Dripbar heißt die Spelunke gegenüber der St.-Pauli-Kirche – ein kuscheliges, dunkles, ganz normales Etablissement auf St. Pauli, sollte man meinen. Doch dann sind da diese Apparaturen hinter der Bar, sie erinnern an ein viktorianisches Labor: bauchige Glasbehälter mit schmaler Taille, durch die dunkle Flüssigkeiten tropfen. Na klar, erklärt der Barmann Christian Janzen, das sei ja das Konzept! "Slow Drip" heißt es, und es bedeutet: Oben kommt die gewählte Spirituose rein, in der Mitte ist ein Filter, in dem ein exotisches Kraut oder ein aromatisches Gemüse sitzt – und unten kommt der Drink raus.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 34 vom 11.8. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Ich hab da heute zum Beispiel einen Bombay East Gin, den lass ich 17 Stunden lang über marokkanische Minze, Grapefruit-Zeste und Kardamom drippen", sagt Janzen. Man muss aber nicht 17 Stunden in der Dripbar sitzen, bis der Drink fertig ist – Janzen lässt es tagsüber tröpfeln und stellt den speziellen Gin Tonic (9 Euro) pronto auf den Tisch. Gut, dass er das Tonic Water nicht gleich beigemischt hat. So lässt sich kosten, was das Verfahren mit dem Gin angestellt hat. Tatsächlich, er schmeckt minzig und fruchtig – eigentlich viel zu schade, die so kunstvoll kreierte Aroma-Spirituose mit der Bitterlimonade zu verschneiden.

Slow Drip ist ursprünglich ein Verfahren, das der Kaffeezubereitung dient. Wenn man Tröpfchen für Tröpfchen Wasser durch Kaffeepulver filtert, entsteht ein Kaffee, der fast frei von Koffein und Bitterstoffen ist. Warum in aller Welt, so möchte man als Bürokaffee-Gewohnheitstier fragen, muss man erst eine koffeinhaltige Bohne aufwendig verarbeiten, um ihr dann das Koffein wieder aufwendig zu entziehen? Aber so ist es mit allen Produkten, die das Hipstertum in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat: Wegen ihrer Vernarrtheit ins Handwerkliche kann man sie inbrünstig lieben oder zutiefst verachten. In einer Zeit, in der Menschen alle 30 Sekunden ihr Smartphone checken, ihr Fitnessprogramm auf die 20-minütige Mittagspause konzentrieren und alle anderthalb Jahre den Job wechseln: Ist es da nicht geradezu obszön, diesen Menschen Drinks zu servieren, die durch stundenlanges Tröpfeln entstehen? Wäre nicht Druckbetankung angebrachter?

All das denkt man, versonnen vor der Dripbar sitzend, während der Barmann das nächste Glas hinstellt: Churchill’s Breakfast (9 Euro). Er basiert auf Cold-Drip-Kaffee und kombiniert Rye Whiskey mit Angostura, Zimt und Ahornsirup. Schmeckt schwer und süß und leicht rauchig. Kein Wunder, sagt der Barkeeper, er habe eine Zimtstange angezündet und das Glas darübergestülpt. Achtjähriger Rum, der über Earl-Grey-Tee gedript wird, Wodka, der über Rote Bete läuft, Bourbon über Eichenspäne geträufelt: Alle Kombinationen in der Dripbar sind Eigenkreationen.

Es sollen japanische Kaffeeköche gewesen sein, die den Slow Drip erfunden haben. Wie daraus eine Technik für alkoholische Mixgetränke geworden ist, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Christian Janzen ist sich sicher, dass er selbst drauf gekommen ist. Zwischen den Jahren war’s, als er mit seiner Slow-Drip-Kaffeemaschine herumexperimentierte und zum ersten Mal einen Rye Whiskey über Spekulatius hat laufen lassen. "Das gibt’s aber hier nur als Weihnachts-Special", sagt er.

Wenn der Zeitgeist erst aus der Flasche ist, dann geistert er in vielen Köpfen. Auch in der neu eröffneten Bar The Rabbithole in der Kleinen Freiheit 42, dort, wo ein paar Jahre lang das Kultwerk West zu Debatten einlud, steht eine Slow-Drip-Anlage. Das Rabbithole ist mehr Cocktailbar als Kiezkneipe. Es gibt ein Separee, in dem eine ausgelassene Frauenschar Geburtstagslieder singt, während die Bar-Chefin Getränke erklärt. Auch Constanze Ley hat sich die Slow-Drip-Drinks nach eigenem Bekunden persönlich ausgedacht. Sie lässt Pisco, ein Destillat aus Traubenmost, über Hibiskus laufen, zupft ein wenig Thymian aus dem Topf über der Bar und macht mit Grapefruit und Limette daraus einen herrlich rosafarbenen Drink namens La Primavera (9 Euro). Oder sie lässt Rum auf Rooibos tröpfeln. Daraus wird Rooibos Old Fashioned (10 Euro) inklusive Bitters, Zucker und Vanille. Falls es an Gesprächsthemen mangelt: Slow Drip bietet auch Anlass zur Konversation. "Schmeckst du den Rooibos wirklich?", oder: "Hihi, riech mal am Thymian, das überlagert so witzig den Hibiskus."

In den Achtzigern stand der Begriff "serious drinking" in Hamburg dafür, mit einer Knolle Astra über Deleuze und Diskurspop zu debattieren. Heute braucht es keine Themen mehr – es reicht, zu schmecken, was ertropft wurde. Danke, liebe Hipster, äh, Dripster!