Es geht los! Acht deutsche Filme haben sich in diesem Jahr darum beworben, am Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film teilzunehmen, allein fünf davon beschäftigen sich mit der deutschen Geschichte: die Hitler-Wiedergänger-Komödie Er ist wieder da von David Wnendt, Kai Wessels Nebel im August über Euthanasie in der Nazizeit, Hans Steinbichlers Verfilmung von Das Tagebuch der Anne Frank, Lars Kraumes Der Staat gegen Fritz Bauer über die Vorgeschichte der 1963 beginnenden Auschwitz-Prozesse und Maria Schraders Film Vor der Morgenröte über das Exil des Schriftstellers Stefan Zweig.

Den endgültigen Kandidaten für eine Oscarnominierung wird eine Kommission der Branchenvertretung German Films auswählen und am 24. August verkünden. Die thematische Ballung hat eine gewisse Logik. Schließlich kreist auch ein Großteil der Filme, die es bisher zu einer Nominierung schafften, um deutsche Totalitarismen. Genauso wie die drei Filme, die den Oscar schließlich gewannen (Die Blechtrommel, Nirgendwo in Afrika, Das Leben der Anderen).

Zwei der diesjährigen Oscarbewerber umgehen das Kostümghetto und entwickeln eine Gegenwärtigkeit, die hinausweist über die Zeit, in der sie spielen: Lars Kraumes Politthriller Der Staat gegen Fritz Bauer führt vor Augen, auf welch eine brutale Mischung aus Ignoranz, Verdrängung und Schweigegeboten die Aufarbeitung der Naziverbrechen in der jungen Bundesrepublik stieß. Maria Schraders Vor der Morgenröte ist die feinsinnige Skizze eines im Exil verlorenen Menschen. Nach und nach wird der Film über den Schriftsteller Stefan Zweig zu einer zeitlosen – und unaufdringlich aktuellen – Betrachtung von Entwurzelung und Heimatlosigkeit.

Und doch wär’s mal etwas anderes, wenn ein Film zur Oscarverleihung nach Los Angeles reisen würde, der von der deutschen Gegenwart erzählt und die deutsche Vergangenheit in sich trägt. Ein Film, der eine vollkommen andere Tonlage anschlägt: In Toni Erdmann von Maren Ade spielt ein Vater Komödie, um seine Tochter zurückzugewinnen – mit Zottelperücke und falschem Gebiss. In der Kunstfigur des Toni Erdmann steckt die Melancholie eines Mannes, der sich einst in der Auseinandersetzung mit der Generation der Täter politisiert hat. In ebendieser Politisierung ist er aber auch stecken geblieben – während seine Tochter sich in die entpolitisierten Gefilde der Unternehmensberatung entzogen hat. Das Ringen der beiden um Nähe und Distanz wird zu einer absurden, frivolen, slapstickhaften, humanistischen Komödie. Auf vielleicht unbewusste Weise knüpft Maren Ade an eine deutsche Komödientradition an, die von den Nazis abgeschnitten und von den jüdischen Kino-Emigranten nach Hollywood gebracht wurde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Dass Toni Erdmann auf den vergangenen Filmfestspielen von Cannes wie eine komödiantische Erlösung gefeiert wurde, zeigt, dass der Film etwas Fundamentales berührt: die Entfremdung von Eltern und Kindern und die damit einhergehende, fast jedem vertraute Sehnsucht, diese Entfremdung zu überwinden.

Ganz nebenbei sprengt Maren Ades Film das Bild, das die Welt sich vom deutschen Kino macht. Er könnte auch das Bild sprengen, das der Oscar sich bisher vom deutschen Kino gemacht hat.