DIE ZEIT: Professor Heilmann, der chinesische Konzern Midea steht kurz davor, den deutschen Roboterbauer Kuka komplett zu schlucken. Doch das Wirtschaftsministerium erklärt, es werde die Übernahme womöglich auf seine Vereinbarkeit mit dem Außenwirtschaftsgesetz prüfen. Stoppt Sigmar Gabriel den Deal in letzter Minute?

Sebastian Heilmann: Nein. Dazu fehlen die Instrumente im Außenwirtschaftsgesetz. Das Wirtschaftsministerium kann allenfalls bemängeln, dass Kuka-Roboter auch in der Rüstungsproduktion eingesetzt werden – weil das Fragen der Sicherheit Deutschlands betreffen kann. Gabriel hat aber recht, wenn er die Kuka-Übernahme zum Anlass nimmt, die Prüfinstrumente gegenüber staatlich gelenkten Investitionen zu schärfen. Nur so können wir einen systematischen Ausverkauf von Industrietechnologien an China verhindern.

ZEIT: Niemand zwingt die Kuka-Aktionäre zu verkaufen. Wieso muss da der Staat eingreifen?

Heilmann: Während ausländischen Investoren in China zentrale Zukunftsbranchen verschlossen bleiben, betreibt die Regierung in Peking groß angelegte Förder- und Finanzierungsprogramme: mit dem Ziel, ausländische Technologieführer aufzukaufen und chinesische Kontrolle über die wichtigsten Industrietechnologien zu erlangen.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Heilmann: Vergangenes Jahr hat Peking das Programm "Made in China 2025" verabschiedet. Bis 2025 soll die Volksrepublik eine führende Rolle in Hochtechnologiemärkten erobern, etwa bei Robotik, künstlicher Intelligenz, Luft- und Raumfahrt, Elektromobilität oder gentechnisch hergestellten Medikamenten. Wollen wir zuschauen, wie Hochtechnologie aus Deutschland und Europa per Regierungsprogramm abgezogen wird?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

ZEIT: China ist doch noch oft weit hinten dran.

Heilmann: Eben. Das Land kann mit eigenen Kräften die führende Rolle nicht schnell genug erreichen. Daher streben Regierung und Industrie ein "Leap-Frogging" an: Sie überspringen Entwicklungsstufen, indem sie ausländisches Know-how übernehmen. "Made in China 2025" lässt sich als staatlich verordnete Einkaufsliste lesen.

ZEIT: Aber Kuka wird von einer privaten Firma gekauft.

Heilmann: Stimmt. Doch in vielen anderen Fällen treten Staatskonzerne als Kaufinteressenten auf, zum Beispiel der Chemieriese ChemChina beim Spezialmaschinenhersteller Krauss-Maffei und beim Kohlefaserspezialisten SGL Carbon oder Shanghai Electric beim Maschinenbauer Manz.