Zunächst erscheint der Fall hoffnungslos. "Sterben macht der Lieb’ ein End’. Wenn’s im Herzen noch so brennt. Diesen Baum da will ich zieren, mir an ihm den Hals zuschnüren ..." Doch Sekunden bevor der Lebensmüde zum Strick greifen kann, treten drei Knaben an ihn heran: "Halt ein, o Papageno, und sei klug; Man lebt nur einmal, dies sei dir genug." Der Rest ist bekannt: Die Freunde raten zur Charme-Offensive ("So lasse deine Glöckchen klingen"), Vogelfänger Papageno bezirzt erfolgreich seine Papagena, und die Suizidgedanken sind passé.

Die Szene aus Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Zauberflöte ist einer der berühmtesten Fälle von Suizidprävention in der Kulturgeschichte. Und so etwas, sagen Forscher von der Medizinischen Universität Wien, kann manchem suizidgefährdeten Betrachter das Leben retten: Die öffentliche Darstellung einer bewältigten suizidalen Krise senke die Zahl der Suizide. Ein Name für diesen Zusammenhang war schnell gefunden – Papageno-Effekt.

Er ist das Gegenteil des Werther-Effektes, von dem in den vergangenen Wochen angesichts aufeinander folgender Attentate oft die Rede war. Der Zusammenhang zwischen Berichten über Suizide und der Zunahme von Selbsttötungen ist gut belegt. Benannt wurde der Effekt nach dem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe. Als das Werk 1774 erschien, war es zu einer Reihe von Imitationssuiziden gekommen.

Das Gegenmittel, den Papageno-Effekt, entdeckten der Sozialmediziner Thomas Niederkrotenthaler und seine Kollegen durch die Analyse von Zeitungsartikeln. Er suchte nach Zusammenhängen zwischen 500 Zeitungsberichten über vollendete und verhinderte Suizide und den Suizidraten kurz nach den Publikationen.

Zunächst bestätigte sich der Werther-Effekt: Immer dann, wenn grausige Details im Vordergrund standen, wenn die Sensation wichtiger war als die Person, folgten mehr Selbsttötungen. Und vermeintlich neutrale Erklärungsversuche von Experten konnten den Imitationseffekt nicht verhindern. Sie verliehen Sensationsberichten nur falsche Seriosität, meint Niederkrotenthaler. Gleichzeitig erhielten dadurch in den Nachrichten verbreitete falsche Annahmen wie die, dass sich Suizide ohnehin nicht verhindern ließen, noch mehr Gewicht. Eine toxische Mischung.

Ganz anders ist die Wirkung, wenn Journalisten Geschichten erzählen, die der des Papageno ähneln. "Berichte über Personen, die schildern, wie diese mit ihren Suizidgedanken umgegangen sind, wie sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen haben, sind mit einer Senkung der Suizidraten assoziiert", sagt Niederkrotenthaler. Zentral sei, dass diese Menschen, über die berichtet wurde, einen Weg fanden, um ihre schwierige Lebenssituation zu bewältigen oder zumindest zu verbessern.