ZEIT: Interessiert Ihre neuen Talente – neben Dembélé Mikel Merino, Emre Mor und Raphaël Guerreiro – denn das Umfeld, in dem sie spielen?

Watzke: Wir haben einen Mitarbeiter, der sich intensiv um diese Spieler kümmert. Dazu gehört explizit, ihnen die Seele des BVB näherzubringen: Er besucht mit ihnen die historischen Orte des Vereins, erklärt ihnen das Ruhrgebiet. Uns ist es extrem wichtig, dass die Jungs verstehen, welche Bedeutung der Fußball für die Region hat, mit welchem Selbstverständnis wir als Verein agieren.

ZEIT: Sie haben in den vergangenen Jahren Spieler zurückgeholt, die anderswo gescheitert sind: Nuri Şahin bei Real Madrid, Shinji Kagawa bei Manchester United. Jetzt kommt Mario Götze zurück. Wie fällt Ihre bisherige Bilanz dieses Konzepts aus?

Watzke: Es ist keine Schande, sich bei so erzkapitalistischen Clubs wie Real und ManU, bei denen der Konkurrenzkampf extrem und der Gemeinschaftsgedanke womöglich nicht so ausgeprägt ist wie bei uns, schwerzutun. Die beiden zurückzuholen war kein Fehler. Vielleicht ist es eher ein Fehler, uns zu verlassen. Fragen Sie mal Henrich Mchitarjan: Die ersten 93 Minuten des englischen Supercups durfte er sich gerade von draußen angucken.

ZEIT: Der BVB gilt nicht nur als einziger Herausforderer der Bayern, er muss die Liga auch wieder spannend machen, sie retten. Ängstigt Sie das?

Watzke: Wer erwartet das denn?

ZEIT: Die Medien, die Fans und Menschen, die gern spannenden Fußball sehen.

Watzke: Den Eindruck habe ich nicht. Und diese Erwartung wäre auch Quatsch. Ich verstehe, dass jeder Lust auf die Bayernjagd hat. Aber das kann man nicht von uns erwarten. Der Gehaltsunterschied zwischen Bayern und Dortmund beträgt 80 Millionen Euro im Jahr. Eine Chance haben wir nur, wenn die Bayern schwächeln. Leider tun sie das aber seit Jahren nicht.

ZEIT: Die Botschaft lautet also: Tut uns leid – es bleibt so langweilig?

Watzke: Die Bayern haben in den vergangenen 50 Jahren nachhaltig daran gearbeitet, so stark zu werden, wie sie heute sind. Wir arbeiten nun zehn, elf Jahre hart daran. Wir sollten uns also in 30 Jahren wieder treffen – und dann sehen wir, ob wir die Bayern auf Augenhöhe herausfordern können.

ZEIT: Auch international scheinen die Machtverhältnisse zementiert: Die immer gleichen fünf Mannschaften machen den Champions-League-Sieg unter sich aus. Was muss passieren, damit ein Verein wie der BVB in dieser Spitzengruppe mithalten kann?

Watzke: Man kann sich einen chinesischen Investor holen, so wie Atlético Madrid. Diesen Weg werden wir aber nicht gehen. Uns bleibt nur der mühsame Weg: in den nächsten zehn Jahren aus eigener Kraft so zu wachsen, wie es uns in den vergangenen zehn gelungen ist. Seit 2006 haben wir unseren Umsatz um rund 500 Prozent gesteigert. Damals machten die Bayern 300 Millionen Euro Umsatz und wir 75. Jetzt kratzen wir an der 400-Millionen-Grenze – die Bayern sind aber schon bei 600 Millionen. Der Unterschied ist also weiterhin groß.

ZEIT: Im Herbst will Uli Hoeneß wieder Bayern-Präsident werden. Was halten Sie davon?

Watzke: Ich freue mich für ihn persönlich, aber alles Weitere ist Sache des FC Bayern und seiner Mitglieder.

ZEIT: Damit der Verein weiter wächst, war das Team im vergangenen Sommer in Asien. Sie kündigten an, eine solche Reise alle zwei Jahre zu wiederholen. Nun waren Sie gerade schon wieder dort. Was ist in den letzten zwölf Monaten geschehen?

Watzke: National sind die Fernsehgelder gerade auf ein Rekordniveau geklettert. Wachstumspotenzial gibt es kurzfristig vor allem bei den internationalen Fernsehgeldern – und beim weltweiten Sponsoring sowie beim Merchandising. Wir wollen bei den großen Fischen mitschwimmen. Wer das will, muss in Asien Präsenz zeigen. Wir wollen das. In diesem Jahr hatten wir das wertvolle Angebot, in China gegen Manchester United und Manchester City zu spielen. Jeder, der weiß, welchen Stellenwert die Premier League in Asien hat, der ahnt, was uns dort ein 4 : 1 gegen Manchester United bringt.

ZEIT: Will Ihr Trainer nicht lieber in Europa trainieren, statt in Asien auf Promo-Tour zu gehen?

Watzke: Ein Trainer muss sich immer die Frage stellen: Will ich einen großen Verein trainieren oder nicht? Unserer will. Daher weiß er auch, dass Asien-Reisen dazugehören. Wer heute auf diesem Niveau sagt: Asien interessiert uns nicht, hat schon verloren.

ZEIT: Zu Klopp-Zeiten hieß es immer, nur wenn Sie, Zorc und Klopp einen Spieler wollen, wird er auch verpflichtet. Gilt das auch mit Tuchel?

Watzke: Natürlich. Man kann keinen Spieler verpflichten, den der Trainer ablehnt. Wer das macht, pflanzt den Keim des Scheiterns. Zugleich ist die Transferpolitik aber die originäre Aufgabe eines Vereins. Er muss langfristig planen und darf sich, ganz grundsätzlich betrachtet, nicht von den Wünschen eines Trainers abhängig machen, der sich dann – das kommt ja gerade in Mode – im schlimmsten Falle aus seinem Vertrag kaufen lässt. Daher geht es nur mit Einigkeit.

ZEIT: Bei der Verpflichtung von André Schürrle war zu lesen, dass Tuchel ihn unbedingt haben wollte und Sie weniger überzeugt waren.

Watzke: Ich habe auch gelesen, dass es andersrum Widerstände gegen Götze gab. Alles Quatsch. Wir waren von Anfang an darauf aus, beide zu holen.