Neulich im Straßencafé: Die Leute löffeln Eis. Plötzlich klingelt ein Telefon. Es klingt wie die Bomben-Schaltuhr in einem Kinofilm – kurz bevor alles in die Luft fliegt. Die Löffel stoppen vor dem Mund, die Blicke wandern nervös umher. Da krächzt ein älterer Mann: "Es ist nur mein Handy!" Hektisch kramt er in seinem Rucksack. Er schaltet es aus. Allgemeine, peinlich berührte Erleichterung. Eine Frau sagt: "Man weiß ja heute nie: Ist es ein Handy, oder ist es eine Bombe?"

Die Angst ist in Deutschland angekommen: im Einkaufszentrum, im Regionalzug, auf einem Konzert, in der Stadt, in der Provinz, im Alltag. München, Ansbach, Würzburg, Rouen. Selbst die Kirche ist kein angstfreier Raum mehr, seitdem diskutiert wird, was wichtiger ist, Offenheit oder Sicherheit. Im Berliner Dom wurden bereits nach den Pariser Anschlägen die Sicherheitsmaßnahmen erhöht. Wer einen großen Rucksack dabeihat, muss draußen bleiben. Doch natürlich kann man nicht jede Kirche schützen. Wir müssen lernen, mit unserer Angst zu leben. Nur wie?

Natürlich können wir uns verstecken. Einfach nicht mehr rausgehen. Man könnte sich 24 Stunden am Tag auf das Häusliche besinnen, Wittgensteins Werkausgabe in acht Bänden lesen und die Socken unter dem Bett aufsammeln. Nicht auszuhalten wäre das. Ein Kompromiss: Großveranstaltungen meiden. Dann könnte man noch zur Taufe der Nichte, wenn die nicht gerade im Berliner Dom stattfindet. Natürlich kann man so leben. Nur Spaß macht das keinen. Man agiert nicht mehr, sondern reagiert nur noch. Wer seine Angst etwas aktiver bekämpfen will, kann natürlich auch hassen. Hassen ist leicht. Man kann viele Dinge heutzutage hassen, ohne dass es jemanden stört: den IS, Schusswaffen, Donald Trump. Der Hass ist ein starkes Gefühl, so intensiv wie die Liebe. Nur dass Liebe auch ohne Angst möglich ist. Einfach so. Die Liebe macht glücklich, der Hass hässlich. Und am Ende wendet er sich immer gegen einen selbst. Nein, der Hass kann keine Lösung sein.

Erfolgversprechender ist es da schon, dem Hass mit Gleichmut zu begegnen. Wer gleichmütig ist, will sich keine Gefühle aufzwingen lassen, der hat Vertrauen in etwas Höheres, der glaubt an die Macht der Bestimmung. Dieser Umgang mit der Angst gilt als moralisch erstrebenswert – genauso wie die Vergebung. Doch nicht jeder ist zum Gleichmut in der Lage, nicht jeder kann die nötige Schicksalsergebenheit aufbringen. Das muss man auch nicht zwingend. Die Angst kann ein gutes Warnsystem sein, wenn man versteht, sie zu zähmen. Insoweit hätte auch das Rucksackverbot im Berliner Dom seine Berechtigung, sofern sich die Besucher dadurch sicherer fühlen. Selbst wenn sie es vielleicht gar nicht sind. Gefühle wie Angst bekämpft man am effektivsten mit anderen Gefühlen, heißt es manchmal.

Die Vernunft kann helfen, die Gefühle im Zaum zu halten. So sagt uns die Vernunft etwa, dass die Wahrscheinlichkeit, von einem Blitz getroffen zu werden, größer ist als die, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Doch leider ist die Vernunft nicht mächtig, wenn die Angst regiert. Das Hirnareal für die Angst ist uralt. Laut dem Angstforscher Borwin Bandelow befindet sich das Angstsystem des Menschen in etwa auf dem Stand eines Huhnes. Ein Schock setzt es schlagartig in Gang. Deshalb zucken die Deutschen instinktiv zusammen, wenn nach einem Terroranschlag oder Amoklauf ein Handy klingelt, während Statistiken über Verkehrstote sie nicht daran hindern, bei Rot über die Ampel zu gehen. Statistiken sind dem menschlichen Angstsystem zu abstrakt. Terror ist konkret.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die Angst kann aber auch zum Antrieb werden, sich auf eine veränderte Welt neu einzustellen. Nur in Hysterie und Weltuntergangsstimmung darf sie nicht münden. Wenn in Frankreich etwa vom Krieg gegen den Terrorismus gesprochen wird, kann dies zu einer Angst-Hysterie und Hass führen. Als nach den Anschlägen im Bataclan Bilder der Leichen abgedruckt wurden, trug das ebenfalls nicht zur sachlichen Einordnung und damit zur Angstbewältigung bei. Es gab der Angst neue Nahrung. Das tat auch ein Video, das den Amoklauf von München zeigt. Man sieht, wie der Attentäter auf flüchtende Menschen schießt. Da nutzt der Appell an die Zuschauer im Fernsehen nichts, besonnen zu reagieren.

Letztlich aber hat es jeder selbst in der Hand, zu entscheiden, wie viel Macht die Angst über ihn hat. Denn man hat nie einfach nur Angst. Man entscheidet sich oft genug auch für sie und sucht immer wieder nach einer Bestätigung der eigenen Ängste. Doch selbst dann nutzt sich die Angst ab. Denn das wirksamste Mittel gegen die Angst ist nicht die Vernunft und nicht der Gleichmut. Es ist die Gewöhnung. Das lässt sich jeden Tag in Israel beobachten. Trotz einer ständigen Terrorbedrohung gehen die Menschen ins Café, essen Eis, stören sich an keinem klingelnden Handy. Am Ende hält der Mensch vieles aus. Selbst die Angst.