Der Mensch hat zwei Ohren, das ist die Kernidee von allem, was nun folgt. Ja, im Ernst, das ist schon alles, die Botschaft to go. Und was sagen Sie jetzt? Ich kenne Sie nicht, aber ich vermute, dass in diesem Moment aus den Tiefen Ihres Bewusstseins die ersten Einwände emporsteigen. "Natürlich", so könnten Sie entgegnen, "der Mensch hat zwei Ohren, das ist doch banal. Und überhaupt, das ist keine Idee, sondern eine Beschreibung der körperlichen Realität." Das kann man so sehen, stimmt. Und doch bin ich davon überzeugt, dass die Idee von den zwei Ohren das Potenzial hat, ein Leben zu verändern – und letztlich den Gang der Geschichte.

Die Begebenheit, die mir das klargemacht hat, liegt etwas zurück, aber sie wirkt bis heute nach. Sie hat Menschen, die lange geschwiegen hatten, zum Sprechen gebracht, sie hat damit einen Skandal ausgelöst und die Macht des Zuhörens gezeigt. Sie beginnt im Jahr 2000. Damals wird der Priester Klaus Mertes zum Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin berufen, es handelt sich um ein katholisches Gymnasium, geführt von Jesuiten. Er ist ein begeisterter Schulleiter und merkt doch bald, dass etwas nicht stimmt. Ein Geheimnis rumort in der Kommunikations-Unterwelt dieser Schule. Es wird herumgedruckst, wenn es um einzelne Priester geht. Es gibt Andeutungen, diffuse Gerüchte, Hinweise voller Scham. Pater Mertes hört sich um, noch vorsichtig, weil er ja nichts Genaues weiß. Immer wieder fragt er bei den Treffen der Altschüler: "Erzählt mal, was war da los? Wer von euren ehemaligen Mitschülern ist heute nicht da? Und warum eigentlich nicht?"

Allmählich entsteht im Lauf der Jahre ein Klima des echten Zuhörens. Eines Tages im Januar 2010 sitzen dann drei Männer in seinem Büro. Sie berichten von Missbrauch, von Sadismus, Gewalt und von Formen der Demütigung, die einen Menschen brechen können. Jetzt gibt es Gewissheit.

Das Gespräch dauert zwei Stunden. Kurz darauf schreibt Pater Mertes einen Brief an 600 ehemalige Schüler. Er bittet um Verzeihung und verspricht, die Praxis des Vertuschens und Verdrängens, die mehr als 30 Jahre andauerte, zu beenden und wirklich zuzuhören. Ein paar Tage später wird sein Brief öffentlich. Anschließend hört sein Telefon nicht mehr auf zu klingeln. Er bekommt täglich Hunderte von Mails. Mails von ehemaligen Schülern, die ihm aufgewühlt danken, Mails von Menschen, die von ihren eigenen Missbrauchserlebnissen erzählen, in den Klöstern und Schulen der Republik. Er erlebt etwas, das man den Dominoeffekt des Zuhörens nennen könnte: Wenn jemand wirklich zuhört, ändert er das System der kommunikativen Spielregeln. Dinge geraten in Bewegung.

Aber der Pater erfährt auch Abwehr, Angst und Hass. In einer Versammlung ruft eine Ordensschwester, bevor sie zusammenbricht: "Was tut Pater Mertes uns an?" Andere sagen: "So etwas macht ein Priester nicht! Ich will solche Schweinereien nicht hören." Eines Tages wird der Pater öffentlich angespuckt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Seine Geschichte illustriert die Idee von den zwei Ohren. Mit dem ersten, dem Ich-Ohr, hören wir entlang unserer persönlichen Urteile und Vorurteile zu. Hier ist, wie der Neurobiologe Humberto Maturana sagen würde, die Matrix unserer persönlichen Weltwahrnehmung bestimmend. Hier fragen wir nach dem Grad der Übereinstimmung mit unseren eigenen Auffassungen, die als Filter funktionieren. Über Jahrzehnte hinweg hat man am Canisius-Kolleg auf diese Weise zugehört.

Das Du-Ohr bringt die nicht egozentrische Aufmerksamkeit. Hier versucht man, in die Welt des anderen einzutauchen. Man fragt: In welcher Welt ist das, was der andere sagt, plausibel, sinnvoll, wahr? Mit dem Du-Ohr hören wir den anderen wirklich – in seiner Fremdheit, seiner Schönheit, seinem Schrecken.

Zuhören wird so zum Auftakt echter Begegnungen, letztlich zu einer Form des Liebens, wie der Psychologe Erich Fromm einmal schrieb. Und doch: Häufig regiert das glatte Gegenteil, das bewusste und halb bewusste Weghören, hm, hm, ja, hm, nein, nein, doch, ich hab dir zugehört! Oder die abwehrende Gleichgültigkeit und die Ignoranz im System, die den Skandal allmählich größer werden lassen. Sich mit Empathie selbst zu überwinden gelingt den wenigsten. Das macht die Geschichte von Pater Mertes so ungewöhnlich, so spektakulär.

Wie viele Schüler nicht nur des Canisius-Kollegs, sondern auch der Odenwaldschule hätte man vor Verletzungen und Beschämung bewahren können, wenn man ihren Hinweisen, als sie von Missbrauch erzählten, nachgegangen wäre? Wo stünde der VW-Konzern, wenn man die internen Warnungen vor dem Einsatz der Betrugssoftware ernst genommen hätte? Wo lebte Edward Snowden heute, wenn die NSA fähig gewesen wäre, ihm ernsthaft zuzuhören?