Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Im Film Das Leben der Anderen geht es um die Gemütslage und späte Reue des Stasi-Hauptmanns Gerd Wiesler, der 1984 in der DDR einen Künstler abhörte. Beim Blick auf ein Dokument, das mir kürzlich mein Anwalt brachte, stand mir dieser Film wieder vor Augen: eine Anordnung zum Lauschangriff mit Datum vom 2. August 2013. Das Telefon "einer Person namens Can" sollte abgehört und seine Mails sollten mitgelesen werden. Die Polizei argwöhnte, ich könnte "Unruhe im Land stiften und Aktionen gegen die verfassungsgemäße Ordnung" planen, da ich "Mitglied einer Terrororganisation" sei. Mein Telefon abzuhören sei nötig, um "die hierarchische Struktur der Organisation zu entschlüsseln und ihre Aktivitäten aufzudecken". Der Richter hatte der Forderung des Staatsanwalts, mich drei Monate lang zu belauschen, entsprochen, anschließend war die Anordnung wiederholt erneuert worden.

Ich weiß nicht, wie lange sie mich abhörten, auch nicht, ob sie es heute noch tun. Was ich weiß, ist, dass die Erstanordnung zum Lauschangriff in den Sommer fiel, in dem die Gezi-Proteste ihren Ausgang nahmen. Im Juni vor drei Jahren hatte ich den Protest, der mit dem Widerstand gegen den Abbruch des Gezi-Parks am Istanbuler Taksim-Platz begonnen und sich in kürzester Zeit über das ganze Land ausgedehnt hatte, als Journalist beobachtet und unterstützt.

Unter dem Dokument stand der Name des Richters, der den Lauschangriff angeordnet hatte. Der Name kam mir bekannt vor, doch woher nur? Es riss mich vom Stuhl, als es mir einfiel: Er war mein Nachbar in der Haftanstalt Silivri, wo ich jüngst drei Monate, von November bis Februar, einsaß. Ich hatte ihn nie zu Gesicht bekommen, das war verboten. Doch jedes Mal, wenn ich an seiner Tür vorbeiging, las ich seinen Namen.

Der Richter, der angeordnet hatte, dass ich abgehört werde, weil ich angeblich ein Organisationsmitglied sei, war mein Zellennachbar. Er war mittlerweile selbst verhaftet worden wegen des Vorwurfs, Mitglied der Organisation zu sein. Bei der Organisation, deren Mitglied er sein sollte, handelt es sich um die Gülen-Bewegung, die als Drahtzieher des Umsturzversuchs vom 15. Juli ausgemacht wurde. Ursprünglich hatte die Regierung behauptet, diese Bewegung stecke auch hinter den Gezi-Protesten. Der Richter, der die Organisation verfolgte, die mich angeblich zum Aufstand anstachelte, saß nun wegen Mitgliedschaft in ebendieser Organisation selbst hinter Gittern.

Die Gülen-Leute bilden eine religiöse Bewegung, die sich seit vierzig Jahren in Justiz, Polizei, Bürokratie und Medien festsetzt. Wir warnen seit Jahren vor der Gefahr, die eine solche religiöse Struktur innerhalb des Staates darstellt. Doch die Bewegung hatte stets die Regierung hinter sich. Nicht die Bewegung, sondern die Mahner wurden verklagt. In Gülen-nahen Medien wurden sie zur Zielscheibe gemacht, von Gülen-treuen Staatsanwälten verhaftet, von Gülen-nahen Richtern verurteilt anhand von Indizien, die Gülen-treue Polizisten fingiert hatten. Mit dem aus dem Erfolg dieser Operationen bezogenen Selbstvertrauen wuchs die Bewegung auf unkontrollierbare Ausmaße an. Zuerst machte sie ein ungeheures Abhör-Archiv publik: Die dickste Korruptionsakte in der Geschichte der Türkei tauchte auf. Als das nicht zu Erdoğans Sturz reichte, wurde der eigene Flügel in der Armee in Bewegung gesetzt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Nun steht Erdoğan der Bewegung, die er jahrelang großzog, feindseliger gegenüber als wir. Und wer ist als erster Unterstützer zur Stelle, wenn ihre Zeitungen ungesetzlich gestürmt werden? Selbstverständlich wir, die wir die Zielscheibe ebendieser Medien der Gülen-Bewegung gewesen waren. Abermals fällt es uns zu, dafür einzutreten, dass jene, die derart gegen die Gesetze verstießen, nun ihrerseits ein faires Verfahren bekommen. Denn so erfordert es unser Verständnis von Demokratie. Die Regierung hingegen interpretiert unsere Prinzipientreue auf ihre Weise: Sie stellt die Personen, die jahrelang gegen die Bewegung kämpften, jetzt als deren Unterstützer dar.

In der Geschichte, die ich hier erzähle, steckt das Dilemma eines Autors, der erst Opfer der Bewegung war und nun bezichtigt wird, ihr Verbündeter zu sein.

Als ich das eingangs erwähnte Dokument betrachtete, dachte ich an meinen persönlichen Gerd Wiesler. Was mag er in der Zelle über den Lauschangriff denken, den er einst gegen seinen späteren Nachbarn anordnete? Hatte er meine Telefongespräche abgehört, musste er mich so gut kennen wie ich mich selbst. Ist er wohl heute von meiner Unschuld überzeugt und bereut wie der Hauptmann im Film? Schämt er sich als Jurist der Unrechtsmaßnahme, die er angeordnet hatte, bevor sich die Zeiten wendeten und er sie am eigenen Leib zu spüren bekam?

Die eigentliche Frage aber lautet: Werden am Ende des Films, wenn die Mauern der Repression in der Türkei niedergerissen und die Archive zugänglich gemacht sind, auch wir unsere Abhörprotokolle lesen und bitter lächeln können?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe