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Für einen wie Blaine Gibson ist die Welt ein kleiner Ort. Er hat alle Kontinente und Weltmeere bereist, er war in 177 Ländern. Blaine Gibson, US-Amerikaner, 59 Jahre alt, hat keinen richtigen Beruf, dafür einen Ehrgeiz, den man vermessen nennen könnte, fast dreist.

Kolumbus fuhr nach Westen.

Vasco da Gama nach Osten.

Gibson sitzt mit Badelatschen an den Füßen in einem kleinen, grünen Boot, das vor der Küste von Mosambik durchs ruhige Meer gleitet.

Es ist der 27. Februar, der Heckmotor leiert, der Fahrtwind kühlt die afrikanische Hitze runter. Blaine Gibson ist, seit zehn Monaten schon, unterwegs auf einer Reise gegen alle Wahrscheinlichkeit. Er war in Myanmar, Kambodscha und Thailand, dann in Malaysia und Westaustralien, auf den Malediven, Mauritius und La Réunion. Tausende Dollar hat er für Flugtickets, billige Herbergen und Bootsfahrten ausgegeben, aber nirgendwo hat er gefunden, wonach er sucht. Nun also Mosambik. Im Küstenstädtchen Vilankulo hat ihm ein Fischer von einer Sandbank berichtet. Dort werden alle möglichen Dinge angespült, hat der Fischer gesagt, alte Netze, Seile, abgerissene Bojen. Gibson, so wird er es später erzählen, hofft an jenem Februartag, dass noch etwas anderes dabei ist – etwas, das nur ein Wissender vom Müll des Meeres unterscheiden kann. Etwas, das ihn der Lösung des Rätsels näher bringen könnte. Gibson sucht Trümmerteile eines Flugzeugs.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Am frühen Morgen des 8. März 2014, etwa zwei Jahre bevor Blaine Gibson den Fischer bittet, ihn zur Sandbank zu schippern, verschwand eine Boeing 777 von Malaysia Airlines. Flug MH370. 239 Menschen waren mit der Maschine auf dem Weg von der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur nach Peking. 37 Minuten nach dem Start war die Boeing auf einmal nicht mehr auf den Radarschirmen zu sehen. Bis heute ist sie nicht wieder aufgetaucht.

Ein Unfall? Technisches Versagen? Ein Terroranschlag? Selbstmord des Piloten? Wurde das Flugzeug abgeschossen wie vier Monate später MH17, ein anderer Jet derselben Airline, der über den Wolken in den russisch-ukrainischen Konflikt geraten war?

In einer Welt, in der Satelliten Autos auf den Meter genau lokalisieren, in der Raketen punktgenau gelenkt werden, ist ein Flugzeug einfach so weg: ein stählernes Ungetüm, 223 Tonnen schwer, mit modernster Kommunikationstechnik ausgestattet.

Die Suche nach MH370 ist ein gigantisches Puzzle. Amerikanische Ingenieure, australische Physiker und Mathematiker, britische Satellitenexperten versuchen, es zusammenzusetzen, und verzweifeln daran, weil so viele Puzzleteile fehlen. Die Fachleute haben komplizierte Rechnungen erstellt, haben Flugzeuge fliegen, Schiffe fahren und Sonargeräte den Meeresboden abtasten lassen. Es ist die größte Unterwassersuche, die es je in der Geschichte gegeben hat, sie kostet 115 Millionen Euro. Doch die Technik hat keine Chance gegen die Unermesslichkeit des Ozeans.