Eine amerikanische Universität bietet jetzt einen Master in Männlichkeit an. Braucht man den?

Michael Kimmel erzählt oft von der Talkshow, in die er vor ein paar Jahren eingeladen war. Außer ihm saßen vier Männer im Studio der US-Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey. Sie alle hatten das Gefühl, in der Arbeitswelt benachteiligt zu werden. Die einen behaupteten, dass sie bei Bewerbungen aussortiert worden seien, die anderen fühlten sich bei Beförderungen übergangen. Der Titel der Show lautete: "Eine schwarze Frau hat meinen Job geklaut". Als Michael Kimmel an die Reihe kam, fragte er die Männer: "Wie kommt ihr darauf, dass es euer Job gewesen wäre?"

Für das, was die Männer in der Sendung beklagten, hat der Soziologe Kimmel einen Fachausdruck: "aggrieved entitlement", "beschädigter Anspruch". Männer hielten ihre gesellschaftlichen Privilegien für normal und wollten, dass sie weiter bestünden, sagt Kimmel. Doch dieser Anspruch werde beschädigt unter anderem dadurch, dass immer mehr Frauen beruflichen Erfolg haben und so eine Konkurrenz darstellen.

Kimmel ist mit dem Phänomen vertraut. Er ist einer der bekanntesten Männlichkeitsforscher der USA. Dabei gibt es diese Disziplin gar nicht richtig. In den siebziger Jahren entstanden im Zusammenhang mit der neuen Frauenbewegung die Women’s Studies, eine feministisch geprägte Frauenforschung, die sich zunächst in den USA, dann in Europa entwickelte. Daraus wurden später die Genderstudies, die in Deutschland erstmals in den neunziger Jahren eine autonome Disziplin bildeten. Für Männlichkeitsforschung aber gibt es bis heute weltweit keinen eigenständigen Studiengang.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Das wollte Kimmel ändern. Und als Soziologieprofessor an der Stony-Brook-Universität in New York hat er die Möglichkeiten dazu. Seit Jahren unterrichtet Kimmel im Bereich Genderstudies, doch seit Kurzem lehrt er auch in einem Masterstudiengang für "Studien von Männern und Männlichkeiten". In zwei, drei Jahren soll es die ersten Absolventen geben.

Es scheint der richtige Zeitpunkt zu sein. Denn die aggressiven Männer sitzen nicht nur in der Talkshow. Niemand weiß das besser als Kimmel, der nach der Sendung ein Buch geschrieben hatte mit dem Titel: Angry White Men – Die USA und ihre zornigen Männer. Das Werk erschien 2013, zwei Jahre später auch in Deutschland. Es handelt von weißen Männern aus der Arbeiterklasse, die einst die Mitte der Gesellschaft bildeten, sich durch die Globalisierung aber an deren Rändern wiederfinden – und darauf mit Wut reagieren. Die richtet sich vor allem gegen Minderheiten und Frauen. Es sind jene Männer, die sich über Toiletten für Transsexuelle aufregen und über "Feminazis" schimpfen. In den letzten Monaten drängen sie mit voller Wucht auf die politische Bühne, in Gestalt des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Der wirft lustvoll mit sexistischen und rassistischen Bemerkungen um sich und wird dafür von ebendiesen Männern gefeiert. In der Wählergruppe der weißen Männer ohne Collegeabschluss liegt er nach letzten Umfragen 37 Prozentpunkte vor seiner Gegenkandidatin Hillary Clinton.

Von Wut ist an der Stony-Brook-Universität nicht viel zu spüren. Ruhig und abgeschieden steht sie auf Long Island, zwei Stunden Zugfahrt von Manhattan entfernt. Eine Ansammlung von Gebäuden, umgeben von Landschaftsschutzgebieten. Etwa 20 Studenten sitzen dort in einem unscheinbaren Raum mit Neonröhren. Sie sind deutlich älter als der Durchschnitt auf dem Campus, die meisten sind Doktoranden. Junge Männer in Jeans und Karohemden, junge Frauen in Röhrenjeans oder Schlabberpullis.

"Soziologie des Geschlechts" lautet der Titel des Seminars. Kimmel gibt einen historischen Überblick. Immer wieder hätten Menschen sich auf die Biologie berufen, um das, was sie ablehnten, als "unnatürlich" abzuwerten. Kimmel erzählt vom Harvard-Medizinprofessor Edward Clarke, der im Jahr 1873 in seinem Buch Geschlecht und Bildung schrieb, dass Frauen nicht an Universitäten gehörten. Wenn sie zu viel lernten, würde ihr Blut von der Gebärmutter in den Kopf umgeleitet; Unfruchtbarkeit sei die Folge. Das Buch wurde ein Bestseller – "Sexismus, getarnt als Wissenschaft", sagt Kimmel. Er zeigt auch auf, wie Clarkes Thesen bis heute nachwirken. Etwa in einem Militärcollege in Virginia, das noch 1996 behauptete, Frauen seien den Anforderungen der Ausbildung körperlich und psychisch nicht gewachsen – der Oberste Gerichtshof widersprach.

Der klassische Mann ist in der Krise – und viele sehnen sich nach der guten alten Zeit

Die Studenten unterbrechen Kimmel, ergänzen ihn, geben Kontra. Eine junge Frau beginnt ihren Beitrag mit den Worten: "Ich als Feministin ..." Das wäre nicht nötig gewesen. Die Studierenden sind sich einig, dass sie althergebrachte Rollenbilder ablehnen. Michael Kimmel erklärt seit Jahren auf Konferenzen und in TED-Talks, warum Gleichberechtigung gut für beide Geschlechter ist.

Männer "resozialisieren"

In Kimmels Seminar geht es um Hetero- und Homosexualität, um Männer und Frauen. Genderstudies eben. Der Fachbereich ist groß und bot Studierenden schon vor dem Männlichkeitsmaster Seminare zu diesem Thema. Bleibt die Frage, warum es überhaupt eine eigene Männlichkeitsforschung braucht? Michael Kimmel sagt, er wolle mit seinem Programm die vorhandenen Inhalte ausbauen und aufwerten. Dabei ist ihm wichtig, Identitäten zu berücksichtigen, die mit dem Geschlecht überlappen: Alter, Rasse, Religion, Sexualität und soziale Herkunft. Deshalb sprechen Kimmel und die Studenten von masculinities, also "Männlichkeiten" – im Plural. Dieser sogenannte intersektionale Ansatz ist typisch für die aktuelle Genderforschung. Die konkreten Themen in Kimmels Seminaren sind vielfältig. Es kann um spezifisch männliche Gesundheitsrisiken wie Suizid und Autounfälle gehen. Aber auch Kernthemen der Männlichkeit werden diskutiert: Wie werden Jungs zu Männern? Welche Rollenbilder werden in Filmen und Popkultur vermittelt?

Schon im Kindergarten greifen Erzieherinnen ein, wenn Jungen miteinander raufen

Es sind solche Themen, bei denen deutlich wird, dass dieser Master mehr ist als nur ein exotisches Anhängsel für das Soziologiestudium. Denn der klassische Mann ist in der Krise. Früher reichte eine Handvoll Filme, damit Jungs begriffen, was ihn ausmacht: Er ist ein Held, der die Bösen besiegt und das Mädchen rettet. Doch die meisten Mädchen wollen sich nicht mehr retten lassen.

Schon im Kindergarten wird Jungen von ihren Erzieherinnen das Raufen untersagt, in der Schule und der Universität machen sie die schlechteren Abschlüsse. Und dann steigen noch die Anforderungen ans Mannsein: Er soll sich um die Kinder kümmern und Karriere machen, ein guter Liebhaber und ein guter Zuhörer sein, intellektuell und handfest zugleich. Viele Männer sehnen sich nach Orientierung – oder gleich nach den guten alten Zeiten, Stichwort Trump.

Çağlar Çetin-Ayşe kann mit den guten alten Zeiten nichts anfangen. Der 29-Jährige trägt lange Haare und Brille. Çetin-Ayşe ist Filmemacher. Eigentlich. Doch während seines Studiums begann er, die Männer um sich herum infrage zu stellen. Er wollte nicht leben wie seine Eltern; die Mutter ist Hausfrau und versorgte ganz selbstverständlich den Vater und die Kinder. "Eine Zeit lang bin ich herumgelaufen und habe verkündet: Ich bin kein Mann", sagt Çetin-Ayşe und grinst. "Aber das ist natürlich Quatsch. Ich bin ja Teil der Gesellschaft, die ich kritisiere. Und vielleicht habe ich auch schon mal meine Freundin bevormundet oder ihr gegenüber Gewalt angewendet; nicht physisch, aber psychisch."

Çağlar Çetin-Ayşe hat in Istanbul eine Männergruppe gegründet, um ein Bewusstsein für bestimmte Themen zu schaffen: Gewalt gegen Frauen, Geschlechterstereotype und alternative Rollenbilder. Sogar seinen Namen hat er geändert. Den Vornamen seiner Mutter, Ayşe, hat er seinem Nachnamen hinzugefügt, um sich zu wehren "gegen ein Patriarchat, das Frauen unsichtbar macht". Und er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Warum gab es keine männlichen Künstler?". Mit der ironischen Umkehrung will er auf die Unterschiede hinweisen: Es gibt Sammelbände über Komponistinnen oder Künstlerinnen. Aber es käme wohl niemand auf die Idee, ein Buch über "männliche Künstler" herauszubringen.

Çetin-Ayşe bewegt sich mit seiner Arbeit an der Schnittstelle von Wissenschaft und Aktivismus. Das ist vielleicht typisch für die Männlichkeitsforschung. "Neutrale" Soziologen, die zu Geschlechterthemen forschen, gibt es kaum. Die Männlichkeitsforschung hat sich aus der Männergruppenszene entwickelt, die in den USA und Europa in den siebziger Jahren entstand. Verunsichert von den Veränderungen der Frauen, trafen sich Männer zu Gesprächen und Selbsthilfe. Man war sich einig, dass man das Patriarchat ablehnte und nach anderen Wegen suchte.

Doch während in den USA und Großbritannien schon Ende der siebziger Jahre die Men’s Studies begründet wurden, gab es in Deutschland lange Zeit nur populärwissenschaftliche Literatur. Das änderte sich erst 1996, als der Sammelband Kritische Männerforschung eine erste wissenschaftliche Bestandsaufnahme lieferte. Bis heute spielt Männlichkeitsforschung in den deutschen Genderstudies aber nur eine randständige Rolle. Es gibt zwar mittlerweile viele Publikationen, aber an den Universitäten ist Männlichkeitsforschung nicht institutionell verankert. Es hängt von den Interessen der Lehrenden ab, ob Seminare zum Thema angeboten werden.

Sylka Scholz, eine renommierte Männlichkeitsforscherin und Direktorin des Soziologieinstituts an der Universität Jena, sagt: "Der empirische Fokus liegt in den Genderstudies immer noch häufig auf den Frauen, es wäre gut, auch Schwerpunkte zur Männlichkeitsforschung einzurichten." Einen eigenen Studiengang hält sie aber nicht für sinnvoll. Es sei fraglich, wofür die Studierenden genau qualifiziert würden. "Wenn man etwa Biografien von Männern erforscht, muss man diese in Relation zum Geschlechterverhältnis setzen und auch die Beziehungen zu Frauen berücksichtigen", sagt sie. "Aus meiner Sicht ist es wichtig, Männlichkeitsforschung in die Geschlechterforschung einzubetten."

Auch in Michael Kimmels Seminar sind nicht alle davon überzeugt, dass man Männlichkeitsforschung als eigenständiges Fach braucht. Soziologiestudent Andrew Hargrove etwa ist zwar ein Anhänger der neuen Männerbewegung und möchte Männer "resozialisieren". Aber ob das in einem eigenen Studiengang geschieht oder innerhalb der Genderstudies, ist ihm egal. Çağlar Çetin-Ayşe hingegen ist überzeugt, dass Männlichkeitsforschung wichtig ist. Nachdem er seine Promotion abgeschlossen hat, will er mit dem neu erworbenen Wissen zurück in die Türkei ziehen. Nur eine Sache lässt ihm keine Ruhe: Für seine Zeit in den USA hat er ein begehrtes Fulbright-Stipendium bekommen. Weil Männlichkeitsforschung exotisch sei, glaubt er. Dass eine weibliche Bewerberin mit einem feministischen Thema ebenso gute Chancen gehabt hätte – Çağlar Çetin-Ayşe bezweifelt es.