Manchmal soll Sebastian Ropohl Termine für Kinder vereinbaren, die noch gar nicht geboren wurden. Ropohl ist kein Finanzexperte, der Pläne für die Zukunft schmieden soll, er ist auch nicht Leiter einer Eliteschule. Ropohl ist Orthopäde. Allerdings kein ganz normaler. Er bietet in seiner Praxis in Hamburg-Bergedorf etwas an, was in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erfahren hat – obwohl die Wirkung umstritten ist: osteopathische Therapien für Säuglinge und Kinder. Osteopathen behandeln Patienten mit ihren Händen und wollen so eine Vielzahl an Krankheiten und vermeintlichen Störungen heilen können. Das Interesse an solchen Behandlungen, berichtet Ropohl, sei in den letzten Jahren stark gestiegen. Immer mehr Eltern riefen an, manchmal schon während der Schwangerschaft.

Es vergeht kaum ein Geburtsvorbereitungskurs ohne Hinweis auf das sanfte Wirken von Kinder-Osteopathen, große Geburtskliniken wie das Perinatalzentrum an der Asklepios Klinik Hamburg-Altona bieten neben Stillberatung und Elternschule längst einen "osteopathischen Check-up" an – und die Eltern "sind begeistert", vermeldet die Klinik. Die Liste der Krankheitsbilder, die Osteopathen bei Säuglingen und Kindern vorgeblich behandeln können, ist beachtlich. Das Spektrum reicht von Stillproblemen, chronischen Mittelohrentzündungen und Dreimonatskoliken über Hüftfehlbildungen, Neurodermitis bis hin zu Lernstörungen und dem notorischen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Wolfram Hartmann ist ehemaliger Präsident und heutiger Ehrenpräsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Er sieht ebenfalls einen Trend zur Osteopathie: "In manchen Regionen Deutschlands geht inzwischen die Mehrheit der Eltern mit ihren Neugeborenen zum Osteopathen", sagt er, "meistens auf Empfehlung der Hebamme." Diese Entwicklung, daraus macht er kein Geheimnis, bereitet ihm Sorgen. Vor drei Jahren veröffentlichte er im Magazin Kinder- und Jugendarzt einen Artikel, über dem stand: "Osteopathie – Marketinginstrument der Krankenkassen". Es geht darum, dass inzwischen viele gesetzliche Krankenkassen die Kosten für osteopathische Behandlungen von Säuglingen und Kindern zumindest teilweise erstatten. Hartmann vermutet, die Krankenkassen benutzten den Trend zur Baby-Osteopathie als Lockmittel, um junge Eltern als Kunden zu werben.

Die Techniker Krankenkasse löste einen Boom von Behandlungen aus. Dann machte sie einen Rückzieher

Dabei, so warnt er, ignorierten die Kassen nicht nur fehlende Nachweise für eine Wirksamkeit der Methode. Sie nähmen auch in Kauf, dass durch osteopathische Behandlungen Kinder zu Schaden kommen könnten – und dass außerdem viel Geld verschleudert wird. Laut einer Recherche von NDR Info explodierten die Ausgaben der Krankenkassen für osteopathische Sitzungen geradezu, nachdem die Techniker Krankenkasse (TK) im Januar 2012 damit begann, die Behandlungen zu erstatten. Im Jahr 2012 bezahlten die Kassen 34 Millionen Euro für osteopathische Behandlungen, 2013 schon mehr als 110 Millionen – darunter fallen auch die Kosten für Säuglinge und Kinder. Der TK, die den Ansturm auf die Osteopathen losgetreten hatte, wurde die Sache schließlich zu teuer: Sie machte einen Rückzieher und begrenzte den Zuschuss für ihre Versicherten auf 120 Euro im Jahr.

Aber wieso eigentlich glauben Eltern, dass ihre Kinder die teure osteopathische Behandlung brauchen? Als Katja Lange* mit ihrem Sohn Leon in eine osteopathische Praxis ging, war er elf Wochen alt. "So wühlig" sei er tagsüber gewesen, irgendwie unleidlich. Aus ihrem Rückbildungskurs, den sie zum Muskelaufbau nach der Schwangerschaft besuchte, gingen alle mit ihren Kindern zum Osteopathen. Bei allen Kindern bis auf eines, erzählt Katja Lange, sei auch etwas festgestellt worden. Sie muss selbst ein bisschen lachen, wenn sie das sagt. So als würde sie bezweifeln, dass mit so vielen Kindern etwas nicht stimmt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Ihr Sohn Leon sei ihr eigentlich recht normal vorgekommen, erzählt sie. Wobei er ihr erstes Kind gewesen sei, "ich wusste gar nicht genau, was normal ist". Stefanie Probst hingegen war aufgefallen, dass ihre Tochter Jana den Kopf leicht schief hielt, als sie drei Monate alt war. Und Leah Bergmann hatte Schwierigkeiten mit dem Stillen und fand es schwer auszuhalten, wenn ihre fünf Wochen alte Tochter Greta schrie.

Aber ist die angeblich ganzheitliche Heilmethode für Neugeborene wirklich so wirksam und so sanft, wie es ihr Ruf verspricht? Was genau machen die Therapeuten da mit den Kindern – und auf welcher wissenschaftlichen Grundlage?

Osteopathen sind oft Ärzte, meistens Orthopäden, die eine Zusatzausbildung absolviert haben. "Osteopath" ist in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung. Außer Ärzten nennen sich hierzulande auch noch Heilpraktiker und Physiotherapeuten so. Sie alle berufen sich auf den Begründer der Osteopathie, den amerikanischen Landarzt Andrew Taylor Still. Ende des 19. Jahrhunderts gelangte er zu der Überzeugung, bestimmte Krankheiten gingen auf Fehlstellungen von Wirbelgelenken zurück. Wenn man diese Fehlstellungen behebe, ließen sich auch die damit assoziierten Krankheiten heilen.