Ein legendärer Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung hat einmal gesagt, es wäre ihm lieber, wenn seine Literaturkritiker über Freibäder schrieben als über Romane. Das Ergebnis sei viel interessanter. Die Zeitung ist damals den letzten Beweis dafür schuldig geblieben, aber so viel ist doch richtig, dass sich mit den Mitteln der Kritik manches klären lässt. Vor allem kann der Kritiker klären, was der legendäre Mann noch ganz im Vagen beließ: worin sich nämlich Freibäder von anderen Schwimmbädern, zumal den überdachten, unterscheiden.

Die Antwort: Freibad und Hallenbad gehören, literarkritisch gesehen, zwei verschiedenen Gattungen an. Zwar verfügen beide über Schwimmbecken und Umkleidekabinen, aber in allem Übrigen fühlen sie sich anders an. Das hat mit dem Gras zu tun, das man im Freibad zwischen den Zehen spürt, und mit dem Chlordunst, der im Hallenbad die Sinne vernebelt, es hat auch mit dem Lärmpegel zu tun, der nur unter der geschlossenen Hallendecke, trotz insgesamt gesitteteren Benehmens, das Trommelfell zerreißt. Es hat mit der Sonne zu tun, die hier ausgeschlossen und dort zugelassen ist, mit der Möglichkeit zum Frieren, die im Freien viel ausgeprägter ist, mit der Verteilung von Handtüchern und Unrat auf dem Boden, mit der Zugänglichkeit von Speiseeis und Pommes frites.

Natürlich ist Springen vom Beckenrand hier wie dort verboten, auch Mütter verlieren ihre Kinder überall aus den Augen. Das heißt aber nichts anderes, als dass es sich wie mit Komödie und Tragödie verhält, die ja ebenfalls die Regeln des Theaters gemeinsam haben – und doch ist die eine Gattung zum Weinen und die andere zum Lachen da. Es fragt sich nur, welches Bad der Komödie und welches der Tragödie ähnelt, und da gehen die Meinungen nun allerdings weit auseinander.

Spontan würde man sagen, dass Freibäder Sommermärchen sind, die enttäuscht werden, und insofern Komödien ähneln; dass Hallenbäder hingegen eine ernste Sportausübung in Aussicht stellen, die an der Gewaltausübung einzelner Rowdys scheitert, und insofern einen Raum für tragische Konflikte schaffen. Auch sind Freibäder in der kalten Jahreszeit geschlossen, während Hallenbäder schon von ferne durch die dunkle Winternacht leuchten, sie werden zagend und verfroren und mit dem eisernen Willen zur Pflichterfüllung betreten. Wir schweigen hier über die sogenannten Spaßbäder; sie gehören wieder einer anderen, eher nicht dramatischen Gattung an, wahrscheinlich dem altdeutschen Schelmenroman. Die klassischen Hallenbäder sind eindeutig nicht zum Spaßen da, es sind heroische Schauplätze von Opfer und Selbstüberwindung, jedenfalls keine Picknickplätze.

Dagegen kommt das Freibad erst im Picknick ganz zu sich selbst. Ein Freibadbesuch ohne den Versuch, Mahlzeiten im Liegen einzunehmen, ohne den Kampf mit Wespen und Ameisen, ohne Kleckern und Schmatzen ist recht eigentlich gar nichts. Nach dem Ausbreiten des Handtuches beziehungsweise dem Kampf um einen Handtuchplatz gilt der erste Orientierungsgang immer dem Kiosk. Der Kiosk ist hundertmal wichtiger als das Wasser, man kann einen ganzen Tag im Freibad verbringen, ohne jemals ins Wasser zu gehen, aber nicht, ohne sich an Eis und Pommes gewagt zu haben. Im Hallenbad dagegen – nun, es fängt schon damit an, dass niemand, der bei Trost ist, einen ganzen Tag im Hallenbad verbringt. Im Grunde begründet dieser Umstand den ganzen Unterschied. Im Hallenbad tut man immer etwas (schwimmt womöglich gar), im Freibad tut man nicht unbedingt etwas, im besten Fall sogar nichts.

Das Freibad selbst ist ein Ausflugsziel wie der Wald, die Burg oder der Zoo. Was besichtigt man im Freibad? Die anderen Menschen natürlich. Das Freibad ist der natürliche Ort der Voyeure. Im Freibad wird geguckt und gestaunt. Was es so alles gibt! Es gibt die Dicken mit den krummen Beinen und die Dünnen mit den krummen Beinen, es gibt die Großen mit den kurzen Beinen und die Kleinen mit den langen Beinen, es gibt einfach alles, alle Kombinationen. Der Mensch ist keine standardisierte Züchtung. Und wenn man sich ausgestaunt und ausgeguckt hat, dann wird geschlafen. Es gibt keinen anderen öffentlichen Ort, an dem so viele Leute schlafen wie in einem Freibad. Die einzige Erklärung: Der Lärm fördert den Schlaf.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Es ist natürlich eine ganz bestimmte Form von Lärm. Er ist gemischt aus Kindergeschrei und Grölen, aus Ermahnungen der Mütter, aus den Bekenntnisgesprächen der Teenies ("dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt"), aus den resignierten Einwänden der Väter ("ich war nie dieser Meinung"), mit anderen Worten: Der Lärm entspricht dem Lärmen einer Familie, in deren Schoß man sich geborgen fühlen und also getrost einschlafen kann. Das Leben geht weiter, sagt dieser Lärm. Und über allem weltlichen Getöse ist noch das Rauschen der Baumwipfel, das Flüstern der Blätter, das in Fetzen hinübergewehte Straßengeräusch der Großstadt. Der Wind treibt Wolken über den Himmel, Sonne und Schatten ziehen abwechselnd über den nackten Leib, mal frösteln die Schultern, mal brennt der Bauch. Zum Freibad in unseren Breiten gehört auch, dass man nie sicher sein kann, ob man friert oder schwitzt. Über der Schwierigkeit, die eigene Befindlichkeit abschließend zu bestimmen, schläft man vollends ein.