Siegerehrung.