Lohnt es sich, für eine mathematische Formel zu streiten? Ja, denn sie schützt uns vor Männern wie Sigmar Gabriel (56), Horst Seehofer (67) und Frank Bsirske (64). Die Parteichefs von SPD respektive CSU und der Vorsitzende der Gewerkschaft ver.di wollen die Rente zum Wahlkampfthema machen. Genauer: Sie wollen den 20 Millionen Rentnern in Deutschland (und jenen, die es bald werden) ein Wahlkampfgeschenk machen. Das Rentenniveau, so fordern es die drei, dürfe nicht weiter sinken. Es müsse, so formuliert es Sigmar Gabriel, "stabilisiert" werden.

Das klingt nach einem ehrenwerten, vernünftigen Anliegen. Tatsächlich ist es das Gegenteil. Die drei Männer wollen einen ausgeklügelten, wohldurchdachten Pakt zwischen den Generationen aufkündigen. Der Gesetzgeber hat diesen Pakt im Sozialgesetzbuch VI, Paragraf 68, Absatz 5 verankert. Mehr Mathematik in einem deutschen Gesetz wird man so schnell nicht finden. Es ist eine schöne Gleichung, die dort steht. Weil sie die Gerechtigkeit zwischen den Generationen konkret macht und auf eine Formel verdichtet.

Mit der Rentenanpassungsformel berechnet der Staat, wie stark die Renten jedes Jahr angehoben werden. Ausgegangen wird dabei von der Entwicklung der Löhne. Steigen sie, steigen auch die Renten. Das ist die Lohnkomponente. Es gibt aber noch zwei weitere Faktoren. Seit 2001 sorgt der Riester-Faktor dafür, dass die Renten etwas weniger stark steigen, weil die Nichtrentner ja auch noch privat vorsorgen sollen und dadurch zusätzlich belastet werden. Entscheidender aber ist der 2005 eingeführte Nachhaltigkeitsfaktor. Er bezieht das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentnern in die Gleichung ein. Je mehr Rentner auf einen Beitragszahler kommen, desto weniger stark steigen die Renten. Das ist vernünftig. Ansonsten würde die demografische Entwicklung dazu führen, dass die arbeitende Bevölkerung von immer höheren Abgaben erdrückt würde.

Der Nachhaltigkeitsfaktor hat bewirkt, dass das Rentenniveau von 52,6 Prozent in 2005 auf 47,9 Prozent des Durchschnittsgehalts in 2016 gesunken ist. Und es wird weiter sinken, auf voraussichtlich 44 Prozent in 2030. Das ist keine überraschende Entwicklung, sondern war vorhersehbar und politisch genau so gewollt. Jetzt so zu tun, als sei da plötzlich etwas dramatisch ins Bröckeln geraten, das nun "stabilisiert" werden müsse, ist nicht nur ziemlich albern. Es ist gefährlich. Zumal die Rentner heute nicht weniger Geld bekommen als die Rentner 2005. Denn zwischenzeitlich ist das Durchschnittsgehalt ordentlich gestiegen, was sich auch in der Rente bemerkbar macht. Das vergessen die Politiker nur gern zu erwähnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Das Prognos-Institut hat für den Spiegel errechnet, was es kosten würde, das Rentenniveau auf dem heutigen Stand einzufrieren und nicht weiter sinken zu lassen. Das Ergebnis: Bis zum Jahr 2040 wären es fast 600 Milliarden Euro. Es geht also nicht um ein paar Euro mehr oder weniger. Es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft. Und um die Frage, wie viel die Jungen sich von den Alten gefallen lassen. Niemand trägt Schuld daran, dass immer mehr Ältere auf immer weniger Jüngere kommen. (Wenn überhaupt, dann haben die Älteren Schuld.) Aber wenn die Überzahl der Älteren dazu führen würde, dass sie ihre Mehrheit missbrauchen, um ihre Interessen auf Kosten der Jüngeren durchzusetzen, dann wäre es an der Zeit, dagegen aufzubegehren.

Eine schlichte Formel kann eine solche Eskalation verhindern, weil ihr Automatismus gegen populistische Forderungen immunisiert. Deshalb ist es so wichtig, dass sie unangetastet bleibt.