Im Grunde sollte jeder Politiker sich diesen Test gelegentlich zumuten: Triff denjenigen, für den deine Forderungen die größten Nachteile haben. Und der deshalb einen Rochus auf dich hat. Wir haben Robert Habeck, den grünen Umweltminister in Schleswig-Holstein, zu einem solchen Treffen eingeladen – mit seinem größten Widersacher beim Bauernverband, dem Milchbauern Klaus-Peter Lucht.

Zwei Männer stehen im dampfenden Kuhmist, umringt von erstaunt glotzenden Milchkühen, und motzen sich an. Robert Habeck, 46, grüner Umweltminister von Schleswig-Holstein, ist zu Besuch auf dem Hof des Erzfeinds: Klaus-Peter Lucht, 55, Vize des Bauernverbands und Herr über neunzig Hektar saftig-matschiges Weideland im schleswig-holsteinischen Mörel. "Ich muss Geld verdienen", ruft Lucht und weist mit langem Arm über das Familienanwesen, "das versteht ihr Grünen einfach nicht!" Habeck gibt zurück, in gleicher Lautstärke: "Es ist doch gerade eure Politik, das ewige Billiger und Mehr des Bauernverbands, das Bauern in den Ruin treibt!"

Zwischen zwei Wortkanonaden findet sich auf beiden Seiten auch immer mal wieder Zeit für ein Grinsen. Es ist ernst, todernst, schließlich geht es um Essen und Trinken, um Leben und Existenzangst, um Familie und Heimat. Aber zwischendurch blitzt auf, dass diese beiden politischen Viecher sich nebenbei auch mögen und schätzen, an allen Verbandsdiktaten vorbei. Sie duzen sich.

Wie redet man mit dem politischen Gegner? Hat es überhaupt einen Sinn, ausgerechnet diejenigen persönlich aufzusuchen, die von der eigenen Politik handfeste Nachteile, womöglich gar den wirtschaftlichen Ruin zu befürchten haben? Habeck findet, ja. Er sucht geradezu das Gerangel: "Lieber Turnhalle als Talkshow."

Für den Bauernverband von Klaus-Peter Lucht sind die Grünen Überregulierer, Existenzvernichter, Kommunisten. "Wenn die an der Macht sind", sagt Lucht am abgebeizten Küchentisch, auf den seine Frau zum Kaffee braunen Zucker gestellt hat ("Ökozeugs"), "dann bleibt uns keine Luft zum Atmen. Ich hasse diese Bevormundung. Ich will doch ein freier Mensch sein!" Wasserschutz-Vorschriften, Vorschriften über die "Knicks", die Wallhecken an den Feldrändern, den Auslauf der Tiere, die Menge an Gülle pro Quadratmeter, die Hormonbehandlung und, und, und – Lucht findet, das alles kann nur jemand fordern, der keine Ahnung von Landwirtschaft hat, vom Geschäft. Ein Städter, der als Kind zu viel Bullerbü gelesen hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 11.8.2016.

Habeck zuckt nicht mit der Wimper, wenn er das hört. Er hat es schon oft gehört, schließlich ist er seit vier Jahren Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume im Kabinett des SPD-Mannes Torsten Albig in Schleswig-Holstein. Kurz nach Habecks Amtsantritt hatte der Bauernverband eine Idee, über die Klaus-Peter Lucht sich heute noch diebisch freut. Entlang eines Autobahnabschnitts der A 7, auf Habecks Weg zur Arbeit von Flensburg nach Kiel, hatte der Bauernverband Heuballen postiert, aus denen riesige Schilder ragten, die der Minister nicht übersehen konnte. "Guten Morgen, Robert" stand da, dann "Das waren wir, Robert". Dann "Robert zerstört Knicks" und schließlich "Robert vernichtet Höfe" – wochenlang, Tag für Tag. "Wir wollten mit ihm ins Gespräch kommen", sagt Lucht heute, mit Unschuldsmiene. "Hat ja dann auch geklappt."

Habeck besuchte die Feste der Bauern, soff an ihren Ständen auf der Grünen Woche "Küstennebel", ließ sich auf Bauerntagen ausbuhen – hielt aber eben auch dagegen an der Stelle, an der es wehtut. "Ihr tut immer so marktwirtschaftlich", sagt er jetzt leise und blickt Lucht über den Küchentisch hinweg direkt in die Augen. "Vierzig Prozent des gesamten EU-Haushalts sind Subventionen an die Landwirtschaft. Ihr wollt das Geld, aber ihr wollt nicht, dass die Gesellschaft dabei mitredet, wie ihr mit den Tieren, mit dem Wasser, mit der Landschaft umgeht. Ihr nennt uns Kommunisten – aber ohne die Staatsknete läuft es nicht bei euch."

Habeck bei den "Todesschwadronen"

Für viele Grüne sind solche wie Lucht Massentierhalter – eine Zuschreibung, die inzwischen sogar bei der CDU als Schimpfwort gilt. Jürgen Trittin hat Viehbauern wegen der Hormonbehandlung der Tiere auch mal "Drogendealer" genannt. Der Grünen-Chef Cem Özdemir beschwerte sich, den Schweinen würde der Rüssel abgeschnitten – dabei ist es der Ringelschwanz, der kupiert wird, damit sie nicht gegenseitig daran herumkauen und dadurch Infektionen verursachen. Das war alles nicht hilfreich für den grünen Landwirtschaftsminister im Norden. Genau wie das Buch, das Anton Hofreiter, der Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, kürzlich vorgelegt hat. Darin stellt er die "Fleischfabrik Deutschland" als ein krankes System dar, das unsere Lebensgrundlagen zerstört, die Dritte Welt ausbeutet, das Klima vergiftet und bei Tieren für "lebenslanges Leiden" sorgt. Hofreiter hat immer wieder über "Todesschwadronen" gesprochen, die im Auftrag von Großbauern gegen renitente Grundbesitzer vorgingen. Das Wort "Todesschwadronen" ist beim Bauernverband bitter aufgestoßen, man fühlte sich direkt angesprochen.

Im Januar hat Lucht eine Protestaktion gegen Hofreiter organisiert, bei der er und hundert andere Bauern in Leuchtwesten sich mit rauchendem Wurstgrill und Megafon vor dem veganen Restaurant postierten, in dem der grüne Fraktionsvorsitzende saß und aß. "Das war", schimpft Habeck empört, "die beschissenste Aktion, die ihr je gemacht habt! Was kommt als Nächstes? Vor der Moschee oder der Synagoge?" Lucht verschränkt ungerührt die Arme vor der Brust. "Ich will das jetzt nicht vergleichen", meint er. "Aber in Adolf Hitlers Mein Kampf konnte man auch schon alles nachlesen, was der dann später einmal tun würde. So was hat Herr Hofreiter halt jetzt auch vorgelegt. Kann nachher keiner sagen, er habe von nichts gewusst!"

So steht es. Hofreiter ist der Gottseibeiuns des Bauernverbands. Wenn Lucht aber gebeten wird, etwas über Robert Habeck zu sagen, wird er verblüffend versöhnlich. "Der ist ehrlich, nicht so polemisch. Mit dem kann man reden. Und ich schätze es, dass er nie das Wort ›Massentierhaltung‹ in den Mund nimmt." Die Küche, in der Lucht das sagt, könnte in jeder gepflegteren Grünen-WG stehen. Abgebeizte Schränke, schwarz-weißer Mosaikboden, im Regal Bücher über Vollwertkost. Lucht sagt, dass er selber mal ein Grüner gewesen sei, damals, als es gegen Brokdorf ging. Aber seit er 1992 den elterlichen Hof übernommen hat, seit er seine Familie und nun eine zweite Familie davon ernähren muss, da hat er sich von den Grünen abgewandt. An der Wand seiner Küche hängt kein tröstlicher Kitsch, auch kein Hirschgeweih, sondern künstlerische Fotos des Hofes, das älteste aus den 1920er Jahren. Seit vier Generationen lebt die Familie hier im Dorf, das 20 Kilometer westlich von Neumünster in der holsteinischen Geest liegt. Grün und hügelig, so weit das Auge reicht. Lucht ist überglücklich, dass sein Sohn Stefan am 1. Mai hier eingestiegen ist und den Hof übernehmen will. Sie haben, berichtet er stolz, eine WhatsApp-Gruppe gegründet, "Unsere kleine Farm", mit der sich die jungen Männer im Dorf koordinieren, wer Hilfe braucht, wo geerntet werden muss. Digitale Landwirtschaft.

Wenn man Habeck fragt, wie er Klaus-Peter Lucht einem Fremden vorstellen würde, sagt er nach kurzem Grübeln: "Klaus-Peter hat mich die dunklen Seiten seines Geschäfts sehen lassen. Das rechne ich ihm hoch an." Das war im Sommer vor einem Jahr. Lucht hat Habeck gezeigt, wie er Kälbern die Hörner ausbrennt. Bei Lucht werden sie erst sediert und dann betäubt – "Sie kippen zur Seite wie tot". Dann wird der Hornansatz mit einem Brennstab verätzt. Man spart dadurch Platz im Stall, weil Tiere ohne Hörner enger zusammenstehen können. Luchts Methode ist noch die tierfreundlichste. Auf anderen Höfen, so Lucht, werde der Kopf der Tiere auf einem Teller fixiert und das Horn ohne Betäubung herausgedreht, eine volle Minute lang.

Habeck hat in den vier Jahren seiner Amtszeit eine "Fleischreise" unternommen, um alles zu sehen, was es da an Grausamkeiten gibt: die Sauen in den Kästen, in denen sie sich kaum bewegen können, das Abferkeln in Zwangshaltung, das Schwänzekupieren, das Kükenschreddern. Er will sich nicht nachsagen lassen, ein Bewohner des Elfenbeinturms zu sein. Habeck sagt, er verstehe die Angst und den wirtschaftlichen Druck, der entsteht, wenn Milchbauern nur noch 22 Cent für einen Liter Milch bekommen, wo sie 43 brauchten, um leben zu können. Luchts Vater hatte 40 Kühe, die jeweils 5.400 Liter Milch im Jahr gaben. Sie gingen noch auf die Weide, das können Luchts Kühe heute kaum noch. Er hat 150 Kühe, die 8.300 Liter Milch geben. In den USA gibt es welche, die produzieren 15.000 Liter – natürlich nur unter heftigen Hormongaben, die dazu führen, dass der Euter nach zweieinhalb Jahren krank ist. "Wegwerfkuh" nennt man so was.

Habeck will, dass die Bauernfunktionäre nicht nur jammern und Subventionen erkämpfen, sondern auch bereit sind, sich zu verändern. Lucht stimmt ihm zu. "Ich bin kein Opfer", sagt er. "Den mimosenhaften Scheiß, den sollten wir mal lassen." Aber bei der entscheidenden Differenz bleibt es, auch nach einem lebhaften, stellenweise vergnügten Vormittag des Debattierens und Stall-Begehens. Lucht glaubt fest daran, dass die deutschen Bauern den Weltmarkt brauchen – China und den arabischen Raum in seinem Fall –, um zu überleben. Also weiter mit dem steten "Billiger und Mehr". Das Chaos nach den arabischen Revolutionen habe ihm den Boden weggehauen, ja, das räumt er ein. "Aber so was fordert mich doch gerade heraus, so eine Krise! Ich brauche Pfeffer im Karton!" Er versteht nicht, dass der sonst so quietschfidele Habeck da so schwarzsieht. Aber das tut der. Habeck findet, dass die Bundesrepublik sich in der Landwirtschaft von diesem Weltmarkt abkoppeln solle, weil der alle Beteiligten ins Elend treibe. Stattdessen: ethischer essen, Vorbild sein. So wie bei der Energiewende.

Nachher im Auto, auf dem Weg von Mörel nach Hamburg, wo Habeck den Flieger nach Köln zum WDR nimmt, lässt er den Vormittag mit Lucht Revue passieren. Links und rechts steht der Mais hoch, wie immer um diese Jahreszeit. Habeck hat nicht wirklich den Eindruck, zu seinem Gegner durchgedrungen zu sein. Hat es ihn nicht überrascht, dass der sich als ehemaliger Grüner geoutet hat? "Das sagen die immer", meint Habeck. "›Ach Robert, ich bin doch eigentlich ein Grüner.‹ Da folgt nur so herzlich wenig draus." Habeck ist dem Milchbauern als aufgebrachte, wütende, aber zugleich irgendwie zugängliche und knautschfeste Person begegnet, die ihre Sprechzettel im Büro gelassen hat. Mehr kann man als politischer Gegner wohl nicht erwarten.

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