Das wichtigste Instrument sind dabei die Hände. Mit ihnen lösen Osteopathen angebliche Blockaden und Verklebungen an Gelenken und im Gewebe, die sich ungünstig auf den Rest des Körpers auswirken sollen. Sie unterscheiden drei große Teilgebiete ihres Wirkens: die parietale Osteopathie, bei der es um Muskeln und das Skelett geht; die viszerale Osteopathie, deren Fokus auf den inneren Organen und dem umgebenden Gewebe liegt; und die kraniosakrale Osteopathie, die sich mit Gehirn, Rückenmark und den Hirnhäuten beschäftigt. In den USA ist vor allem die parietale Osteopathie verbreitet. Dass sie bei Erwachsenen gegen Rückenschmerzen hilft, konnte inzwischen gezeigt werden – gut vorstellbar, wenn man bedenkt, dass Rückenschmerzen oft auf muskulärer Verspannung beruhen.

Für die viszerale Osteopathie hingegen existiert kaum wissenschaftliche Evidenz, und beim Einlesen in die Grundsätze der kraniosakralen Osteopathie bekommt ein rational-schulmedizinisch denkender Kopf das Grausen. Gehirn und Rückenmark, so die Lehre, würden in einem regelmäßigen Rhythmus schwingen, den der osteopathische Untersucher mit seinen Händen durch den knöchernen Wirbelkanal, zentimeterdicke Muskeln, Fettgewebe und Haut hindurch spüren könne. Die deutsche Gesellschaft für Neuropädiatrie nahm dazu schon im Jahr 2001 kritisch Stellung und schrieb damals etwas befremdet: Nach Ansicht von Osteopathen solle man allen Ernstes fühlen können, "dass der Kopf sechs- bis zwölfmal pro Minute schmaler und breiter werde".

Qualitativ hochwertige Studien, die eine Wirksamkeit der Osteopathie bei Säuglingen und Kindern belegen, existieren nicht. In einer systematischen Analyse im Fachjournal Pediatrics urteilten die Autoren im Jahr 2013 nüchtern: "Allgemein betrachtet, befürworten kleine und verzerrte Studien die osteopathische Behandlung, während die größten und methodisch korrekten Studien keinen Effekt zeigen konnten. (...) Die mangelnde methodische Qualität und der Mangel an Studien überhaupt ist bemerkenswert. Solange keine Daten vorliegen, kann die Osteopathie nicht als effektive Therapie für Kinder betrachtet werden, und Osteopathen sollten das auch nicht behaupten."

Trotzdem glauben viele ärztliche Osteopathen, die Kinder-Osteopathie sei keine Alternativmedizin. Sie gewähren bereitwillig Einblick in ihren Betrieb. Es ist nicht schwer, die Praxen zu besuchen, in denen sie Kinder zur Behandlung empfangen. Bei einigen reicht die Offenheit aber nur bis zu dem Punkt, an dem man ihr Handwerk kritisch hinterfragt. In der Diskussion bedienen sie sich typischer pseudowissenschaftlicher Argumente. So lasse sich etwa der kraniosakrale Rhythmus nicht nachweisen, weil der Untersucher ihn schon durch das Untersuchen beeinflusse. Deshalb sei es logisch, dass verschiedene Osteopathen unterschiedliche Rhythmen spürten.

Kinder-Osteopathen sind oft charismatische Menschen, erfahren im Umgang mit Säuglingen. Viele nehmen sich Zeit für ihre Patienten und die Eltern. Bevor Osteopathen mit der Untersuchung beginnen, befragen sie die Mutter genau zur Schwangerschaft, zur Geburt, zum alltäglichen Verhalten des Kindes. Die osteopathische Untersuchung und Behandlung der Säuglinge erfolgt mal auf einer Liege mit Kuscheldecke, mal auf dem Arm der Mutter.

Von außen betrachtet passiert nichts Spektakuläres: In einer Praxis für Osteopathie im Hamburger Norden liegt die kleine Anna beispielsweise auf dem Rücken, der Osteopath schiebt seine linke Hand unter ihren Po, die rechte liegt auf dem Bauch. Dann hebt er den Po vorsichtig an und fühlt, was sich tut. Kurz danach legt der Arzt die Finger seiner linken Hand auf Annas Stirn, die der rechten unter ihren Nacken und erklärt, im Kopf gebe es "eine kleine Spannung. Flüssigkeit strömt hoch und fließt nicht ganz wieder ab". Dann drückt er mit der flachen Hand sachte auf Annas Brustkorb und kommentiert: "So, es wird oben immer freier."

Annas Mutter nickt, obwohl sie nicht weiß, wovon er redet – und es auch gar nicht wissen kann, weil die Kommentare aus medizinischer Sicht keinen Sinn ergeben. In einer anderen Praxis erklärt der Osteopath den Eltern Bedenkliches, etwa dass Impfungen vor dem Ende des ersten Lebensjahres wissenschaftlich umstritten seien. Eine Aussage, die nicht stimmt und gefährlich ist, weil etwa Masern tödlich enden können.

Gefährlich ist aber auch noch etwas anderes: In Deutschland gibt es keinerlei Vorgaben, wie eine Ausbildung aussehen muss, damit sich ein Arzt, Heilpraktiker oder Physiotherapeut Osteopath nennen darf. Es gibt Schulen für Osteopathie, die mehrjährige Ausbildungen anbieten. "Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, Osteopathie im 'Schnelldurchgang' zu erlernen, etwa in Wochenendkursen im europäischen Ausland. Ob die notwendige Qualität der Ausbildung dann gegeben ist, ist zumindest fraglich", sagt Sebastian Ropohl, der Orthopäde und Osteopath aus Hamburg-Bergedorf. Er fordert zudem eine zusätzliche Ausbildung für die Ärzte, die eine Behandlung von Kindern und Säuglingen anbieten.